24-Stunden-Rennen von Magny-Cours (Archivversion) Reife-Prüfung

Fahren, was geht, und zwar 24 Stunden lang. Eine Aufgabe, der sich auch zwei MOTORRAD-Teams gestellt haben. Eine Reportage über ein Langstrecken-Rennen, bei dem es ausnahmsweise nicht um Maschinen und Plazierungen, sondern um die Menschen geht.

»Sch..., warum tu ich mir das an?« Ralf, einer der vier Fahrer des MOTORRAD ACTION TEAM I, sitzt rittlings auf einer Bierbank und runzelt die Stirn, während er an seiner Zigarette zieht. Ralf ahnt, was auf ihn zukommt. Ein 24-Stunden-Rennen zu fahren ist schließlich kein Pappenstiel. »Ich bin gespannt, ob ich das durchhalte«, stöhnt der 38jährige. Mit diesem Gefühl ist er hundertprozentig nicht allein. So oder so ähnlich werden viele Fahrer der 54 Teams, die in Magny-Cours an den Start gehen, denken.16 Uhr, die Signalanzeige am Ende der Start- und Zielgeraden des 4,25 Kilometer langen Formel I-Rennkurses springt auf Grün - Le Mans-Start. Blitzschnell löst sich der bunte Knäuel aus Fahrern und Maschinen auf. Keine Kollision, keiner bleibt stehen. Gerhard »Gegesch«, zweiter ACTION TEAM I-Fahrer und auf der Pole Position plaziert, verpatzt den Start etwas. »So ein 24-Stunden-Rennen dauert lange«, beruhigt ein TEAM-Mechaniker.Es ist der zweite Langstrecken-Marathon für seriennahe Motorräder, den MOTO aktiv organisiert hat. Ein Rennen, eher für die »Amateure« gedacht als für die »Profis«. Na ja, so ganz klappt das wohl nie mit dieser Trennung. Schließlich steht ein Yamaha-Aral-Cup-Team auf der Starterliste. Oder das Boxer-Team mit der Nummer 35. Und auch das ACTION TEAM I mit den beiden weiteren Fahrern Klaus und Siegi S. gehört nicht gerade in die Kategorie Amateure. Schon allein das Drumherum - angefangen vom »Teamchef« (der plant, rechnet und hat auch immer noch ein Ohr bei der Rennleitung) über die eigene Reifen-Montiermaschine bis hin zum komfortabel ausgestatteten Teambus -, davon können andere nur träumen.Die Suzuki GSX-R 600 mit der Nummer 46 geht von Platz 30 ins Rennen. »Ich fahr’ halt meinen Strich«, brummelt Siggi G. noch kurz vorm Start. Der 60jährige ist einer der vier Fahrer des ACTION-TEAM II - das MOTORRAD-Team mit »Amateur-Status« sozusagen. Denn mit Ausnahme von Siggi, der in den siebziger Jahren schon erfolgreich Rennen fuhr, haben Hanns-Martin, Holger und Jörg null Rennsport-Erfahrung.17 Uhr. Die ersten Fahrerwechsel stehen an. Maximal eine Stunde am Stück dürfen die einzelnen Piloten der Teams kreisen. Darauf achten sogenannte »Marshalls«, vom Rennveranstalter vor den Boxen abgestellte Aufpasser. Gegesch tauscht mit Klaus. In der Box nebenan, Schraub-, Eß- und Schlafstelle von T.S.T.