100 Jahre MOTORRAD: Maschinen und Mythen (Archivversion) Der Mythos des Ewigen und Unvergänglichen

Jede Ewigkeit ohne Ende, aber keine ohne Anfang. Es braucht den Urknall. Yamaha ließ es knallen, 1975, mit der XT 500. Die machte an, keine Frage. Aber kriegst du sie an? Weißt du, wie’s geht? Pass auf! Sie ist ein Biest. Schlägt dir das Schienbein durch. Haut dir zumindest die Wade blau. Oder adelt dich. Zum Herrscher über den Urknall, mit dem die Ewigkeit beginnt. Alles nicht so wild. Gewusst wie, dann kommt sie spätestens mit dem dritten Kick. Ganz ohne Hinterlist. Aber dieses Geheimnis hüten die Kundigen wie Schamanen. Denn Geheimnisse sind spannend, und wer sie kennt, ist es ergo auch.Nur knapp drei Zentner reichten Yamaha vor fast dreißig Jahren, eine Enduro zu bauen. Eine? Die Enduro. Die Enduro, die jeder sich wünschte, wenn es nach Nairobi gehen sollte, nach Novosibirsk oder sonst in die Weite. Oder einfach nur zur Inspektion. In die eigene Garage eben, wo ein Schraubenzieher, ein paar Schlüssel und eine Fühlerlehre für den großen Service reichen. Es ist nichts dran, also geht nichts kaputt. Und wenn doch, egal. Laufen tut sie immer, irgendwie. »Zur Not«, sagt Kollege Henniges, den die XT um die ganze Welt getragen hat, »reicht eine gefaltete Postkarte zum Einstellen des Unterbrecherabstands und Zigarettenpapier zur Überprüfung des Zündzeitpunkts.«Ewig währt eben nur dann am längsten, wenn zur rechten Zeit das Ventilspiel kontrolliert und die Steuerkette gespannt wird. Anders gesagt: Die Schlüssel zum Mythos der Ewigkeit sind ein Zwölfer und ein Zehner – Zehner und die Kunst ein Motorrad zu warten. Oder so ähnlich. Denn ohne Warten kommt auch die Ewigkeit nicht aus. Logo. Sie ist eine verdammt lange Angelegenheit. Und eine lästige. Zumindest für Händler und Hersteller. Der Mythos der Unvergänglichkeit erweist sich, rein wirtschaftlich, als wenig profitabel. Denn er sperrt sich gegen die Schnelllebigkeit der Motorradmoden wie gegen den hohlen Hightech-Hype.Zum Mythos wurde die XT nicht, weil sie so herrlich einfach ist, sondern weil die anderen so kompliziert daher kommen. Worauf sich übrigens auch die Aura zweiventiliger BMW gründet. Die boxen sich überall durch. Und werden weder in Kufstein noch in Katmandu von einer kapriziösen Einspritzung ausgeknockt.

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