24-Stunden Oschersleben (Archivversion) Favoritensterben

Erstes 24-Stunden-WM-Rennen in Deutschland. In Oschersleben liegt eine Sensation in der Luft. Das MOTORRAD ACTION TEAM steht auf Startplatz zwei.

Die Stimmung ist gut. Bestens. Schon nach dem Qualifikationstraining. Erster 24-Stunden-WM-Lauf in Deutschland, und ein deutsches Team auf dem zweiten Startplatz: das MOTORRAD ACTION TEAM. Erst in letzter Trainings-Minute musste sich Fahrer Markus Barth keinem geringeren als Steve Hislop geschlagen geben. Jawohl, Hislop. Der TT-Star fährt mit.Andere Topfahrer, die um den Titel in der Langstrecken-WM kämpfen, auch, aber viele nicht in ihren angestammten Teams. Sie haben bei guten Privatteams Unterschlupf gefunden, weil die Werksmannschaften abgesagt haben. Kawasaki France ebenso wie Suzuki und Yamaha France. Stand nicht auf dem Plan, kein Budget. Für fürstliche Antrittsprämien, so war zu hören, wäre das eine oder andere Werksteam vielleicht doch in der deutschen Provinz erschienen. Die Organisatoren in Oschersleben jedoch blieben eisern. Sie ziehen ihre zweite German Speedweek auch ohne diese Teams durch. Mit dem 24-Stunden-WM-Lauf als Höhepunkt und einem gut bestückten Beiprogramm, zu dem unter anderem auch ein nächtliches SuperMoto-Rennen gehört. 42 000 Besucher meldet der Veranstalter während der dreitätigen Session. Das Konzept »Speedweek« scheint aufzugehen (siehe auch Kommentar Seite ??).Und das Starterfeld füllte sich auch so. Langstrecke oder Endurance mag eine französiche Erfindung sein. Gut. Aber auch in Deutschland gibt es zwischenzeitlich genug Teams, die sich der vielleicht härtesten Straßenrennsportdisziplin stellen. Und schließlich nannten noch die wichtigsten internationalen Privatteams, wie Suzuki Shell Portugal, Bolliger aus der Schweiz oder Phase One, nicht zu vergessen die europäischen Topmannschaften aus der Stock- und der Supersportklasse. In Abwesenheit der Werksrenner witterten sie alle Morgenluft – auch die Kollegen vom ACTION TEAM.Der zweite Startplatz hinter dem Semi-Werksteam GTM 94 mit Gastfahrer Hislop war nach dem Ausfall in Spa und den Problemen bei der WM-Premiere in Le Mans Balsam für die strapzierte Seelen der deutschen Equipe. Vergessen all die technischen Probleme. Ja, er ist wieder der, der Teamgeist des letztjährigen nationalen 24-Stunden-Rennens von Oscherleben, wo nach dem ermutigenden zweiten Platz beim ACTION TEAM letztlich der Entschluss für das Abenteuer Langstrecken-WM gefallen war. Eine Schlüsselrolle bei diesem Projekt spielt Reinhard Berier, der Dunlop-Renndienst-Chef. Motivator, Antreiber, Berater des Teams in einer Person. Verlangt bedingungslosen Einsatz und Disziplin. Wenn Berier sagt: »Zwei Runden vorsichtig, dritte Runde voll«, setzen die Fahrer Gerhard Lindner, Markus Barth und Fernando Christóbal das um. Und zwar minutiös. Auch als beim Vorstart am Samstag erste Regentropfen fallen, vertraut Fernando Cristóbal auf den Dunlop-Mann. Keine Intermediates, nein, Slicks sind aufgezogen. Die richtige Wahl, trotz der Feuchtigkeit, wie sich herausstellen sollte. Während andere Teams nach dem Startschuss hektisch und teilweise mehrfach die Reifen wechseln, fährt Fernando dezent unter den ersten Zehn mit, hält den Kontakt zur Spitze. Dort fahren zwei große alte Herren des deutschen