100 Jahre MOTORRAD (Archivversion)

Maschinen und Mythen

Technik war schon immer mehr als simple Mechanik. Angetreten, die Welt zu rationalisieren, brachte sie gleich neuen Zauber in die Welt. Einen Zauber, der sich der Erklärung verweigert und deshalb so wichtig ist.

Aufgeklärt, abgeklärt, nüchtern und kalt, braucht selbst die Moderne ihre Mythen. Und die Postmoderne sowieso. Denn der Verstand, er erklärt nur das Erklärbare, und die Technik, sie macht nur das Machbare. Motorräder zum Beispiel. Doch die dienten niemals nur zum kruden Gebrauch, bewegten immer auch den Geist, die Gefühle. Verkörperten Vorstellungen, Wünsche, Träume und Sehnsüchte. Weil gerade das Motorrad schon immer mehr war als nur die Summe seiner Teile. Weil es dem Sinn zur Sinnlichkeit verhilft und weil sich der Mensch auf seinem Weg durchs Leben ja nicht nur vom Reihenhaus zum Werkstor und wieder zurück bewegen will.Früher brauchten Menschen Mythen, um die Welt zu begreifen: Wenn es blitzte, hatten garantiert Thor oder Zeus den Donnerkeil geschmissen, war einer unvorstellbar stark, hatte er sicher Spinat gefressen, war er unverwundbar, hatte er bestimmt in Drachenblut gebadet. Heutzutage weiß jedes Kind, dass Blitze nicht anderes als elektrische Entladungen sind, Spinat nur Blubb macht und Drachenblut ein billiger Rotwein ist, der nicht unverwundbar, sondern Kopfschmerzen macht. Das erklärt alles, aber es befriedigt eigentlich niemanden. Nicht mal Verona am Kochtopf. Weshalb der Mythos bis heute nicht tot zu kriegen ist. Einst hatte er die verzauberte Welt zu erklären, jetzt hat er die erklärte Welt zu verzaubern. Dazu braucht’s freilich keine Götter mehr. Göttliche Maschinen tun’s auch. Auf einer MZ der reglementierten Welt davonknattern. Sich auf einer Suzuki Hayabusa aus trägem Alltag katapultieren. Mit einer Yamaha Vmax Allmachtsfantasien beschwören, vor allem beim Ampelstart. Das sind Mythen der Moderne. Mythen von grenzenloser Freiheit, von Sieg und Ruhm, von Geschwindigkeit und unbändiger Gewalt und Mythen der Unvergänglichkeit.
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100 Jahre MOTORRAD: Maschinen und Mythen (Archivversion) - Der Mythos des Ewigen und Unvergänglichen

Jede Ewigkeit ohne Ende, aber keine ohne Anfang. Es braucht den Urknall. Yamaha ließ es knallen, 1975, mit der XT 500. Die machte an, keine Frage. Aber kriegst du sie an? Weißt du, wie’s geht? Pass auf! Sie ist ein Biest. Schlägt dir das Schienbein durch. Haut dir zumindest die Wade blau. Oder adelt dich. Zum Herrscher über den Urknall, mit dem die Ewigkeit beginnt. Alles nicht so wild. Gewusst wie, dann kommt sie spätestens mit dem dritten Kick. Ganz ohne Hinterlist. Aber dieses Geheimnis hüten die Kundigen wie Schamanen. Denn Geheimnisse sind spannend, und wer sie kennt, ist es ergo auch.Nur knapp drei Zentner reichten Yamaha vor fast dreißig Jahren, eine Enduro zu bauen. Eine? Die Enduro. Die Enduro, die jeder sich wünschte, wenn es nach Nairobi gehen sollte, nach Novosibirsk oder sonst in die Weite. Oder einfach nur zur Inspektion. In die eigene Garage eben, wo ein Schraubenzieher, ein paar Schlüssel und eine Fühlerlehre für den großen Service reichen. Es ist nichts dran, also geht nichts kaputt. Und wenn doch, egal. Laufen tut sie immer, irgendwie. »Zur Not«, sagt Kollege Henniges, den die XT um die ganze Welt getragen hat, »reicht eine gefaltete Postkarte zum Einstellen des Unterbrecherabstands und Zigarettenpapier zur Überprüfung des Zündzeitpunkts.«Ewig währt eben nur dann am längsten, wenn zur rechten Zeit das Ventilspiel kontrolliert und die Steuerkette gespannt wird. Anders gesagt: Die Schlüssel zum Mythos der Ewigkeit sind ein Zwölfer und ein Zehner – Zehner und die Kunst ein Motorrad zu warten. Oder so ähnlich. Denn ohne Warten kommt auch die Ewigkeit nicht aus. Logo. Sie ist eine verdammt lange Angelegenheit. Und eine lästige. Zumindest für Händler und Hersteller. Der Mythos der Unvergänglichkeit erweist sich, rein wirtschaftlich, als wenig profitabel. Denn er sperrt sich gegen die Schnelllebigkeit der Motorradmoden wie gegen den hohlen Hightech-Hype.Zum Mythos wurde die XT nicht, weil sie so herrlich einfach ist, sondern weil die anderen so kompliziert daher kommen. Worauf sich übrigens auch die Aura zweiventiliger BMW gründet. Die boxen sich überall durch. Und werden weder in Kufstein noch in Katmandu von einer kapriziösen Einspritzung ausgeknockt.

