20 Jahre Villa Löwenherz––––– (Archivversion)

Ein Löwenherz für Biker–––––

Keine Chance für Autofahrer: In der Villa Löwenherz sind nur Motorradfahrer willkommen. Deutschlands einziges Biker-Hotel feiert seinen 20. Geburtstag.

Nachnamen und Titel gibt der Gast der Villa Löwenherz an der Rezeption ab. Ein Umstand, der bei Telefonanrufen schon für Verwirrung sorgte, etwa wenn Frau Doktor ihren Gatten sprechen wollte. »Da mußt du mir schon seinen Vornamen sagen«, klärt sie Hotelier Norbert Pirone dann auf.An diesem Samstag, dem 18. April, herrscht eine ausgelassene Stimmung. Die gibt’s freilich auch dann, wenn nicht gerade die Fete zum 20. Geburtstag steigt. Die Biker bevölkern jetzt, am Abend, die Bar. Unter ihnen Achim, Tom und Gerd aus Hamburg. Achim, Heizungsbaumeister und VFR-Pilot, kommt »fünfmal im Jahr zum Motorradfahren, bei uns geht das ja nicht - keine Kurven.«Daß es diese Biker-Herberge gibt, verdanken die drei dem Engagement von Norbert, 64, und Paula Pirone, 62. Ursprünglich besaßen die Eheleute einen Betrieb zur Verarbeitung von Polyesterteilen für Schwimmbecken im sauerländischen Brilon. Als Anfang der 70er Jahre damit kein Geld mehr zu verdienen war, suchten die begeisterten Motorradfahrer nach einer neuen Aufgabe. Ein Freund kam auf die Idee, die Fabrikationshalle in eine Unterkunft nur für Biker umzuwandeln, die »Motorrad Ranch«. Bei Krad-Touren fand sich damals oft nur schwer ein Nachtlager, wie Norbert und Paula aus eigener Erfahrung wußten. So wurde die Ranch ein Erfolg und die Halle schon bald zu klein. Die Suche nach neuen Räumen führte ins 60 Kilometer entfernte niedersächsische Lauenförde, zur Jugendstilvilla Löwenherz. 1905 vom jüdischen Holzfabrikanten Hermann Löwenherz errichtet, hatten die Nazis das Haus beschlagnahmt, nachdem der Besitzer emigrieren mußte. In der Nachkriegszeit beherbergte es 20 Flüchtlingsfamilien, die während der Winter die Holzvertäfelungen verheizten. Ab 1962 stand die Villa leer und rottete vor sich hin. Als schließlich Norbert und Paula Pirone die Ruine 1977 kaufen und zum Hotel umbauen wollten, lag schon eine Abbruchverfügung vor. »Da haben wir das Haus fotografiert und die Bilder an die Denkmalschutzbehörde in Hannover geschickt. Zehn Tage später stand die Villa unter Denkmalschutz.« Die Renovierungsarbeiten konnten beginnen, zogen sich mangels Kapital jedoch über Jahre hin. Was einige der alten Stammgäste sehr bedauerten. Sie beschlossen schließlich, daß sie zu Ostern 1978 eine Einweihungsparty feiern wollten. Ein Termin, der den Wirtsleuten viel zu früh erschien. »Wenn ihr das machen wollt, müßt ihr schon selbst ausbauen«, scherzte Norbert. Die Jungs nahmen ihn beim Wort und schufteten für Kost und Logis. Die Party stieg zum geplanten Termin.Ein Arbeitseinsatz, der zusammenschweißte. »Die Biker haben damals geholfen, den Laden aufzubauen, dafür sind wir denen auch was schuldig.« Ratschläge, die Villa zu einer Luxusherberge für »vernünftige Gäste« auszubauen, stoßen bei den Pirones auf taube Ohren.Wer einmal in der Villa weilte, kommt denn auch meistens wieder. Nicht nur wegen der günstigen Preise. Es ist vor allem die Atmosphäre. »Hier gibt’s keine hirnlosen Idioten«, meint der 47jährige Gerd, der seinen Führerschein erst vor fünf Jahren zusammen mit dem 23jährigen Sohn gemacht hat. Die Stimmung in der Bar erinnert an eine Privat-Fete. Das sei nicht nur heute so, erzählt Achim. Prügeleien gab es noch nie, nicht einmal, wenn rivalisiernde MCs Quartier bezogen. »Ein Hausverbot möchte sich keiner einhandeln«, erklärt Pirone-Sproß Stephan. Zusammen mit seiner Frau Petra, Schwester Martha und Schwager Reiner hat der gelernte Krankenpfleger jetzt die Leitung der Villa von den Eltern übernommen. Die sind nämlich mit einem neuen Projekt beschäftigt. Der Tonenburg, zwanzig Kilometer entfernt. Im Herbst, so der Plan, soll dort das zweite Hotel für Motorradfahrer fertig sein.
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Villa Löwenherz: Jubiläum 20 Jahre (Archivversion) - Gute Stimmung inklusive

Die Villa Löwenherz bietet 160 Schlafplätze. Verteilt auf Ein- bis Vierbettzimmer und Matrazenlager. In letzteren wird nebeneinander im Schlafsack übernachtet. Die Preise für ein Wochenende mit Halbpension betragen im Zimmer 110, im Matrazenlager 80 Mark. Bis September ist aber schon fast alles ausgebucht. Bessere Karten hat man unter der Woche: Fünf Tage Halbpension kosten 199, respektive 140 Mark. Telefon 05273/7867.

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