100 Jahre MOTORRAD: Zeitreise und Interview mit Paul Pietsch (Archivversion) Viel, viel Gottvertrauen

Seit 1949 wird MOTORRAD in der Motor-Presse-Stuttgart verlegt. Paul Pietsch, Gründer des Verlagshauses, erzählt im MOTORRAD-Interview von den ersten Jahren.

? Herr Pietsch, 1949 bewiesen Sie großen verlegerischen Mut und kauften vom Berliner Koenig-Verlag den Titel »Das Motorrad«. Was hat Sie damals dazu bewogen?!1946 hatten wir die Zeitschrift »Das AUTO« gegründet. Die hat sich bis ’49 gut gemacht. Einer unserer Redakteure war Gustav Müller, der frühere Chefredakteur von »Das Motorrad«. Der hat mir mindestens einmal pro Woche erzählt, wie wichtig es wäre, eine Motorradzeitschrift zu gründen. Durch ihn kamen wir in Kontakt zum Koenig-Verlag.?War es seinerzeit kostspielig, solche Titelrechte zu erwerben?!Wir haben 3000 Mark dafür gezahlt. Das war viel Geld in diesen Zeiten. Für zwei Mark konnte man schon richtig gut essen gehen.?Spielten Anzeigen zu jener zeit schon eine Rolle?!Nein, die Anzeigen waren ein willkommenes Obendrauf. Der Haupterlös kam direkt aus den Verkäufen.?Mit welcher Auflage startete »Das Motorrad« 1949, und wie viel Hefte wurden tatsächlich verkauft?!Beim Verkauf erreichten wir aus dem Stand zwischen 20000 und 30000. Aber bei »Das AUTO« hing die Auflage zunächst nur von der verfügbaren Papiermenge ab. Wir waren fast immer ausverkauft. Bei »Das Motorrad« hatten wir schon genug Papier, aber ebenfalls kaum Remission.?Bereits 1950 erschien »Das Motorrad« alle 14 Tage. Warum haben Sie so früh auf diesen Rhythmus umgestellt?!Damit war der Wechsel mit »Das AUTO« gut möglich, wir hatten so eine konstante Auslastung.?Hegten die Print-Medien in den 60ern, als das Fernsehen die deutschen Wohnzimmer eroberte, ähnlich apokalyptische Gedanken wie in den 90ern, als das Internet aufkam?!Das Fernsehen hat uns schon Gedanken gemacht. Viele haben gezweifelt: Lesen die Leute dann überhaupt noch? Doch es hatte überhaupt keinen Einfluss. Die Währungsreform 1948 übrigens auch nicht.?Als Verleger erlebten Sie mit »Das Motorrad« und »MOTORRAD« allerhand Talsohlen. Haben Sie je daran gedacht, die Zweiradschiene zu verlassen?!Nein. Wir hatten immer viel Gottvertrauen. Selbst als die Auflage Anfang der 60er Jahre auf 20000 gefallen war. ?Welches war Ihr erstes Motorrad, und wann fuhren Sie zum letzten Mal?!Zuerst hatte ich eine Wanderer, ich war 16, und die war führerscheinfrei. Danach fuhr ich eine 200er-Neander, die ich dann schnell auf 500 cm3 aufrüstete. In jener Zeit gab es oft noch rutschige Lehmstraßen. So einmal am Tag ist man da gestürzt. Das letzte Mal fuhr ich an meinem 80sten Geburtstag auf einer Horex mit, ein tolles Motorrad.? Sie hatten 1949, als keiner einen Pfifferling aufs Motorrad gab, den richtigen Riecher. In seiner Blütezeit erreichte MOTORRAD eine Auflage von über 300000. Momentan erleben wir abermals eine Rezession. Wie sieht die Zukunft des Motorrads aus?!Ich habe da keine Bedenken. Motorradfahrer wird es immer geben, es ist ja heute kein Fortbewegungsmittel, sondern eine Art Sport.Lieber Herr Pietsch, wir danken Ihnen nicht nur für dieses Gespräch.

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