100 Jahre MOTORRAD: Maschinen und Mythen (Archivversion) - Der Mythos von Sieg und Ruhm

Jeder kennt die Story vom kleinen David, der Goliath einen Stein gegen die Birne schleuderte und so den übermächtigen Riesen fällte. Und fast jeder kennt die Geschichte vom tapferen Kevin, der, auf unterlegenem Material, aber mit Todesverachtung sich zum Weltmeister slidete. Solche Sieger sind Helden, nutzen sie doch eine Chance, die sie gar nicht haben. Sie werden zum Mythos, weil ihr Erfolg nicht nur in nüchterner Chronik steht, sondern in den Herzen aller lebt, als Triumph. Sie vollbringen, worauf alle warten: das Unerwartete. Der erwartete Sieg hingegen, er bringt nur einen Lorbeerkranz, der nach kurzer Zeit verstaubt. Es sei denn, die Erwartung wird wieder und wieder bestätigt. Weshalb jeder die Geschichte von Herkules kennt, der in der Antike alles und jeden platt machte. Weil eben nicht der einzelne Sieg ewigen Ruhm bringt - Rekorde müssen es sein. Weshalb fast jeder die Geschichte von MV Agusta kennt, eine Geschichte von Rekorden für die Ewigkeit. Insgesamt 37 WM-Titel und 270 Grand-Prix-Siege. Rekord. Von 1958 bis 1974 wurde in der Königsklasse keiner Weltmeister, wenn er nicht MV fuhr. Rekord. Von 1958 bis 1960 hieß das Siegermotorrad in allen vier Klassen MV. Rekord. Zwischen 1966 und 1972 triumphierte bei den 500ern immer nur einer, Giacomo Agostini auf MV. Rekord. Immer noch. Obwohl MV sich vor mehr als einem Vierteljahrhundert schon aus dem Renngeschehen verabschiedet hat. Rechtzeitig. Bevor die japanischen Zweitakter den Ton angaben, die aber den Klang von MV bis heute nicht erreicht haben. Ein Klang, der 1999 wiederbelebt wurde. Nicht der Klang der Motoren, aber der des Namens MV und all dessen, was darin mitschwingt. Der Mythos eben, der Mythos von Sieg und Ruhm. Den die F4 spazieren fährt, ohne bisher auch nur einen Blumentopf gewonnen zu haben. Weil das Design hält, was MV früher versprach. Und weil das Unternehmen clever genug ist, die sportlichen Erfolge glorreicher Jahre wieder heraufzubeschwören. Nicht aber so vermessen, sie wiederholen zu wollen. Würde eh nicht klappen. Weil dann die schnöde Realität den schönen Mythos zu Schanden machte.

