22. Motorradgottesdienst in Hamburg (Archivversion) Um Gottes Willen

Einmal im Jahr gibt Pastor Faehling den Türsteher Gottes: Kommen Sie rein, Sie werden es nicht bereuen, wirbt er bei Motorradfahrern für die Kirche.

Wie viele Engel auf eine Nadelspitze passen, darüber haben im Mittel-
alter Theologen gestritten. Weil solch spitzfindige Disputation nicht unbedingt erhellend war, hat die Nachwelt in dieser Epoche dann auch eine eher finstere gesehen. Wie Recht sie doch hat, die aufgeklärte Moderne, denn heutzutage diskutiert man nicht mehr darüber, wie dünn sich ein Engel
machen kann, da wälzt man das spannendere und viel zeitgemäßere Problem, wie schnell denn so ein Engel eigentlich fliegt.
Antwort auf diese Frage gibt der Hamburger Motorradgottesdienst. Dort nämlich werden traditionsgemäß gelbe Bänder an die Teilnehmer, heuer waren’s über 35000, verteilt. »Da kann sich der Schutzengel dran festhalten«, sagt Bärbel, eine freund-
liche Helferin, die am Samstag vor der Massenveranstaltung eben solche wundersamen Haltegurte sortiert, in lange und in kurze. »Aber«, fügt sie hinzu, »bekanntlich soll man eh nicht schneller fahren, als der Schutzengel fliegt.« Aha: Wenn es also Motorräder gibt, die diese schützenden Geisterwesen abhängen können, wäre die engelische Highspeed unter Berücksich-
tigung der stärksten derzeit erhältlichen
Serienmaschine und einer minimalen Davonfahrdifferenz von einem km/h ergo auf maximal 299 km/h zu taxieren. (Woran sich übrigens zeigt, dass der Industrie-Verband Motorrad, der just diese 299 als freiwillige Selbstbeschränkung auf den Tachometern dekretiert, wohl mit Hilfe göttlicher Ein-
gebung agiert.)
»Das Bild des Schutzengels am gelben Band finden Sie also naiv und kritisch«, wundert sich Pastor Erich Faehling, »genau darüber werde ich morgen predigen. Das ist eines der schönsten Bilder, die ich kenne. Eines, das seinen komplexen Hin-
tergrund nicht vereinfacht.« Die Dresdner Bank warb mal mit dem grünen Band der Sympathie, Pastor Faehling wirbt mit dem gelben Band des Mogo. »Wie funktionieren denn die Menschen?« fragt er rhetorisch. »Der eine hat seinen Glückscent im Portemonnaie, der andere macht einen Knoten in sein Taschentuch, der dritte geht sonntags in die Kirche, und ein anderer bindet sich das gelbe Band an sein Motorrad.
Das ist manchmal der einzige Berührungspunkt, den solche Menschen mit der
Religion haben.« Wenn er denen erzählte, dass, theologisch betrachtet, Engel nichts anderes seien als ein symbolischer Ausdruck für die Nähe Gottes, dann würden sie sagen: »Tschüs, das war’s, dann habe ich die Chance verpasst.« Die Chance,
für die Kirche, für Gott zu werben. So sieht das Pastor Faehling, Landpfarrer zu Bock-
horst, der einmal im Jahr, wenn er Mogo
in Hamburg macht, den »Türsteher Gottes« spielt. »Kommen Sie rein, schauen Sie sich um, und wenn es Ihnen gefällt, bleiben Sie einfach. Sie sind willkommen.«
An der Bushaltestelle am Michel wirbt die Bild-Zeitung für eine neue Serie: »Mit dem Glauben kam das Glück. Die Happy-Formel macht’s möglich.« Rita könnte schon ein bisschen mehr Glück in ihrem Leben brauchen. Schneiderin hat sie
zunächst gelernt, dann auf Datenverarbeitung umgeschult. Ihre Firma ging vor einiger Zeit bankrott, und Ritas Job wurde gen
Indien globalisiert. »Mit meinen 50 plus krieg’ ich auch keinen mehr.« Ihr Trike hat die Hamburgerin bereits morgens um neun auf der Ludwig-Erhard-Straße geparkt, wo der Konvoi zur nachmittäglichen Ausfahrt sich formiert. Eine der wenigen erfreulichen Konstanten ihres Lebens, meint sie, sei das gelbe Band. »Das bleibt so lange dran, bis es abfällt.« Aber religiös, tja,
das sei sie eigentlich nicht. »Jeder glaubt an irgendwas, aber deshalb muss man ja nicht jeden Sonntag in die Kirche springen.« Einmal im Jahr, das reiche ihr. Beim Motorradgottesdienst, der eben auch ein Trike-, Roller-, Mofa-, Gespann- und Quad-
