100 Jahre MOTORRAD (Archivversion)

»Für das wirklich Wesentliche...“

»...und für den geistig reiferen Leser, geht unser neues Blatt »Das Motorrad« heut zum ersten Male in die Welt hinaus.« Breslau 1903.

Tief unter der Erde, gedämpftes Licht, kilometerlange Gänge, Stahlschrank an Stahlschrank. Es ist still – sehr still. Kein Staubkorn in der Luft. Kein Lachen, kein Zeitgefühl, nichts Gegenwärtiges – nur der schwere Geruch nach vergilbtem Papier. Nach Vergangenheit, Pioniergeist, Hoffnung und Wissen. Hier unten in den Katakomben des Deutschen Museums, geschützt vor Tageslicht und vorm Vergessen, lagern die Anfänge von MOTORRAD: Ausgabe 1/1903 bis 26/1906, eingereiht zwischen den Schätzen der Zentralbibliothek für Technik und Naturwissenschaft.München ist oben und verdammt weit weg. Viel weiter als Breslau und der 4. Oktober 1903. Ein fast normaler Sonntag in der 400000 Einwohner zählenden schlesischen Hauptstadt. Damen mit großen Hüten flanieren über den Ritter Platz. Droschken und Automobile kurven elegant um sie herum. Dazwischen ein paar verwegene motorisierte Zweiradler, die seit heute ein »Spezialorgan«, ein Sprachrohr haben: »Das Motorrad. Illustrierte Zeitschrift für die Gesamt-Interessen der Motor-Radfahrer und technisches Organ zur Verbreitung des Motorrades.« Druck und Verlag: Paul Förster – drüben in der Matthias-Strasse No 29.Die Drähte des genannten Fernsprech-Anschlusses No. 1151 dürften an diesem Sonntag heiß gelaufen sein. Schließlich hatte die Welt nie zuvor ein vergleichbares Journal gesehen. Automobilzeitschriften – ja, auch radsportliche Blätter, aber nichts Spezielles für Motorradler. Die Erfindung des Reitwagens ist gerade 18 Jahre her, Gottlieb Daimler seit drei Jahren tot, und noch ein Jahr, bevor der Cannstatter Tüftler das Zeitliche segnete, galt ein »1¾pferdiger« Einzylinder in einem verstärkten Fahrradrahmen »für gar zu lebensgefährlich«. Inzwischen werben Gritzner und Progress mit 2 ¼ PS, und die belgische Minerva-Motors Ltd. will dank »zwangläufiger Ventil-Steuerung« gar bis zu »3 ½ HP« verwirklichen.Förster und Co. glauben an die Revolution des motorisierten Stahlrosses, an »die siegreiche Idee und eine neue große Industrie«. Die Zeit ist jung, Deutschland im Aufbruch. Eben wurde die Rechtschreibreform auf den Weg gebracht, in den Schulen der Aufklärungsunterricht eingeführt, an Universitäten das Hörrecht für Frauen. Graf Zeppelin hat das Wunder der fliegenden Zigarre vollendet, in Elberfeld ging die erste Schwebebahn über die Wupper, und auf einem Versuchsgelände am Stadtrand von Berlin knackt ein Siemens-Triebwagen die magischen 200 km/h. Täglich werden die Grenzen der Menschheit neu definiert, gleichzeitig steht der Jugendstil in voller Pracht. Prägt in seiner umstürzlerischen, von historischem Schwulst befreiten Art nicht nur die schönen Künste, sondern auch die Stimmung des Volkes. Man will alles! Und zwar sofort. Die durchschnittliche Lebenserwartung beträgt magere 40 bis 50 Jahre, das Pro-Kopf-Einkommen 1,40 Mark am Tag – 20 Pfennig kostet »Das Motorrad«.Alle 14 Tage liegt die Illustrierte frisch am Kiosk, stets mit dem gleichen Titelblatt: ein fröhlich winkender Motorradler an der Lorelei. 85 Mal lupft er sein Mützlein, die rheinische Schönheit zu grüßen, doch dann passiert das Unvermeidliche – quetscht sich ein Automobil ins Bild. Weil’s nix war mit der Revolution, mit der Massenverbreitung. »Die Motorradfabrikation hat sich dadurch, dass sie dem Verlangen der Sportsleute nachkam, in eine Sackgasse verrannt«, schreibt Richard Koehlich im Januar 1907 »an leitender Stelle« und schimpft über die viel zu schwer gewordenen, teuren »Kolosse«, die nur noch von kräftigen, jungen Mannen im Zaume zu halten seien.»Das Motorrad« ist tot – vom kleinen Wagen überrollt, seine Überreste werden vorübergehend ins »Automobil« gebettet, später in die Zeitschrift »Der Motor«.1920 – Dada, Bauhaus, Friedensvertrag von Versailles: Nach dem Ersten Weltkrieg ist nichts mehr wie es war. Inflation, Arbeitslosigkeit und eine schier unstillbare Lebensgier kennzeichnen die wilden Jahre der Weimarer Republik. Das Kraftrad erlebt als billiges Vergnügen eine unvorstellbare Renaissance. Um die 400 Hersteller werden allein in Deutschland gezählt. »Jeder kleine Mechaniker mit einer wackeligen Drehbank, einer Bohrmaschine und einem Lötkolben fühlte sich berufen, Motorräder zu bauen«, erinnert »Das Motorrad« im Februar 1930, anlässlich der zehnten Auferstehungsfeier des Titels.Derweil hat sich das Blatt unter der Ägide des Berliner Koenig-Verlags zur »größten deutschen Spezialzeitschrift« gemausert. Erscheinungsweise: wöchentlich. Gestopft mit Anzeigen, Sport- und Clubnachrichten, Ratgebern, Reiseberichten, Witzen und Rätselecken. Tests gab’s keine, nur hie und da mal eine Neuvorstellung. Indessen erquickten die Preußen ihre Leser mit einem Fortsetzungsroman. Dann aber verdirbt der Führer die Geschichte. 1934 stigmatisiert Hitlers Konterfei sogar den Motorrad-Titel. Und als der Reichskanzler fünf Jahre später den Zweiten Weltkrieg anzettelt, gehört die Zeitschrift endgültig der Katz. »Kameraden«, eröffnet das Editorial vom 9. September 1939, »Kameraden, es geht jetzt um alles. Die Zeit der fröhlichen Spazierfahrten ist für uns im Augenblick vorbei. Daß sie wiederkomme, in einem Deutschland, das an seinen Grenzen nicht bedroht wird (...), dafür geht jetzt unser Einsatz«.Er ging bis zum 20. März 1943, danach wanderte der Titel »im Rahmen der durch die totale Kriegführung notwenig gewordenen Sparmaßnahmen« in die Gemeinschaftszeitschrift DEUTSCHE KRAFTFAHRT.Zwei Jahre später steht die Nation vor dem totalen Nichts, und das Letzte, was sie braucht, sollten irgendwelche Motorsportblätter sein. Paul Pietsch, ein passionierter Rennfahrer, der im Frühling 1946 aus der Kriegsgefangenschaft heimkehrt, sieht das freilich ein bisschen anders. Bereits im Dezember 1946 bringt er den Vorläufer von »auto motor und sport« auf den Markt, gründet den Motor-Presse Verlag und kauft 1949 die Rechte an MOTORRAD. Kein Mensch hätte damals einen Blumentopf auf Koenigs danieder liegende Publikation verwettet. Heute ist sie die größte Motorradzeitschrift Europas. Die von dieser Ausgabe an zwölf Monate lang »über das wirklich Wesentliche« aus 100 Jahren MOTORRAD berichtet – »für den geistig reiferen Leser«.
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100 Jahre MOTORRAD: Zeitreise und Interview mit Paul Pietsch (Archivversion) - Viel, viel Gottvertrauen

