20 Jahre Paris-Dakar (Archivversion)

Ganz schön wüst

Viele lieben sie, manche wünschen sie zum Teufel, andere wiederum sprechen ihr gar den sportlichen Charakter ab: Kaum eine Veranstaltung spaltet die Meinungen so wie die Rallye Paris-Dakar. Doch die Wettfahrt durch die Wüste ist allen Krisen und Dramen zum Trotz ein echter Dauerbrenner. 1998 startet sie bereits zum 20. Mal.


1979 Knapp 300 Abenteurer starten an Weihnachten 1978 in Paris mit ihren Autos und Motorrädern ins Ungewisse. Rund 10000 Kilometer auf bislang unbekannten Pisten durch Algerien, Niger, Mali und den Senegal sind zu bewältigen. Die handliche Yamaha XT 500 ist das ideale Wüstenbike jener Tage: 35 PS stark, 140 km/h schnell. Der unter dem Pseudonym »Fenouil« angetretene Franzose Jean-Claude Morellet wühlt sich mit einer vom Allgäuer Herbert Schek vorbereiteten BMW durch den Sand, fällt aber im Schlußdrittel an dritter Stelle liegend aus. Cyril Neveu erreicht nach drei Wochen auf einer XT 500 als Erster den Strand von Senegals Hauptstadt Dakar.

1980 Die 44 XT 500-Piloten stellen wieder das größte Kontingent im Feld der Zweiradler. BMW tritt mit zwei Maschinen an. Neben Fenouil sitzt auch Hubert Auriol, ein in Äthiopien geborener Franzose, auf einem der drehmomentstarken, von Herbert Schek präparierten 800er Boxer. Der französische Piaggio-Importeur schickt eine Vespa-Flotte auf die Reise. Neveu kann mit der XT 500 seinen Vorjahressieg wiederholen, doch die Schlagzeilen gehören zunächst Auriol. Nach drei Etappensiegen sieht er in Obervolta die Chance, die Führung in der Gesamtwertung zu holen, bis das BMW-Getriebe platzt. Der unbekümmerte Auriol läßt seine Maschine mit einem Lkw weitertransportieren - Disqualifikation.
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Rallye Paris-Dakar: Reportage 20 Jahre (Archivversion)

1983 Der Belgier Gaston Rahier, dreifacher Ex-Weltmeister im Moto Cross, taucht zum ersten Mal bei der Dakar auf. Mit einer privaten BMW macht er anfangs mächtig Dampf - ehe er sich in Algerien die Ölwanne aufschlitzt und das Handtuch wirft. Der Sieg geht dennoch an den bayerischen Münchner Boxer, denn Werksfahrer Hubert Auriol ist nach verhaltenem Beginn nicht mehr zu bremsen. Herbert Schek, diesmal wie Fenouil und Raymond Loiseaux zur BMW-Werkstruppe gehörend, scheidet vorzeitig aus. Die Holländerin Anne Kies wird Achte und landet zwei Plätze vor Vorjahressieger Cyril Neveu.
1984 »Ein Sandfloh siegt« - so lautet die Headline der Dakar-Story von MOTORRAD. Gemeint ist Gaston Rahier, der nur 1,64 Meter mißt, am Ende der Rallye aber der Größte ist: Ganze 20 Minuten hat der Belgier seinem zweitplazierten BMW-Teamgefährten Hubert Auriol abgenommen. Da gerät selbst Rallye-Chef Thierry Sabine, der die Karawane vom Hubschrauber aus beobachtet, ins Schwärmen: »Rahier klettert mit der BMW wie eine Gemse über die Felsen - so etwas habe ich noch nie gesehen.« Herbert Schek gewinnt auf BMW die Marathonwertung für seriennahe Motorräder. Drei Frauen schlagen sich nach Dakar durch. Die Französin Véronique Anquetil ist die Beste und landet auf Platz 15.

Rallye Paris-Dakar: Reportage 20 Jahre (Archivversion)

1985 Rahier und seine 1000er Werks-BMW, die gut 180 km/h geht, dominieren erneut. Jean-Claude Olivier, der sportbegeisterte Chef von Yamaha Frankreich, hat mit der Einzylinder-Ténéré als Zweiter eine knappe Stunde Rückstand. Hubert Auriol, inzwischen auf einer Cagiva-Ducati unterwegs, wird Achter. Der 18.Tag der siebten Dakar ist der bislang härteste in der Geschichte der Rallye. Bis zu 200 Meter hohe Dünen türmen sich auf der zuvor noch nie befahrenen Strecke zwischen Nema und Tichit in Mauretanien auf. 15 Motorradfahrer bleiben in der Hammer-Etappe liegen.
1986 Paris-Dakar trägt Trauer: Rallyechef Thierry Sabine kommt am 14. Januar in Mali ums Leben, als sein Hubschrauber an einer Sanddüne zerschellt. Mit ihm sterben vier weitere Menschen. Véronique Anquetil wird bei einem Sturz schwer am Kopf verletzt, ebenso Honda-Werksfahrer Jean-Michel Baron. Sein Team startet bei dem mittlerweile auf 15000 Kilometer angewachsen Marathon mit brandneuen, 75 PS starken V2-Werksmaschinen. Cyril Neveu holt bei der Premiere der Honda NXR 750 prompt den Sieg. Nur 29 von 150 Startern sehen das Ziel, darunter BMW-Werksfahrer Eddy Hau als Achter.

