200 Meilen von Daytona (Archivversion) Scott-Land

Neuer Rekord im Training und bereits der vierte Sieg bei den 200 Meilen: Daytona ist ein gutes Pflaster für Superbike-Rückkehrer Scott Russell.

Dean Mizdal ist einer der bewundernswerten Lebenskünstler, ohne die der Motorradrennsport im allgemeinen und eine Veranstaltung wie die 200 Meilen von Daytona im speziellen undenkbar sind. Seit über einem Jahrzehnt hält sich der Privatfahrer über Wasser, obwohl er, zum Teil auch materialbedingt, nur selten über bessere Mittelfeldplazierungen hinauskommt. 1997 in Daytona aber hätte der Kalifornier vor rund 40 000 Zuschauern fast alles auf den Kopf gestellt. Nach gut drei Viertel der Renndistanz, vier Runden hinter der Spitze auf dem Weg zu einem Platz um 20 im 72 Fahrer starken Feld, stürzte Mizdal auf dem Weg in die erste Steilwandkurve. Seine aufgepeppte 750er Supersport-Suzuki fing Feuer und löste sechs Runden vor Schluß eine Pace Car-Phase aus.Diese außer in Daytona nur im Automobilsport bekannte Langsamfahrt unter Überholverbot hinter einem Führungsfahrzeug brachte das nach rund 150 Meilen weit auseinandergezogene Feld wieder eng zusammen.Und Superbike-Ex-Weltmeister Scott Russell, bis dahin mit seiner Werks-Yamaha unwiderstehlich zu seinem vierten Sieg bei den 200 Meilen von Daytona unterwegs, was vor ihm noch keiner geschafft hatte, war mit einem Schlag seinen mehr als vorentscheidenden 22-Sekunden-Vorsprung auf Kawasaki-Muzzy-Fahrer Doug Chandler wieder los. Die 200 Meilen waren in ihrer entscheidenden Phase plötzlich zu einem drei Runden, also gerade mal 10 Meilen oder gut 16 Kilometer langen Sprint geschrumpft - mit sechs mehr oder weniger chancenreichen Teilnehmern. »Als das Pace-Car herauskam, habe ich es verflucht, weil der ganze Vorsprung dahin war”, erinnerte sich Scott Russell, »aber für die Fans und die Spannung zum Finale des Rennens war es ideal, das muß ich schon zugeben.” Russell, der schon das Training mit neuem Rekord dominiert hatte, konnte seinen ersten Platz letztlich verteidigen. Die Zieldurchfahrt selbst, die den Amerikaner als vierfachen Sieger zum unangefochtenen »Master of Daytona” machte, erinnerte dabei stark an das Vorjahr. Unmittelbar am Hinterrad von Russells Yamaha hing American Honda-Fahrer Miguel Duhamel, der 1996 Russell mit einer Hundertstelsekunde Vorsprung besiegt hatte. Diesmal allerdings hatte der Kanadier eine Runde Rückstand und war nur Siebter. Offenbar unlösbare Probleme mit den Vorderreifen zwangen ihn zu zwei außerplanmäßigen Boxenstopps, und die Siegchancen waren dahin. »Aber Duhamel hätte mich sowieso nicht noch einmal um ein oder zwei Inches besiegt, das könnt ihr mir glauben”, grinste Sieger Russell nach den Rennen. Auch sonst war niemand ernsthaft gefährlich für den Mann aus Georgia, der nach seinem Ausflug in die 500er Grand Prix-Welt wieder zu den Superbikes zurückgekehrt ist und nun für Yamaha die WM bestreiten wird. Doug Chandler, die Nummer eins im Kawasaki-Muzzy-Team, hatte zwar durchaus ehrenhafte Absichten, Russells Rekordsieg zu verhindern. Er konnte jedoch nur kurzfristig die Kreise des Meisters stören. »Ich wollte Scott von Anfang an unter Druck setzen und bin in der vierten Runde ja auch kurz in Führung gegangen. Aber als wir zum ersten Mal auf eine nennenswerte Gruppe von Überrundeten aufgelaufen sind, kam er einfach besser durch”, erklärte der Kawasaki-Mann, »danach habe ich Scott erst wieder gesehen, als das Pace-Car auf die Strecke kam.” Chandler, der im Gegensatz zu Russell und auch dessen drittplaziertem Teamkollegen