20 Jahre Zweiradtechnik Könemann (Archivversion) Graue Eminenz

Am Rande von Schneverdingen, mitten in der Lüneburger Heide, steht ein nagelneuer, 5000 Quadratmeter großer Verkaufspalast. Das Reich des Dieter Könemann, des größten freien Motorradhändlers in Deutschland.

Er windet und ziert sich. Fotos von damals, als er mit seinem Freund Jürgen Lohmann die Motorräder der Kumpels reparierte und die ersten Maschinen aus Dänemark importierte, wozu sollen die Bilder gut sein? »Die passen doch gar nicht in die Geschichte«, sagt Dieter Könemann. Der Dieter von früher mit Vollbart, einen Zylinderkopf der Kawasaki Z1 in der Hand, ölverschmierter Kittel, im Hof seiner kleinen Werkstatt in Lünzen stehend. Daran erinnert er sich zwar gern, aber diese Fotos veröffentlichen, nein, das will er nun doch nicht. Einen Bart trägt er heute noch, freilich sauber gestutzt, dazu Jacket, Schlips und Kragen. Der 45-jährige ist Geschäftsmann. Riesiges Büro im ersten Stock des vorletztes Jahr eröffneten modernen Gebäudekomplexes am Rande des Heidestädtchens Schneverdingen, große Fensterfront mit Blick auf den Ortsrand und die Bundesstraße, die gen Norden nach Hamburg führt. Der Fotograf möchte, dass sich Könemann lässig auf seinen Bürostuhl setzt. Nein, so eine Bild findet er unecht, passt nicht zu ihm. Außerdem sei der Schreibtisch nicht aufgeräumt. Emotionalität ist nicht sein Ding. Mit leiser, sanfter Stimme beschreibt der Kraftfahrzeugmeister – »Hab` bei Blohm & Voss in Hamburg gelernt« - den Werdegang vom Januar 1982, als Lohmann + Könemann mit drei Mitarbeitern das Hobby zum Beruf machten und als Grauhändler ihr Auskommen suchten, bis heute Januar 2002, kurz vor dem 20-jährigen Jubiläum: 39 Mitarbeiter, einer der größeren Arbeitgeber im nicht gerade mit Industrie gesegneten Schneverdingen. 1500 Motorräder ständig am Lager direkt hinter den Verkaufsräumen, weitere 1500 im Lager in Hamburg-Harburg, alle japanischen Marken, dazu Ducati, Aprilia, LEM-Minibikes, Roller, 125er und, nicht zu vergessen, Bimota. Wie viele Motorräder verkauft er jährlich? »Sie sehen ja die Läger. Die Ware schlägt sich gut um.« Mehrere tausend, aber unter zehntausend, ist dem kühlen Norddeutschen zu entlocken. Könemann lächelt verschmitzt. Gibt das der deutsche Motorradmarkt her? »Wir bedienen die Exportmärkte. Osteuropa ist ein lukrativer Markt, wir halten Fahrzeuge für den unbestimmten Verkauf vor. Wir liefern ohne Vorbestellung.« Der Verkauf an den Endverbraucher mache nur einen geringen Teil aus. Großhandel und Export, das sei das Kerngeschäft. In Deutschland versorgt Könemann, der überall auf der Welt beste Kontakte pflegt, gut und gern 1000 Händler mit Neumaschinen, freie und Vertragshändler. Wenn deren Importeur nicht liefern könne, springe er in die Bresche. Freier Handel wie Vertragshandel haben gleichberechtigt ihre Berechtigung am Markt, sagt der Vater zweier motocross-begeisterter Söhne. Um etwaigen Vorwürfen zu begegnen, er ginge aggressiv in den Markt, weist er auf einen ortsansässigen Yamaha-Händler hin. »Der hat bei mir gelernt und sich vor ein paar Jahren selbständig gemacht. Dem geht es gut.« Könemann hofft, dass die berüchtigte »Gruppenfreistellungsverordnung«, dieses seltsame Bürokratenwort, das die ausschließliche Belieferung von Kraftfahrzeugen über den Vertragshandel beschreibt, bald vom Tisch gefegt wird. Was ihn nicht daran hindert, Aprilia-Vertragshändler zu sein. Und erst recht nicht hinderte, die Edelmarke Bimota nach Deutschland zu importieren. 1996 war das. »Bimota ist an mich herangetreten«, schafft der Kaufmann das Missverständnis aus dem Weg, er habe sich gedrängt, den Import zu übernehmen. Die Italiener hätten mehr Stückzahlen machen wollen, und da sei Könemann in ihren Augen der Richtige gewesen. Das ist mittlerweile Schnee von gestern. Bimota ist pleite, und Könemann, der dem Werk kurz vor Torschluss noch eine Menge Motorräder abgenommen hatte, ist mit dem Weiterverkauf der edlen Stücke sehr zufrieden. »Die SB 8 R sind weggegangen wie warme Semmeln.« Einige Bimota ließ er zerlegen, um Ersatzteile zu haben, denn er möchte seine Kunden nicht im Regen stehen lassen.Insgesamt war das Bimota-Abenteuer aber doch kein Gewinn für sein Handelshaus, gibt der Geschäftsmann beim Cappuccino im hauseigenen Bistro zu. Trotz des großen Engagements auch finanzieller Art, das unter anderem die Einführung eines Qualitätsmanagements im Werk in Rimini brachte, war der Niedergang der Marke nicht aufzuhalten. Noch 1997 glaubte Könemann an den Verkaufserfolg des Zweitakters V due. Damals reiste er eigens zur Isle of Man, um den Einsatz seines Fahrers Dennis Winterbottom aus der Nähe zu beobachten. Half alles nichts. Das Geld für die Fertigentwicklung sei einfach nicht da gewesen, sagt der Motorradmann, der sich anfangs schon als Teilhaber der renommierten Firma gesehen hatte. Um die Marke zu unterstützen, lag es nahe, ein eigenes Bimota-Racingteam auf die Beine zu stellen. Auf einer SB 8 R nahm man an der Langstreckenrennen-WM teil, wobei seine halbe Firmenbelegschaft als Boxenmannschaft fungierte. »Wir wollten zeigen, dass wir dabei sind. Auf vordere Plätze kam es uns nicht an.« Wehmut ist nicht angebracht, denn der Erfolg ist auch ohne Bimota nicht zu übersehen. Der Blick aus dem leicht erhöht inmitten des Verkaufspavillions liegenden Bistro schweift über ein buntes Meer von blitzblanken japanischen Maschinen. 150 Stück, sagt der Chef nicht ohne Stolz, im Hintergrund der 500 Quadratmeter große Zubehörshop mit Bekleidung, Helmen, Stiefeln et cetera und der eigenen Bekleidungsmarke ZTK. Ganz neu. Dass ihm nicht nur der Großhandel etwas bedeutet, sondern erst recht der einzelne Motorradkäufer, beweist sein Veranstaltungskonzept. Ab Saisonbeginn ist jeden Samstag etwas geplant. Flohmarkt, auch für Gewerbetreibende, 20-Jahre-Jubiläumsfete (23./24.Februar), Führung von Motorradclubs, Oktoberfest, jeden Sonntag Verkaufshow und Verköstigung im Bistro, geführte Touren in die Heidelandschaft und so weiter. Deswegen hat Könemann seine Firma letztes Jahr extra umbenannt: Aus Zweiradtechnik Könemann wurde ZTK Erlebniswelt Motorrad GmbH. Wieder ein neues Kapitel im Leben des Dieter Könemann.

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