125-cm³-Moto Cross-WM in Gerstetten (Archivversion) Schlabber-Hatz

Wenn Petrus weint, wird das Crosser-Leben zur Hölle. Auch beim verregneten deutschen Achtelliter-GP landeten nur die vorn, die sich im Kampf ums Überleben zu helfen wußten.

Ein Start im Schlamm, das ist, wie wenn einer den Rolladen runterläßt, und dabei vergißt das Licht im Zimmer anzuknipsen. Flatsch, flatsch, flatsch, eine Schlammfontäne vom Vordermann auf die Brille, und du stehst im Dunkeln.« Jochen Jasinski kennt sich aus. Trotz relativ jugendlicher 26 Lenze treibt sich der schlacksige Hesse aus Hadamar schon seit 15 Jahren auf den Moto Cross-Pisten herum. Gut zehn davon als Profi. Und genau deshalb weiß er: Wenn der Himmel weint, wird das Crosser-Leben zur Hölle.Ausgerechnet der deutsche Lauf sollte nach dem völlig verregneten Spanien-GP im April zum zweiten Fegefeuer dieser Achtelliter-WM-Saison werden. Ein nicht enden wollender Regen verwandelte die sonst so rasante Piste im schwäbischen Gerstetten, nahe Heidenheim, in ein von tiefen Spurrillen und glitschigen Hängen gezeichnetes Survival-Camp. Überleben im Rennstreß. Überleben in einer Situation, in der fahrerische Finesse, Wagemut und Kondition nur noch so viel Wert sind, wie es ihnen die eigentlichen Grundessenzen des Kampfs im Schmodder noch ermöglichen: Vorbereitung und Erfahrung. Und wenn einer in der überwiegend aus jugendlichen Milchgesichtern bestehenden 125er WM-Truppe diese beiden Attribute auf sich vereint, dann Alessandro Puzar. Mit 29 Jahren quasi ein Oldie in dieser Klasse, hat Puzar allerdings auch schon einiges erreicht: ein 250er WM-Titel und einer bei den 125ern - um als labiler Lebemann dazwischen sportlich jeweils in der Versenkung zu verschwinden. »Am Start mußt du vorn sein. Unbedingt. Sonst lädt dir die Konkurrenz sofort kiloweise Dreck auf den Helm. Für mich ist es auch wichtig, möglichst lange saubere Griffe, Brems- und Kupplungshebel zu haben. Nur so kannst du das Motorrad vernünftig dirigieren«, erklärt der Moto-TM-Werksfahrer und schützt die mit Kreppapier umwickelten Griffe als einer der wenigen Piloten mit Kunststoff-Schalen. Nach den ersten turbulenten Runden wickelt der Italiener die verdreckte Papierschicht ab.»Wichtiger als alles andere ist, daß man das komplette Rennen mit Brille fahren kann«, setzt Frédéric Vialle wie Jochen Jasinski seinen Schwerpunkt auf den Durchblick. »Ohne Brille ist Überholen fast unmöglich und obendrein gefährlich für die Augen«, weiß der 23jährige WM-Dritte des letzten Jahres und kann doch nicht mehr tun als alle anderen. Ein sogenanntes Roll Off-System, bei dem eine durchsichtige Folie wie der Film in einem Fotoapparat über die Brillenscheibe gezogen wird, ist der verbreitete Schutz gegen das Blinde-Kuh-Spiel auf der Piste. Gut 20mal klare Sicht ermöglicht das Rollending - was im Regen der schwäbischen Alb dennoch nur bei wenigen Piloten für eine WM-Distanz von 45 Minuten ausreichte.Selbst dann nicht, wenn sich die meisten Piloten wie Andy Kanstinger im Geschlabber gern aus dem Weg gehen. »Wenn es irgend möglich ist, benutze ich eine andere Linie wie mein Vordermann. Nur so bleibst du von der Schlammfontäne verschont«, kennt sich auch der 25jährige Schwarzwälder aus. Kein Wunder, schließlich hatte sich der 125er Star aus dem Team des Off Road-begeisterten Westerwälder Honda-Händlers Burkhard Sarholz neben Jochen Jasinski als einziger weiterer Deutscher beim verschlammten Heim-GP qualifiziert.Für den deutschen GP ganz und gar nicht begeistern konnte sich der aktuelle Tabellenführer Alessio Chiodi, seines Zeichens 23jähriger Italiener und Yamaha-Werkspilot. »Das schwere Motorrad durch die Rinnen zu bugsieren, das macht doch keinen Spaß«, zeigte sich der kleine Mann aus Salò bei Brescia mißmutig. In der Tat legen die federleichten Cross-Untersätze im klebrigen Lehm kräftig zu. Auf bis zu 30 Kilogramm schätzt Chiodi den dunkelbraunen Speckgürtel, den sich die sonst nicht mal 100 Kilo schweren Stollenrösser aufbürden. Und weil für den sonnenverwöhnten Azzurro eben nicht sein kann, was nicht sein soll, trat er auch im Regen des schwäbischen Hochlands so an, wie er es von der Apenninenhalbinsel gewohnt ist: Abgesehen von der Roll Off-Brille ohne Überlebenskit für den Glibber. Und so mußte sich Signore Chiodi in Deutschlands Süden eben mit dem abgeben, was ihm die Erfahreneren und besser Vorbereiteten übrig ließen: Platz vier im ersten Lauf und den mageren 14. Rang im zweiten Auftritt. Denn besser machten es eben die Herren Vialle und Puzar. Die teilten sich nämlich einträchtig die Laufsiege - trotz allem aber nicht die Gunst der 4000 wetterfesten Fans. Denn die gehörte einzig und allein den beiden Lokalhelden. Richtig: Helden. Während sich die hiesigen Moto Cross-Fans in Sachen WM-Erfolge eher an den Herren Beirer, Dugmore, Lacher und Eckenbach in den beiden größeren Hubraumklassen orientieren, verlangte das bisherige Unterhaus diesmal mehr als nur einen Seitenblick. Bereits Rang neun von Andi Kanstinger im ersten Lauf hätte genügt, um das beste Saison-Resultat eines Deutschen zu markieren, wenn der grazile Andy im zweiten Umgang nach anfänglich zweiter Position im Ziel nicht noch den stolzen Rang vierten Rang hätte vorweisen können. Doch selbst dies reichte auf der rauhen Alb nicht mehr zur nationalen Bestmarke. Mit den fast unglaublichen Rängen drei und zwei setzte sich Jochen Jasinski nach langer Verletzungspause ausgerechnet bei seinem allerersten WM-Auftritt in diesem Jahr ein Denkmal. Wobei dem Yamaha-Piloten in Diensten des nach Teamchef Kari Steiner benannten Schweizer KS-Teams nicht Roll Off, Handschützer oder Helmfolie zu besagtem Auftritt verhalfen, sondern ein viel einfacherer Trick. »Du darfst dir vom Wetter einfach nicht die Laune verderben lassen«, nahm sich der schlacksige Nordhesse schon vor dem Rennen vor - und hat diesen Tip offensichtlich höchstens Alessandro und Frédéric verraten.

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