Rallye Paris-Dakar: Reportage 20 Jahre (Archivversion)

1987 Gilbert Sabine führt als neuer Rallye-Boß das Lebenswerk seines Sohnes fort. Auriol steuert mit der Cagiva schon auf Siegeskurs, als er auf der vorletzten Sonderprüfung gegen einen Baum prallt und schwere Beinverletzungen erleidet. Neveu holt danach seinen fünften Sieg. Drama am Rande: Helmut Pohl und Herbert Wimmer, Serviceleute im Rahier-Team, bleiben mit ihrem Mitsubishi in der Ténéré-Wüste liegen - keine Hilfe weit und breit. In der Not bauen sie sich aus Sandblechen und einem BMW-Motor ein Dreirad. Bevor die beiden lostuckern wollen, werden sie nach zwei Tagen endlich von einem Flugzeug gerettet.
1988 An der zehnten Rallye Paris-Dakar entzündet sich heftige Kritik. Schon am ersten Tag in Afrika bleiben auf dem zu schwer gesteckten Kurs 80 Motorradler im Sand stecken. Darunter auch Herbert Schek, seine Tochter Patricia und die Münchnerin Jutta Kleinschmidt. Die Jubiläums-Veranstaltung fordert sechs Menschenleben. Es gibt mehrere Schwerverletzte, einer davon ist Ex-500er Moto Cross-Weltmeister André Malherbe, der seit seinem Sturz in Algerien vom Hals abwärts gelähmt ist. Die sportlichen Aspekte treten in den Hintergrund: Edi Orioli gewinnt auf der Zweizylinder-Honda, Eddy Hau (BMW) siegt in der Marathon-Wertung, Gaston Rahier startet erstmals mit der DR Big Einzylinder-Suzuki.

Rallye Paris-Dakar: Reportage 20 Jahre (Archivversion)

1989 Die Rallye führt zum Auftakt in Afrika nicht mehr durch Algerien, sondern quert erstmals Tunesien und Libyen. Im Land von Revolutionsführer Muammar Al Gaddafi ist für Herbert Schek bald Schluß. Kapitaler Motorschaden an der 500er Maico - und das ausgerechnet an seinem 56. Geburtstag. 50 mit Rallye-Kit aufgepäppelte Africa Twin, die Honda France nebst Serviceleistungen zum Stückpreis von 27000 Mark für Amateurfahrer anbietet, bereichern das Feld. Franco Picco führt auf der 750er Einzylinder-Yamaha zur Halbzeit, am Ende gewinnt Gilles Lalay auf der Zweizylinder-Werks-Honda. Schnellste Frau ist Patrizia Wolf (Darmstadt) auf einer 250er Honda.
1990 Die Dakar wird zum Giro d`Italia, Frankreichs Helden erleben ihr Waterloo. Edi Orioli beschert Cagiva den langersehnten ersten Sieg, Gilera gewinnt die seriennahe Klasse Silhouette Marathon. Der Traum von Yamaha-Boß Jean-Claude Olivier hat sich erfüllt: Mit der Super-Ténéré kann er endlich ein siegverdächtiges Zweizylinder-Motorrad in den Wettbewerb schicken. Doch seine Stars müssen passen. Zu hoher Spritverbrauch und eine hoffnungslose Irrfahrt werfen Stéphane Peterhansel aus dem Rennen, Teamkollege Cyril Neveu bleibt mit defektem Getriebe liegen.

Rallye Paris-Dakar: Reportage 20 Jahre (Archivversion)

1991 Stéphane Peterhansel und Yamaha jubeln: erster Sieg für die Marke nach elf Jahren. Neuling Norbert Schilcher erlebt einen wahren Horrortrip. In Mauretanien kommt er vom rechten Weg ab, bald steckt seine Honda Dominator bis über die Radnaben im Tiefsand fest. Kurz vor Ausbruch des Golf-Kriegs ist es ratsam, das islamische Land so schnell wie möglich zu verlassen. Doch Schilcher sendet vergeblich Notsignale. Zu Fuß erreicht er zwei Tage später mit viel Glück den Lumpensammler-Lkw. Nach weiteren haarsträubenden Abenteuern kommt er schließlich drei Tage nach dem Rallye-Ende in Dakar an.
1992 Kurswechsel: Kapstadt an der Südspitze des Schwarzen Kontinents heißt das neue Ziel. Die 12 500 Kilometer lange Nord-Süd-Route stößt nicht bei allen Teilnehmern auf Begeisterung. Bereits nach zwei Dritteln der Strecke ist die Entscheidung zugunsten von Stéphane Peterhansel gefallen. Auf dem restlichen Stück kann die Konkurrenz kaum noch Boden gutmachen - es gibt mehr ungezeitete Verbindungsetappen als Sonderprüfungen. Jutta Kleinschmidt und Patricia Schek kommen unter großem Hallo auf den Plätzen 23 und 24 ins Ziel. Überschattet wird die Rallye vom tödlichen Unfall des Yamaha-Werksfahrers Gilles Lalay, der im Kongo frontal mit einem Ambulanzwagen des Veranstalters kollidiert.