Seit 1949 wird MOTORRAD in der Motor-Presse-Stuttgart verlegt. Paul Pietsch, Gründer des Verlagshauses, erzählt im MOTORRAD-Interview von den ersten Jahren.
? Herr Pietsch, 1949 bewiesen Sie großen verlegerischen Mut und kauften vom Berliner Koenig-Verlag den Titel »Das Motorrad«. Was hat Sie damals dazu bewogen?!1946 hatten wir die Zeitschrift »Das AUTO« gegründet. Die hat sich bis ’49 gut gemacht. Einer unserer Redakteure war Gustav Müller, der frühere Chefredakteur von »Das Motorrad«. Der hat mir mindestens einmal pro Woche erzählt, wie wichtig es wäre, eine Motorradzeitschrift zu gründen. Durch ihn kamen wir in Kontakt zum Koenig-Verlag.?War es seinerzeit kostspielig, solche Titelrechte zu erwerben?!Wir haben 3000 Mark dafür gezahlt. Das war viel Geld in diesen Zeiten. Für zwei Mark konnte man schon richtig gut essen gehen.?Spielten Anzeigen zu jener zeit schon eine Rolle?!Nein, die Anzeigen waren ein willkommenes Obendrauf. Der Haupterlös kam direkt aus den Verkäufen.?Mit welcher Auflage startete »Das Motorrad« 1949, und wie viel Hefte wurden tatsächlich verkauft?!Beim Verkauf erreichten wir aus dem Stand zwischen 20000 und 30000. Aber bei »Das AUTO« hing die Auflage zunächst nur von der verfügbaren Papiermenge ab. Wir waren fast immer ausverkauft. Bei »Das Motorrad« hatten wir schon genug Papier, aber ebenfalls kaum Remission.?Bereits 1950 erschien »Das Motorrad« alle 14 Tage. Warum haben Sie so früh auf diesen Rhythmus umgestellt?!Damit war der Wechsel mit »Das AUTO« gut möglich, wir hatten so eine konstante Auslastung.?Hegten die Print-Medien in den 60ern, als das Fernsehen die deutschen Wohnzimmer eroberte, ähnlich apokalyptische Gedanken wie in den 90ern, als das Internet aufkam?!Das Fernsehen hat uns schon Gedanken gemacht. Viele haben gezweifelt: Lesen die Leute dann überhaupt noch? Doch es hatte überhaupt keinen Einfluss. Die Währungsreform 1948 übrigens auch nicht.?Als Verleger erlebten Sie mit »Das Motorrad« und »MOTORRAD« allerhand Talsohlen. Haben Sie je daran gedacht, die Zweiradschiene zu verlassen?!Nein. Wir hatten immer viel Gottvertrauen. Selbst als die Auflage Anfang der 60er Jahre auf 20000 gefallen war. ?Welches war Ihr erstes Motorrad, und wann fuhren Sie zum letzten Mal?!Zuerst hatte ich eine Wanderer, ich war 16, und die war führerscheinfrei. Danach fuhr ich eine 200er-Neander, die ich dann schnell auf 500 cm3 aufrüstete. In jener Zeit gab es oft noch rutschige Lehmstraßen. So einmal am Tag ist man da gestürzt. Das letzte Mal fuhr ich an meinem 80sten Geburtstag auf einer Horex mit, ein tolles Motorrad.? Sie hatten 1949, als keiner einen Pfifferling aufs Motorrad gab, den richtigen Riecher. In seiner Blütezeit erreichte MOTORRAD eine Auflage von über 300000. Momentan erleben wir abermals eine Rezession. Wie sieht die Zukunft des Motorrads aus?!Ich habe da keine Bedenken. Motorradfahrer wird es immer geben, es ist ja heute kein Fortbewegungsmittel, sondern eine Art Sport.Lieber Herr Pietsch, wir danken Ihnen nicht nur für dieses Gespräch.