Supersport-Rennsports den inoffiziellen Yamaha R6-Senior-Cup aus: Michael Galinski und Herbert Kaufmann kommen mit den feuchten Streckenbedingungen am besten zurecht.Nur die Ruhe, denken die anderen 53 Teams, denn es wird noch viel passieren in den nächsten 24 Stunden. Der Kurs ist anspruchsvoll, bietet in einigen Streckenabschnitten wenig bis gar keine Überholmöglichkeiten. Zudem gönnt die kurvenreiche Piste den Fahrern kaum Ruhe. Längere Geraden fehlen, die Superbikes und die kräftigen R1 und ZX-9 R aus der Stocksport-Klasse können ihre Muskeln nicht richtig spielen lassen. Vor allem im Nassen sind die handlichen 600er deshalb sehr schnell unterwegs.Regen, ab neun Uhr abends das beherrschende Thema in Oschersleben, wirbelt das Klassement nachhaltig durcheinander. Auch ACTION TEAMer Markus Barth stürzt und rückt nach rundenlanger Führung des Teams zum ausserplanmäßigen Stopp an die Box ein. Kein Problem, alles unter Kontrolle, die Techniker scheinen unerschütterlich, wechseln Verkleidung, Lenkstummel, den Lichtmaschinendeckel und andere Kleinteile ebenso fix wie sie die Routinestopps abspulen (siehe auch Kasten Seite ??). Reifenspezialist Berier sitzt derweil fast provozierend entspannt vor seinem Zeitenmonitor und lächelt: »Wenn ich hier jetzt den Kopf hängen lasse, geht doch alles den Bach runter. Die Jungs fahren das wieder rein.« Sie tun’s. Und wie. Vor allem Gegesch Lindner. Es gießt wie aus Kübeln und er wird immer schneller: Das Team erobert die Führung zurück, manövriert die Suzuki GSX-R 750 sicher durch die Nacht, arbeitet bis zum frühen Vormittag einen verdienten Vorsprung von neun Runden heraus. Worüber keiner in Box 27 laut zu reden traute, rückt nun in greifbare Nähe: der Gesamtsieg in einem WM-Lauf. Die Strecke trocknet ab, das Team kontrolliert das Rennen souverän, die Fahrer wollen den Motor, Bremsen und die Slicks schonen, fahren einen runderen, sanften Stil.Fahrerwechsel, Routine, Markus übernimmt, freut sich, will es »gemütlich angehen lassen«, hört einen Knall, schaut sich um und sieht blauen Rauch. Entsetzen in der Box, der Fluch von Spa, er hat sie eingeholt. Alle Teams hatten ihre kleinen und größeren Tragödien in diesem Rennen. Alle, auch und gerade die Favoriten. Steve Hislop und Co, nicht nur einmal gestürzt, mit nur zwei Fahrern in der Nacht immer wieder an die Spitze herangefahren. Bis zum nächsten Sturz oder technischen Problem.Und nun auch das ACTION TEAM. Wie paralysiert stehen die Techniker Mike und Kai vor der Suzuki. Ferndiagnose: Motorschaden. Sie wollen es genau wissen. Mal reingucken. Zerlegen den Rennmotor. Ein Auslaßventil hat einen Kolben zertrümmert. Aufgeben? Nein. Niemals. Ein Kumpel vom Konkurrenten Phase One hilft bei der Reparatur, als sei das selbstverständlich. Sie schlachten das Triebwerk der Trainingsmaschine und bauen in drei Stunden eine neue Antriebsquelle auf. »Ziemlich wild«, findet Kai die Mischung aus Tuning- und Serienteilen. »Egal«, sagt Mike, »halten muss es.« Tut es. Am Ende Platz 9 in der Superbike-Wertung. Einen Platz vor Steve Hislop. Die Stocksport-R1 von Endurance Moto 38 gewinnt. Das ACTION TEAM will zurückkommen, nach Oschersleben, nächstes Jahr im August. Dann werden auch die Werksteams da sein, ganz sicher.

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