100 Jahre Reklame (Archivversion) Tone, Steine, Scherben

Als Zündungen noch »Rita« hießen und Rennen auf »rasanten Schallplatten« erschienen: Reklame als Indikator kulturellen Wandels. Oder – warum gibt’s in MOTORRAD keine Waschmittel-Werbung mehr?

Schlosser, Claus. Anzeigenleitung MOTORRAD. Seit 34 Jahren im Geschäft, gelernter Rheinländer, sprich: Frohnatur. Und das ist gut so. Denn ohne die nötige Portion Resthumor überstünde der gute Mann den Anblick dieser Seiten vermutlich kaum. Hansaplast, Atomseife, Halloo-Wach; Photo-Porst, Karstadt, Kola Dallmann; sogar Wasch- und Schuhputzmittel-Vertreter gaben sich seinerzeit die Türklinken in die Hand, um Anzeigen im »Motorrad« aufzugeben. Früher – als sowieso alles besser war und der Biker noch Bürger und ein Schlosser noch König.»Sie müssen anbieten! Wer schweigt, verkauft nichts! Jede Mark, die Sie für Kundenwerbung ausgeben, bedeutet eine Kapitalsanlage.« So einfach funktionierte Aquise anno Neunzehnhundert-Tobak. Kein TV, kein Internet, kaum Radio, nur Print. Fröhliche Urständ für die Schlossers dieser Welt: Wer etwas Spannendes anzubieten hatte – ob Fußpuder, Gasrevolver, Gummisauger, Staubmäntel –, inserierte in so genannten Verbreitungsorganen wie »das Motorrad«.Anfangs textlastig, rein informativ, denn neu und vonnöten war eigentlich alles. Das höchste der Gefühle vielleicht eine lyrische Schlagzeile – man warb nicht, sondern machte Reklame. In den 20ern jedoch als jeder irgendwas aus dem Ärmel zog, der Konkurrenzdruck und die Ansprüche wuchsen, gehörte Trommeln bereits zum Geschäft. Mit Worten allein lief nur noch wenig: Sie sollten sich wenigstens reimen und mit netten Zeichnungen versehen sein. »Werbung« (das Wort gerade frisch erfunden) müsse auf die Sinne wirken, schreibt »Motorrad«-Chefredakteur Paul Friedmann im August 1929. »Der Umweg über den Verstand, ist in der heutigen gehetzten Zeit zu lang.«Anfang der 50er Jahre – Claus Schlosser zählt so um die zehn Lenze, Deutschland auf »nie wieder Krieg« – bahnt sich die zielgruppengerechte Werbung an: Motorradler sind ein spezielles Volk, das garantiert keinen Fußpuder braucht. Sondern Garagen und Tabletten. Und immer noch jede Menge Waschmittel. Die Industrie setzt dabei verstärkt aufs Atom: Atom kann alles, ist gründlich, ist schick. Berührungsängste gibt’s keine. »Leben, jetzt!«, lautet das Motto, mit Kind und Kegel rausknattern ins Grüne. Ketterauchend – selbstverständlich. Mit »aerztlich empfohlen« und anderem Sicherheitsgedöns braucht man den Deutschen nach 1945 nicht zu kommen. Wer das Dritte Reich überlebt hat, zieht sich rein, was geht.1968: Truppen der UdSSR zerschlagen den Prager Frühling, Martin Luther King und John F. Kennedy werden erschossen. Ein Jahr später fängt Claus Schlosser bei der Motor-Presse an. Harte Zeiten, doch die Werbetrommel rotiert auf Hochtouren. Auch bei MOTORRAD, das laut Marktforschung junge, abenteuerhungrige Männer anspricht. Waschmittelwerbung ade – aber völlig egal, weil es inzwischen genug branchenspezifische Anbieter gibt. Während der 70er kommen so reiche Firmen wie Camel und Stuyvesant, außerdem entdeckt Karstadt den Motorradler als Kunden. Als die Zahl der Wehrdienstverweigerer nach oben schnellt, drückt selbst die Bundeswehr ins Blatt.Alles vorbei. Zigarettenwerbung is nich mehr, Karstadt verkauft Klamotten und basta, der Bund hat eh keine Kohle mehr, und den Motorrad-Herstellern geht’s auch nicht rosig. Einziger Trost für Claus Schlosser: Er hat nicht mehr so arg lang bis zur Rente – wenn’s solchen Luxus in zwei, drei Jahren noch gibt.

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