100 Jahre MOTORRAD: Maschinen und Mythen (Archivversion) - Der Mythos grenzenloser Freiheit

Die Freiheit ist kein einfaches Geschäft. Für manche aber ein einträgliches. Für Harley-Davidson etwa. Mythos von Freiheit aus einem Land, das dafür sogar mal eine Statue aufgestellt hatte. Die allerdings von den Franzosen gestiftet worden war. Vom »alten Europa«, wie man drüben heute despektierlich sagt. Zeiten gab’s, da stand Harley tatsächlich für Werte, für die die Statue schon in den Sechzigern nicht mehr die Fackel gen Himmel reckte. Für die Freiheit, nicht angepasst zu sein, nicht smart, nicht erfolgreich. Mittlerweile - Visa, die Freiheit nehm’ ich mir - darf zumindest der Erfolg nicht fehlen. Denn für Werte steht Harley immer noch. Bilanzwerte. Und für die will die Company die Freiheit dieses Jahr über eine Viertelmillion mal verkaufen. Das schaffte MZ selbst zu besten Zeiten nicht. Obwohl die Freiheit auf der Emme nicht minder erstrebenswert war. Im Osten gab’s für viele kaum eine andere. Aber auf der 250er konnte man zumindest Trabbi und Wartburg hinter sich lassen. Wenn auch sonst nichts. Weil am Vorhang, dem eisernen, wieder Schluss war. Für den Fahrer, nicht die Maschine. Neckermann machte es möglich. Der Versandhauskönig brachte die Sachsen-Harley über die Grenze, in den Katalog und unter die Laternen vor den Wohngemeinschaften. Wo anarchische Chaoten hausten, die sich dem Konsum verweigerten, bevor sie ihn sich leisten konnten. Die sich im Bewusstsein auf höherer Ebene wähnten, gerade weil ihr Sein von der Masse belächelt wurde. Genauso wie ihre MZ. Sie ließ die Fahne des Sozialismus sogar in Winsen an der Luhe und Vilshofen durch die Straßen wehen. Und sie befreite vom Zwang, es noch zu was bringen zu müssen. Beispielsweise einem Opel Kadett, mit dem sich so prima nach Rimini zuckeln ließ, in die große weite Welt. Die allerdings noch größer und weiter war, solange der Weg zum Baggersee noch zur Reise ausartete. Mit fünfzig Kubik, auf der Florett. Die Kreidler machte Halbstarke zu Männern, auch wenn der Bart erst Jahre später sprießen wollte. Ohne war’s windschlüpfiger, sowieso. Sagenhafte 5,3 PS, das hieß Freiheit. Die grenzenlose Freiheit, allem und allen davonfahren zu können. Es sei denn, die Verfolger fuhren auch Florett.

100 Jahre MOTORRAD: Maschinen und Mythen (Archivversion) - Der Mythos der Geschwindigkeit

Geschwindigkeit ist keine Hexerei. Aber Geschwindigkeit ist Rausch, ist Glück, ist Mythos. Vor der Klappe des Säbelzahntigers gewann sie schon zu Urzeiten existenzielle Bedeutung. Zu langsam? Katzenfutter. Das gibt es längst in Dosen. Was am Mythos der Geschwindigkeit nicht rüttelt: Wer zu langsam ist, wird eingedost. Woraus Suzukis Hayabusa mythische Qualitäten bezieht. Die erste über 300. Wahnsinn? Nein. Existentielles Vergnügen. Grenzerfahrung. Aber wo? Morgens um fünf auf der Autobahn, da könnt’ ich mal... Könnt’ ich wirklich? Unerheblich, solange ich daran glaube. Und ohne den Glauben funktioniert der Mythos nicht. Auch nicht der von der Geschwindigkeit. Dieser Glaube, er tut sogar bessere Dienste als das Wissen, weil freier interpretierbar. Konkret: Der Traum vom Rausch bei 300 berauscht mehr als die Erkenntnis, wie eng die Spur schon bei 280 wird. Außerdem: einmal ausprobiert, für immer entmystifiziert. Nichts ist schöner als die Vorstellung, die nicht von der Realität eingeholt wird. Umso bedauerlicher, dass die Industrie sich von veröffentlichter Meinung einbremsen ließ und die mystischen 300 vom Tacho strich. Sei’s drum. Am Prinzip ändert sich nichts: »Es ist stets besser, aus einer Kanone geschossen, als aus einer Tube gequetscht zu werden. Das ist der Grund, Leute, weshalb Gott schnelle Maschinen schuf.« Glaubensbekenntnis von einem, der selbst lieber auf die Tube drückte, als sich aus selbiger quetschen zu lassen: Hunter S. Thompsons Hommage an die Vincent Black Shadow, Hayabusa der Fünfziger. Als der Rest an der magischen 100-Meilen-Marke knabberte, hätte die Vincent die Straße schon mit 190 unter sich wegfressen können. So es eine solche Straße schon gegeben hätte. Britische Tester jedenfalls kapitulierten vor Black Shadows Topspeed, über die es nur ein »not yet tested«, noch nicht getestet, zu vermelden gab. Was den Mythos Vincent ins Unendliche beschleunigte. Und manche Fahrer ebenfalls. »Wenn man die beliebig lange mit Höchstgeschwindigkeit fuhr, war man mit ziemlicher Sicherheit tot.« Deswegen, so Thompson, »gibt es so wenige lebende Mitglieder im Vincent Black Shadow Club«. Ein schnelles Motorrad ist eben doch ein himmlisches Vergnügen.