gottesdienst ist.
Dass Kirche die Leute abholen müsse, vom Motorrad, vorm Arbeitsamt oder vom Segelboot – während der Kieler Woche wurde der erste »Sego« zelebriert –, da-von ist Pastor Faehling überzeugt. In der
Gesellschaft mache sich nämlich eine
»religiöse Sehnsucht« breit. »In Form von Feng-Shui für Wohnräume, Halbedelsteinen zum Gesundbeten, Tarotkarten zum Lösen seelischer Schwierigkeiten.« Mittelchen, die man wie Pillen benutze, die man durchprobiere: Hilft dies nicht, hilft vielleicht das. Kirche sei anders, predigt
der Pastor. Da müsse der Mensch mittun, mithelfen am Prozess seiner seelischen Genesung. Und der Mogo – diesjähriges Motto: »Dort, wo Leben ist« – sei ein
optimales Forum, vielen Menschen dieses Angebot zu machen.
Das sehen viele anders, nicht nur in der Kirche. »Im Kampf gegen den Schwund
ihrer Mitglieder und den Schwund ihrer
Kirchensteuer«, so analysierte die Süddeutsche Zeitung den Mogo, »setzen die Kirchen immer jappender und immer atemloser auf das größte Missverständnis von allen: auf das Zeitgemäße.«
Zeitgemäß – das heißt hier zielgruppenorientiert, auf Motorradfahrer, Inline-Skater oder Bergwanderer; das heißt marketingtechnisch durchstrukturiert. »Ich hätte kein Problem damit«, erläutert Faehling, »wenn beim Mogo ein Transparent hinge etwa
des Inhalts, dass ohne Unterstützung von BMW der Motorradgottesdienst nicht hätte finanziert werden können.« Weil das ja nicht bedeute, dass Gott BMW fahren würde. »Top secret«, steht auf einem Werbezettel, den der Kommerzsender 106!8 Rock ’n Pop während des Mogo unter die Leute wirft, streng geheim also und »Nur für
Besucher des MOGO 2005! 2000 Euro
gewinnen!« Irgendwie ziemlich zeitgemäß, ein Geheimnis, das offensichtlich keines ist, öffentlich zu verkünden.
Dabei weiß Faehling selbst, dass der Reiz des Mogo, seine immense Anziehungskraft, auf Unzeitgemäßem beruht, auf Pathos: der Wiederherstellung der Gemeinschaft aller Motorradfahrer, der Wiederauferstehung dessen, was man, um in christ-
liche Terminologie zu schlüpfen, Urkirche der Gekräderten nennen könnte. Der, einst verfolgt von Obrigkeit und öffentlicher
Meinung, nichts anderes übrig blieb, als solidarisch zusammenzuhalten. »Ist doch klasse, dass meine Shovel neben einem 50er-Roller steht«, preist ein Free Biker, das zumindest steht auf seiner Kutte, die einheitsstiftende Kraft des Mogo. Dass hier Toleranz herrsche, keiner wegen
seiner Maschine blöd angemacht werde, das finden alle prima. Honda-Mechaniker Siegfried kommt immer wieder gern zum Mogo, nicht weil er gläubig wäre, sondern weil er hier »die ganze Vielfalt des Motorradfahrens erleben kann«. Die Szene, die sich ansonsten fraktioniert in Freunde des Supersportlerwesens, Anhänger des reinen Tourens und in andere notorisch motorische Sekten, verdrängt bei »Events« wie dem Mogo ihre unterschiedlichen Glaubensbekenntnisse. »Mag aber gut sein«, gesteht Faehling. »dass einige Motorradfahrer am nächsten Tag wieder ihre Maschine an-
beten.« Wenn sie dann irgendwann mal wieder Bock auf Friede, Freude und die ganze Motorradfamilie haben, fahren sie halt zum nächsten Mogo. Nie gab es
mehr als heute und an jedem Wochenende mindestens zwei.
Vielleicht boomen ja Motorradgottes-
dienste gerade deswegen, weil sie zu nichts verpflichten, und schon gar nicht
zu religiöser Empfindung. Nicht nur Pastor Faehlings Einladung zu bleiben, gerät bei aller Emphase herzlich unverbindlich. »Darf man hier eigentlich rauchen?« fragte ein Motorradler während des Gottesdienstes im Michel. »Nein, und dein Bier machst du auch erst später auf.« Was dieser Mensch dann auch treulich tat. Für die meisten Teilnehmer sind Motorradgottesdienste halt Party ohne Alkohol. Damit der Schutzengel keine Schlangenlinien fliegt.

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