200 Meilen von Daytona (Archivversion) Captain America

Auf dem Weg zum Rekordsieg hat Scott Russell alle Feinde Amerikas niedergerungen: den Kanadier mit dem bösen Blick, den schrillen Man from Down under und den unbekannten Briten.

Scott Russells Leben paßt zum American Dream: von der drögen Arbeit an einer Plastiktüten-Maschine über den harten Aufstieg im Rennsport bis zum WM-Titel. Auch vergaß das Drehbuch seines Lebens nicht schwere private Rückschläge. Aber zum Schluß setzt sich der Held durch und genießt den Erfolg des US-Wohlstandsbürgers: Riesiges Anwesen, Oversize-Wohnmobil, Fahrzeugpark mit Monstergeländewagen Hummer, diversen Harley sowie Prestigelimousinen und Sportwagen schwäbischer Bauart.So ist Scott Russell, mit vier Siegen bei den 200 Meilen von Daytona schon seit 1997 Rekordhalter, die Idealbesetzung, die Invasion der bösen Buben von außerhalb zu stoppen. Aber die Gegner sind gut gerüstet. Miguel DuHamel etwa, der verwegene Kanadier mit dem finsteren Blick, war 1991 und 1996 Daytona 200-Sieger. Doch der Top-Fahrer von American Honda ging von Startplatz zwei hinter Russells Werks-Yamaha wohl zu motiviert auf die 200-Meilen-Reise.Zwar gab der Kanadier bis kurz vor dem ersten planmäßigen Boxenstopp nach etwa einem Drittel der Distanz gegen den Meister keinen Millimeter preis. Dann aber »schaltete DuHamel wohl mal kurz sein Hirn aus«, wie Scott Russell später schilderte, und ging in der 19. Runde an der Yamaha vorbei. Mit einem überharten Bremsmanöver in die Schikane wollte er sich »einen psychologischen Vorteil vor dem Boxenstopp sichern«, erklärte DuHamel, »aber das Vorderrad blockierte, und das war’s«.So hatte Scott Russell nach gut 60 Meilen keine Gegner mehr und konnte seine amerikanischen Co-Patrioten mit Wheelie-Einlagen und fröhlichem Winken erfreuen. Denn der zweite böse Feind Amerikas war bereits abgeschlagen: Anthony Gobert, der lebensfrohe Australier, der seine Freude über das Ende seines Martyriums im 500er Suzuki- Grand Prix-Team in alle Welt posaunte: »Ich hasse Suzuki. Vor allem hasse ich Teamchef Gary Taylor. Die wollten mich zerstören. Aber zum Glück gehörte Ducati zu den wenigen, die nicht auf Suzuki gehört haben.«Im Training war Gobert tatsächlich der Schnellste. Aber für die Rolex-Uhr, die Pole Position-Trophäe, reichte es nicht. In Daytona steht die Lichtschranke statt auf der Ziel-Linie erst nach der ersten Kurve. Und Gobert ging zu früh vom Gas. Auf den Uhren aller Teams bei Start und Ziel war Nummer eins offiziell nur Dritter. Aber das beeinflußte seine Laune weniger, eher schon die Hitzeanfälle seiner Vance & Hines-Ducati: »Schon am Start registrierte ich 116 Grad Wassertemperatur, später noch mehr.« Gobert wurde durch die erste Boxenstopp-Welle zwar bis auf Rang drei vorgespült, versank dann aber hoffnungslos als Achter.Hinter King Russell cruiste derweil ebenso unberührbar Kawasaki-Fahrer Doug Chandler einher, der die entscheidenden Sekunden durch nicht perfekte Boxenstopps der Muzzy-Kawasaki-Crew verloren hatte. Immerhin hatte er das Supersport 600-Rennen vor den 200 Meilen souverän gewinnen können.Das Interesse konzentrierte sich jedoch immer mehr auf die drittplazierte Yamaha. Darauf saß der völlig unbekannte Jamie Hacking, von dem erst nach dem Rennen bekannt wurde, daß er Engländer ist. In seinem zweiten Superbike-Rennen segelte er unbekümmert auf Rang drei: »Ich habe erst gar nicht kapiert«, so der 25jährige, »was mir meine Boxencrew mit den P3-Schildern überhaupt sagen wollte.«Als Hackings Stern gerade aufging, war Harley- Davidsons Überflieger Pascal Picotte endgültig abgestürzt. Nachdem der Trainings-Fünfte den Big Twin nach DuHamels Sturz unter dem Jubel von rund 50000 Fans auf Rang zwei geprügelt hatte, folgte der Absturz an der Box. Ein blockiertes Kupplungslager gab den Leerlauf nicht frei, und das Hinterrad ließ sich erst mal nicht abnehmen. Als Zehnter fuhr Picotte weiter. Nach 40 Runden schon wieder Sechster, durfte er beim zweiten Stopp das gleiche noch mal erleben. »Es ist zum heulen«, resignierte er.Trotzdem war Teamchef Steve Scheibe gar nicht niedergeschlagen: »Wir sind endlich konkurrenzfähig. Bei den restlichen US-Superbike-Rennen gibt’s keine Boxenstopps. Dort werden wir noch 1998 gewinnen. Unser größter Fortschritt ist nicht die Technik, sondern der neue Fahrer Pascal Picotte.«War Scheibe trotz Totalabsturz guter Dinge, so blieb der sichere Sieger Scott Russell eher cool. »Dieser Sieg war nicht schwer. Und für die WM-Saison bedeutet er nichts. Gegen eine Werks-Honda könnte ich hier nicht annähernd im Windschatten bleiben.« Gefragt nach weiterer Daytona-Motivation, zeigte er sich wieder als guter Amerikaner und ehrte einen Helden der Vergangenheit aus der Autofraktion: »Richard Petty hat das 500-Meilen-NASCAR-Rennen siebenmal gewonnen. Es ihm gleich zu tun wäre ein Ziel.«Nichts mit Statistiken am Hut hatte Supercross-Gewinner Jeremy McGrath. Der 50fache US-Supercross-Sieger, zur Meisterschaftshalbzeit schon als überlegener Tabellenführer vor seinem Yamaha-Teamkollegen Kevin Windham, Honda-Fahrer Ezra Lusk und Titelverteidiger Jeff Emig auf Kawasaki angereist, kümmerte sich nach seinem zweiten Daytona-Triumph vor Emig und Lusk überhaupt nicht um seinen Platz auf Rekordlisten. »Wichtig ist, daß ich mit der Yamaha wieder eine Maschine habe, mit der ich Rennen auf meine Weise gewinnen kann.« Zur Erinnerung: McGrath pflegt mäßig zu starten; aus der Sicherheit heraus, im Laufe des Rennens die Gegner vor ihm ohne größeres Aufsehen zu überholen. Jeff Emig zum Beispiel konnte sich in Daytona gar nicht erinnern, wann und wo McGrath ihn hinter sich gelassen hatte.

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