200 Meilen von Daytona/USA (Archivversion) no big deal

Es war »no big deal«, keine große Sache, wie die US-Journalistenkollegen am Daytona International Speedway anmerkten. Unzählige Male haben sie es schon gesehen, wenn auch eher im Automobilsport. Wenn gegen Rennende die Geschichte langweilig zu werden droht, sucht die Rennleitung mit Argusaugen nach einer noch so nichtigen Unregel-
mäßigkeit im Ablauf, welche zur Mega-
Gefahr erhoben wird. Der Pace-Car wird auf die Piste geschickt, das Fahrerfeld da-
hinter versammelt. Eventuelle überlegene Führungssekunden lösen sich in nichts auf –, und dem hyper-spannenden Finale steht nichts mehr im Wege.
Genau dies passierte auch bei den
200 Meilen von Daytona in der 55. von 68
Runden. Und dabei ist alles verrutscht. Der Pace-Car verfehlte nämlich den bis dahin mit 16 Sekunden kaum noch einholbar führenden Honda-Werksfahrer Jake Zemke und setzte sich vor die Yamaha des viertplatzierten Eric Bostrom. Damit musste sich Zemke, statt fünf wild entschlossene Widersacher im Nacken zu haben, in den letzten zehn Runden nur noch mit sei-
nem Honda-Markenkollegen Joshua Hayes
und Yamaha-Junior Jason DiSalvo herum-
schlagen. Die jedoch steckten nach Ende der Pace-Car-Phase wie er selbst mitten im Feld der noch 47 verbliebenen Fahrern und konnten daher verkehrsbedingt keine großen Angriffsaktionen mehr starten.
»Am Schluss hätte ich es fast doch noch verzockt«, gab der Sieger zu, »denn ich sah auf meiner Boxentafel ständig +4. Plötzlich las ich +25 und dachte, dass Josh Hayes hinter mir wohl noch zu einem kurzen Sicherheitstankstopp an der Box war. Ich fing an rumzucruisen, und das nächste, was ich sah, war +0,5.« Der 30-jährige
Kalifornier konnte noch rechtzeitig auf den Lesefehler – 25 statt 2,5 – reagieren, kreuzte die Ziellinie 1,5 Sekunden vor Hayes und holte seinen ersten Daytona-200-Sieg vor seinem semi-offiziellen Markenkollegen und DiSalvo, welcher der Sache eine zynisch-humorige Seite abgewinnen konnte: »Das ist halt unsere Motorsportfödera-
tion AMA, denen passieren dauernd solche Klöpse. Aber wir wollen Rennen fahren und arrangieren uns eben.«
Sein etwas humorloserer Graves-Yamaha-Team-Kollege Eric Bostrom protestierte gegen die Pace-Car-Dilletanten – erfolglos. So blieb auch »E-Boz« auf Rang vier, den er am Schluss heftig gegen Miguel Duhamel verteidigen musste.
Der Franko-Kanadier, mit bisher fünf Daytona-200-Siegen gleichauf mit dem
legendären Scott Russell an der Spitze der ewigen Siegerliste, wollte unbedingt den Rekordsieg sowie in der neuen Daytona-Zeitrechnung ungeschlagen bleiben. Denn seit dem Vorjahr läuft das 200-Meilen-
Rennen ja nur noch mit 600er-Maschinen nach einem Superbike-ähnlichen Reglement
namens Formula Extreme statt mit echten Superbikes, weil die in den Steilwänden die Hinterreifen zu sehr beanspruchen.
Aus der Pole Position fuhr Duhamel
auf seiner Werks-Honda CBR 600 RR
ein überlegenes Rennen weit vor dem Feld, bis er auch auf der kleinen, immerhin knapp 160 PS starken 600er der Reifenphysik Tribut zollen musste. Zwei Runden vor dem zweiten planmäßigen Reifenwechsel stürzte Duhamel. »Ich habe schon gemerkt, dass der Reifen zur Neige ging und hatte etwas Dampf herausgenommen«, berichtete er, »aber das war wohl nicht
genug.« Immerhin schaltete der 37-jährige Routinier blitzschnell, rannte zu seinem Motorrad, erkannte auf »renntauglich« und fuhr sofort weiter. Selbst den Reifenstopp absolvierte er planmäßig, also erst zwei Runden nach dem Sturz.
Einziger deutscher Teilnehmer war der Sachse Rico Penzkofer, der als Mitglied
eines international aufgestellten Buell-Werksfahrer-Quartetts angetreten war. Betreut vom Team Buell-Hannover des im Rennsport sehr engagierten Harley-Davidson- und Buell-Händlers Volker Schirmer stand »Penz« mit der nagelneuen Buell
XB-RR 1350 auf Startplatz 13 und konnte diese Position im Rennen halten – bis in Runde 26 die Kupplung aufgab. Auch die drei anderen Buell, als luftgekühlte Zweiventil-Twins im Formula-Extreme-Regelwerk ohne Hubraumbeschränkung zugelassen, blieben ungefähr gleichzeitig mit verwandten Defekten an Kupplung oder Primärtrieb stehen.
Das mit fünf Werks-Teams gegenüber den dreien im 200-Meilen-Rennen (Honda, Yamaha, Buell) deutlich stärker besetzte Superbike-Sprintrennen war als US-Meisterschaftsauftakt viel mehr als ein bloßes Rahmenrennen, obwohl die Distanz wegen der Reifen auf 15 Runden verkürzt worden war – das Supersport-Rennen beispielsweise ging über 22 Runden. Das ganze Rennen über ließ der jugendliche Yoshi-
mura-Suzuki-Held Brian Spies den großen Meister Mat Mladin nicht in Ruhe. Selbst
in der allerletzten Runde ausgangs der Schikane schien Spies alles gewonnen zu haben. Denn der 21-Jährige war direkt am Hinterrrad der GSX-R-1000 seines Teamkollegen, was angesichts der restlichen Steilwand-Vollgasstrecke zur Ziellinie nach einem sicheren Windschatten-Sieg aussah.
Aber dann griff der kroatisch-stämmige Australier Mladin, immerhin siebenfacher US-Superbike-Meister, ganz tief in die Trickkiste. Im Stil eines sonst nur bei Bahnradsprints zu sehenden »Stehversuchs« machte er kurz das Gas zu und scherte aus. Spies staunte einen Tick zu lange, ging in Führung und in die Falle. Mat
Mladin jagte hinter seinem Jünger her und schnappte ihn sowie den Sieg aus dem Windschatten wenige Meter vor der Ziel-
linie. »Es war wichtig«, grinste der Champ bei der Siegerehrung, »dass ich ihn im
Anschluss nicht zu früh überholen würde. Sonst hätte Ben eine Chance gehabt, noch mal zurückzukommen.« mtr

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