100 Jahre MOTORRAD: Maschinen und Mythen (Archivversion) - Der Mythos unbändiger Gewalt

Es war einmal ein Motorrad, so gewaltig, so böse, so stark, dass es sogar denen Angst machte, die damit hätten Geld verdienen können. Und das will was heißen. Die Vmax ward also zum Mythos und von Yamaha lange Zeit nur als Graue verkauft. Den ganz Unerschrockenen, mit den ganz dicken Armen und den ganz dicken Nerven. Für manche war die Vmax mit ihrem Bombenmotor und ihrem lämmerschwänzigen Fahrwerk einfach nur ein Scheißhaufen. Andere dagegen fanden sie schlicht brillant parfümiert. Mit dem Duft von verbranntem Gummi und dem Odeur unbändiger Gewalt. Keine Maschine, die schneller in mythische Höhen aufstieg - mit dem Vorderrad und von null auf hundert in weniger als drei Sekunden. Sie ging wie der Teufel, aber nur geradeaus. Ums Eck war’s die Hölle. Anders: Die Vmax zwingt zu einer Geradlinigkeit, die das Leben sonst nur allzu oft verwehrt. Weil’s dort brutal wäre, aber hier schlicht gewaltig kommt: Arnold S. fragt auch nicht erst, er langt hin. Und irgendwie steckt er doch in uns allen - Conan der Barbar.Indes, die Vmax war nicht das erste Motorrad, das die Japaner mit Thors Hammer geschmiedet hatten. Das nämlich hieß Z1 und kam von Kawasaki, 1972. Klar war die Honda CB 750 früher, und klar hat sie den Reihenvierer in die Serie eingeführt, genau wie die Scheibenbremse. Aber ging die CB 200? Nein, ging sie nicht. Aber die Z, die ging über 200. Die hatte 80 PS. Nur Mythos Mammut hatte mehr, kostete jedoch das Doppelte und war - langsamer. Sogar die Trommel hinten kam der Performance des bösen Four gerade recht. Nicht um der Gewalt Einhalt zu gebieten. Nein, um Legenden über die Unerschrockenheit der sie bändigenden Fahrer zu spinnen. Ebenso wie das wachsweiche Doppelschleifengeflecht, die mickrige Telegabel, jene heillos unterdämpften Federbeine und die labberig in Kunststoffbuchsen gelagerte Schwinge. Dieses Ensemble hatte der Gewalt des Reihenvierers nichts, aber auch gar nichts entgegenzusetzen. Wenn die Z pendelte, pendelte sie zwischen Sein und Nichtsein. Und die Z pendelte oft. Doch weite Pupillen hinterm Visier bedeuteten Begeisterung, nicht etwa Angst. Trau dich oder verpiss dich! Mann oder Memme, Barbar oder Barbara?

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