-Team II (?), klappt das nicht so reibungslos: In der Hektik geht die Kawaski ZX-6R beim Fahrerwechsel kurz zu Boden. Pech gehabt und ein paar Sekunden verloren. Lange Gesichter bei den Helfern. Dabei sind es noch an die 23 Stunden, und das ist ganz schön lange. Klar, dabeisein, ankommen ist das Wichtigste. Doch träumen darf man ja, von einer Plazierung möglichst weit vorn.»Das Motorrad geht nicht aus den Ecken raus«, mosert Gegesch. Verschwitzt und noch den Helm in der Hand, geht er schnurstracks auf den in jeder Box installierten Bildschirm mit den aktuellen Positionsanzeigen zu. Im Moment und auch die nächsten Stunden beschäftigt wohl die meisten Fahrer nur eine Frage: Wo steht die Konkurrenz? Ob es um einen Rang ganz vorn oder gar um den Sieg geht oder einfach darum, ob man das Team, das ein, zwei Plätze vor einem fährt, noch vernagelt, ist egal. Halbzeit und mitten in der Nacht. Von draußen dröhnt monoton Motorengeräusch. Ein Zweitakter sägt vorbei, dann das hochfrequente Heulen der Vierzylinder-Viertakter, immer wieder unterbrochen vom dumpfen Grollen einer Zweizylinder-Ducati oder BMW. In den Boxen ist es merklich stiller geworden. Im Wechsel verkriechen sich die Fahrer auf Liegestühle oder nach draußen. Nur weg, irgendwohin, um wenigstens ein Stündchen zu schlafen. Einige Mechaniker nicken ein, dort, wo sie gerade sitzen oder stehen. Jörg vom ACTION TEAM II kommt von seinem nächtlichen Turn zurück. Noch während er sich den Helm vom Kopf zieht, sprudelt es aus ihm heraus: »Die ganze Zeit fährst du hinter einem roten Licht her. Dann Funkenflug, und plötzlich ist es weg.« Während Jörg noch von dem Sturz eines vorausfahrenden Fahrers erzählt, kehrt sein Kollege aus Team I ziemlich wortkarg und mit ziemlich kleinen Augen von seinem Nickerchen im Teambus zurück. Im Moment ist ihm alles wurscht - sein nächster Turn steht an.Noch acht Stunden zu fahren. »Langsam hab’ ich die Schnauze voll«, sagt Siggi G., während er sich zum xten Mal in seine Rennkombi zwängt. Gegesch reibt sich die schmerzenden Finger. Ihm setzen die Vibrationen an der Suzuki zu: »War keine so gute Idee, die Gewichte an den Lenkerstummeln wegzuschrauben.« Doch die Nacht ist rum, keiner ist gestürzt, die beiden Suzuki laufen. Tapfer versucht Teamchef Holger, selbst ziemlich blaß um die Nase, weil er in den vergangenen Stunden nicht eine Minute geschlafen hat, die Fahrer aufzubauen. Auch bei kleineren Problemen kann er helfen: Siggi G. kriegt neue Ohrenstöpsel. Das Team »Motorradschuppen«, das einige Stunden führte, hat nicht soviel Glück. Nach einem Sturz heißt es erst mal eine kleine Ewigkeit schrauben, um die Suzuki GSX-R 750 wieder flott zu machen. Und manche einst vierköpfige Crew fährt die letzten Stunden des Rennens nur noch mit zwei Fahrern.Nach 24 Stunden und 682 Runden gewinnt das ACTION TEAM I mit Gegesch, Klaus, Ralf und Siegi S. den Langstreckenmarathon. Mit nur 50 Sekunden Vorsprung vor dem Dream Team ´95. Ein knapper Sieg. TEAM II mit Hanns-Martin, Holger, Jörg und Siggi G. kann auf Platz 11 stolz sein. So wie überhaupt alle, die es versucht haben und ins Ziel gekommen sind. Kompliment auch an die, die 24 Stunden lang schraubten, Zeiten nahmen und Kaffee kochten. Viele der Teams werden 1999 wieder beim 24-Stunden-Rennen von Magny-Cours an den Start gehen. Matthias Kautzsch, der dieses Langstreckenrennen maßgeblich initiiert hat, wird nicht mehr dabeisein. Er verstarb wenige Wochen nach Magny-Cours.

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