Colin Edwards die komplette US-Superbike-Meisterschaft bestreitet, und das als Titelverteidiger, hatte auch noch andere Dinge im Kopf: »Ein Daytona-Sieg ist natürlich das Größte, aber für mich geht es anders als für die beiden Yamaha-Jungs auch um die Verteidigung des US-Meistertitels. Und da habe ich mit dem zweiten Platz die Tabellenführung übernommen.” So war der Texaner Colin Edwards, wie Russell für das beim italienischen Importeur Belgarda in Monza beheimatete Yamaha-Superbike-WM-Werksteam unterwegs, der einzig Unzufriedene bei der Siegerehrung. »Ich bin anfangs das Tempo von Scott Russell mitgegangen”, rekapitulierte der Jung-Star, »habe aber schon sehr bald gemerkt, daß ich dabei, offensichtlich ganz im Gegensatz zu ihm, die Reifen über Gebühr belaste. Deshalb mußte ich zurückstecken.” Belgarda-Teammanager Davide Brivio machte im übrigen den individuellen Fahrstil der beiden für die unterschiedliche Reifenbelastung verantwortlich.Um den vierten Platz hinter Edwards gab es in Daytona ziemlich viel Theater nach dem Rennen. Gleich zwei Fahrer reklamierten ihn für sich. Da war zum einen der clevere und - nehmen wir es ruhig vorweg - am Schluß auch erfolgreiche Steve Crevier mit der Honda RC 45. Der in jüngerer Vergangenheit leidgeprüfte Kanadier - weite Teile der 1996er Saison sowie auch der winterlichen Vorbereitung mußte er verletzungs- und krankheitsbedingt abhaken - war Sechster und damit letzter nicht von Scott Russell überrundeter Fahrer im Feld, als das Pace Car auf die Strecke kam. »Diese Gelegenheit kam mir wie gerufen”, so der schlaue Fuchs Crevier, »ich holte mir an der Box rasch einen superweichen Hinterradreifen und konnte so in den letzten zwei Runden noch Tom Kipp und Pascal Picotte überholen. Der vierte Platz ist mein bestes Daytona 200-Ergebnis überhaupt. Dies versöhnt mich mit dem Rennverlauf, denn phasenweise ging es mir sehr schlecht. Ich konnte in der Steilwand noch nicht einmal an Supersport-Maschinen problemlos vorbeiziehen.” Gar nicht einverstanden mit Creviers viertem Platz war Suzuki-Pilot Pascal Picotte aus dem Yoshimura-Team, der im übrigen das dem 200-Meilen-Rennen vorausgegangene Supersport 600-Rennen vor Crevier hatte gewinnen können. »Ich bin Vierter, Crevier ist nach seinem Reifenwechsel in der Pace Car-Phase zu früh wieder auf die Strecke gegangen und muß dafür eine Strafrunde bekommen.” Picotte staunte nicht schlecht, als statt Crevier er selbst eine Strafrunde aufgebrummt bekam - wegen Überholens in der Pace Car-Phase - und damit zunächst noch hinter Yamaha-Mann Tom Kipp auf Rang sechs zurückgestuft wurde. »Creviers vierter Platz geht in Ordnung”, mußte sich Picotte von seinem Teamkollegen Aaron Yates belehren lassen, der auf der Strecke als Achter im 200-Meilen-Rennen und Dritter der Supersport 600-Klasse zwar jeweils einen Respektabstand auf Picotte bewahrt, aber dafür in der Fahrerbesprechung wohl besser aufgepaßt hatte. »Wenn der Streckenposten am Ende der Boxengasse eine Lücke im Feld als groß genug erachtet, kann er einen Fahrer auch in der Pace Car-Phase auf die Strecke lassen, bevor das Feld komplett vorbeigefahren ist«, wußte Yates von dem Meeting zu berichten. Unabhängig davon intervenierte Yoshimura-Suzuki gegen die Rückstufung ihres eigenen Fahrers - mit Erfolg. Ein offizielles Video zeigte, das Picotte tatsächlich hinter dem Pace Car überholte, dazu aber mit heftigem Fahnenschwingen von einem Marshall aufgefordert worden war. Er durfte am Ende seinen fünften Platz behalten.

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