100 Jahre MOTORRAD: Zeitreise und Interview mit Paul Pietsch (Archivversion) - 100 Jahre – 100 Preise

Ein ordentlicher Geburtstag verlangt nach ordentlich Geschenken. Und weil MOTORRAD ohne Sie, liebe Leserinnen und Leser, längst in die ewigen Jagdgründe eingegangen wäre, möchten wir den feierlichen Anlass nutzen, Ihnen wenigstens ein kleines Dankeschön zukommen zu lassen: 100 Preise in jedem Jubiläums-Heft. Wer mitspielen will, braucht nichts anderes zu tun, als er ohnehin schon macht: lesen nämlich – was ja bekanntlich bildet. Also wissen Sie spätestens seit Lektüre der Seiten sechs bis zehn dieser Ausgabe, in welchem Jahr der Erfinder des Reitwagens gestorben ist. Tragen Sie die Lösung auf unten stehendem Coupon ein, legen Sie das Zettelchen notfalls noch eine Nacht lang unters Kopfkissen, kleben es dann auf eine Postkarte und ab damit – an Redaktion MOTORRAD100-Jahre-GewinnspielPostfach 70138 StuttgartNoch einfacher geht’s per Fax unter0711/182-2550Einsendeschluss ist der 17. Januar 2003 (Datum des Poststempels). Mitarbeiter der Motor-Presse dürfen nicht teilnehmen. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.

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