Rallye Paris-Dakar: Reportage 20 Jahre (Archivversion)

1993 Die fetten Jahre sind vorüber. In Zeiten wirtschaftlicher Rezession muß auch die Rallye Paris-Dakar, die einst mit Superlativen nur so glänzte, kürzer treten. Nur 47 Motorradfahrer stehen in Paris am Start - so wenige wie nie zuvor. Der mit knapp 9000 Kilometern vergleichsweise kurze Wüstentrip führt wieder nach Dakar, das Stéphane Peterhansel erneut als Sieger erreicht. Herbert Schek feiert kurz vor dem Start seinen 60. Geburtstag, fällt dann aber vorzeitig aus - ebenso wie Jutta Kleinschmidt, deren Yamaha von einem Lkw überrollt wird.
1994 Die Dakar-Rallye hat neue Herren. Sie wird jetzt von der Firmengruppe organisiert, zu der auch die Tour de France und die Sport-Tageszeitung L´Equipe gehören. Chef des Ganzen ist die Ski-Legende Jean-Claude Killy, als Dakar-Rennleiter wird Fenouil angeheuert. Er schickt die Fahrer von Paris nach Dakar - und dann wieder in die französische Metropole zurück. Edi Orioli gewinnt mit nur 73 Sekunden Vorsprung vor seinem Cagiva-Teamkollegen Jordi Arcarons. MOTORRAD-Redakteur Michael Griep erreicht das Ziel in Paris-Disneyland auf einem sensationellen 18. Platz.

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1995 Mangels Publikumsinteresse in Frankreich läßt sich der Rallye-Troß erstmals im spanischen Granada beim Start feiern. Hubert Auriol gibt einen gelungenen Einstand als neuer Rennleiter und kann immerhin 93 Akteure begrüßen - es geht wieder aufwärts mit der kriselnden Dakar. Heinz Kinigadner fährt die Konkurrenz auf den steinigen Pisten Marokkos mit der handlichen Einzylinder-KTM zunächst in Grund und Boden, bleibt später aber mit Motorschaden liegen. Am Ende feiert Stéphane Peterhansel auf Yamaha seinen vierten Triumph. Jürgen Mayer kommt mit seiner KTM auf einen beachtlichen siebten Rang.
1996 Norbert Schilcher ist der Marathon-Mann der 18. Dakar. Nach den Schwierigkeiten der vergangenen Jahre läuft diesmal für den Computer-Fachmann aus Landsberg am Lech alles wie am Schnürchen: Platz neun in der Gesamtwertung und Sieg in der Marathonklasse auf KTM. Fast ein Drittel der Teilnehmer sitzt mittlerweile auf einer Alpen-Enduro - wie auch Andrea Mayer, die schnellste Frau im Feld. Ein Gesamtsieg ist KTM aber nicht vergönnt: Mitfavorit Kinigadner schlachtet in Mauretanien seinen Motor. Wieder macht Yamaha das Rennen. Diesmal aber nicht mit Peterhansel, der sich mit dem Veranstalter überwirft, sondern mit Orioli.

Rallye Paris-Dakar: Reportage 20 Jahre (Archivversion)

1997 Weder von Paris noch von Granada, nein, von Dakar aus geht´s jetzt los - und über Agadez auch wieder dorthin zurück. »So kann jeder Fahrer wenigstens einmal Dakar sehen«, scherzt Rennleiter Auriol. Drei Deutsche sehen Senegals Hauptstadt gleich zweimal, und zwar so weit vorn im Gesamtklassement wie nie zuvor: Das KTM-Trio Dirk von Zitzewitz, Jürgen Mayer und Norbert Schilcher erkämpft die Plätze fünf, sechs und neun. Gegen den fahrerisch und technisch überlegenen Peterhansel, dessen 90-PS-Yamaha-Twin 20 Pferdchen mehr als die KTM-Singles mobilisiert, kommt keiner an - Sieg Nummer fünf für den Star aus Vesoul.
1998 Zurück zu den Anfängen - so lautet das Motto der Jubiläums-Dakar im nächsten Jahr. Die Rallye-Gemeinde wird sich wie in guten alten Zeiten in Versailles vor den Toren von Paris versammeln, wo am Neujahrstag der Startschuß fällt. Über Narbonne und Granada kommt der Troß am 4. Januar nach Marokko. Dann geht´s weiter durch Mauretanien, Mali und nochmals Mauretanien bis in den Senegal, wo am 18. Januar am Strand von Dakar die Zielflagge fällt. Mehr über die nächste Rallye Paris-Dakar lesen Sie in einer ausführlichen Vorschau in MOTORRAD Heft 2/1998.

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