24 Stunden von Francorchamps/Belgien (Archivversion)

Die Letzten werden die Ersten sein

Mit fünf Minuten Verspätung hetzte die Honda-Werksmannschaft den Gegnern hinterher und siegte nach 24 Stunden im Ardennenregen dennoch.

Fünf magische Momente gibt es bei jedem 24 Stunden-Rennen - den Start, die Abenddämmerung, die Geisterstunde um Mitternacht, das Morgengrauen und schließlich die Zielankunft. Und auch die geheimen Ardennengeister in den Hügeln um Francorchamps hielten sich beim zweiten Langstrecken-WM-Rennen 1998 an diesen wohlbekannten Ablauf.Gar nicht erst an die Startlinie kam die Honda-Werks-Crew. Startfahrer William Costes bemerkte in den zwei Warm up-Runden eine blockierte Bremszange im Vorderrad der RC 45 und rollte statt in die Le Mans-Startaufstellung an die Boxen. Nach fieberhafter Reparatur unter dem 62fachen Motorgeheul der startenden Meute machte Costes sich vor 35000 Zuschaern mit fast zwei Runden Rückstand doch noch auf den Weg. Teamkollege Doug Polen beruhigte derweil seine Ehefrau Dianne, die schon ungezählte Rennen erlebt hatte, aber noch keine 24 Stunden-Schlacht: »Es dauert noch so lange, da passiert noch jede Menge.«Natürlich hatte der Langstrecken-Weltmeister recht. Kurz nach acht Uhr abends im Abendrot, dem letzten Lebenszeichen der Sonne für dieses Wochenende, schlug das Schicksal nach fünf Rennstunden auf das deutlich führende Suzuki-Werksteam ein. Der Brite Terry Rymer wartete bereits in voller Rennmontur auf seinen unmittelbar bevorstehenden Einsatz, als sein Mitstreiter Eric Gomez aus Frankreich die GSX-R 750 in einer Rechtskurve am westlichen Ende der Strecke unwiderbringlich in die untergehende Sonne warf. 20 Minuten später - sein Team war schon bei Aufräumarbeiten, und dieser feine, alles durchdringende Ardennenregen hatte das meteorologische Kommando übernommen - trug der Rymer immer noch seinen Helm: »Wir können doch nicht einfach so ausscheiden. Der muß das Ding doch irgendwie an die Box zurückbringen.« Aber Gomez war, zum Glück ohne Befund, längst im Medical Center, und die Werks-Suzuki lag geschlachtet im Sand.Die Honda-Werks-Crew Lavieille/Polen/Costes rückte so auf Rang zwei vor; hinter dem Kawasaki-Werks-Trio mit Le Mans-Sieger Bertrand Sebileau, seinem französischen Landsmann Jehan d’Orgeix und dem Briten Iain MacPherson. Speziell der hauptberufliche Journalist Sebileau glänzte im Regen mit unglaublichen Rundenzeiten. Fünf vor zwölf in der Nacht aber kam er mit defekter Hinterradbremse an die Box - und die Honda hatte den Marsch durch das gesamte Feld vollendet.Die Geisterstunde jedoch war noch nicht vorbei. Um 0.23 Uhr mußte die führende RC 45 nach einem Sturz von William Costes zur Reparatur an die Box. Vorn lag plötzlich das Schweizer White Endurance-Team mit Andreas Hofmann, Marcel Kellenberger und Oliver Petrucciani. Die Honda-Privatiers konnten zwar der Kawasaki-Equipe und auch ihren Markenkollegen auf der Werks-RC 45 auf Dauer nicht standhalten, fuhren aber souverän auf Rang drei, bis in der Morgendämmerung mit einem Loch im Wasserkühler der Leidensweg begann, der eine Stunde vor Schluß mit leckgeschlagenem Benzintank abrupt gestoppt wurde.Am regengrauen Sonntagmorgen lag also wieder die Farbe Grün in Front. Bis an der Kawasaki des mit großem Heldenmut um seinen zweiten 24 Stunden-Sieg der Saison kämpfenden Sebileau zur Mittagstunde plötzlich der Vortrieb verloren ging. In der Bus-Stopp-Schikane flog die Antriebskette davon. Der Schwung reichte noch bis in die La Source-Spitzkehre und dann bergab in die Boxengasse. Kollege d’Orgeix konnte nach acht Minuten wieder los. Das Rennen aber war gegen die Honda-Aufholjäger verloren. »Als die Kette wegflog, war ich erstaunlich cool«, so Sebileau, der auch als Zweiter von Francorchamps die alleinige WM-Führung übernommen hat, »ich kapierte sofort, daß ich noch an die Box rollen konnte.«Nur noch ins Ziel rollen mußte in den letzten drei Stunden das Honda-Trio, wobei sich speziell Weltmeister Polen »so gut fühlte wie noch nie in einem 24 Stunden-Rennen. Wahrscheinlich hat uns die Aufholjagd vom allerletzten Platz einfach frisch gehalten«.
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Ergebnisse (Archivversion)

1. Lavieille/Polen/Costes (F/USA/F) Honda, 481 Runden in 24:02.42,244 h ( = 139,389 km/h), 2. Sebileau/MacPherson/D’Orgeix (F/GB/F) Kawasaki, 3. Pereira/Graziano/Teixeira (P/F/P) Suzuki, 4. Sampson/Rees/Nowland (GB/NZ/AUS) Suzuki, 5. Eisen/Cuzin/Capela (F) Kawasaki, 6. Fisette/Jadoul/Kempener (B) Suzuki, 7. Küenzi/Rieder/Graf (CH) Kawasaki, 8. Lherbette/Legrand/Bufard (F) Kawasaki, 9. Linden/Nicotte/Mizera (S/F/F) Honda,..., 12. Strauch/Röthig/Altzschner (D) Suzuki;WM-Stand: 1. Sebileau 90 Punkte, 2. D’Orgeix 80, 3. Lavieille und Polen, je 76.

Parc fermé (Archivversion)

Racing Team ChinaSelbstverständlich in Knallrot, mit eigenem Fernseh-Team, einer Honda RC 45 und völlig unbekannten Fahrern trat das Racing Team China in Francorchamps an: Huang Jun Ran, Huang Shi Zhao und He Zi Xian. Hinter dem Projekt aber stand ein weniger unbekannnter Name. Michel Marqueton, bei den 24 Stunden von Le Mans 1993 Techniker des Motor Presse Europe-Teams, lebt mittlerweile in China und will dort den Motorradrennsport aufbauen. Mit ehrgeizigen Zielen: »1998 fahren wir noch Bol d’Or und den Macao-Grand Prix, 1999 soll es ein Langstrecken-WM- und ein Superbike-WM-Team geben. Und im Jahr 2000 kommt noch ein GP-Team dazu.« Dafür müssen seine Fahrer aber noch etwas mehr Gas geben. Einzig Xian qualifizierte sich für das Rennen und bekam dafür den französischen Amateurfahrer Philippe Moni als neuen Partner, der jedoch bald die Lust verlor. So durfte der alleingelassene Xian nur noch mit langen Pausen fahren und wurde Letzter.KlassengesellschaftDeutsche auf dem PodestIm Gesamtklassement spielten deutsche Teams keine Rolle, in der Subwertung Superstock (Serie bis 750 cm³-Vierzylinder und 1000 cm³-Zweizylinder) wurden aber Stefan Strauch, Tim Röthig und Ralf Altzschner auf Suzuki GSX-R 750 Zweite hinter der Honda VTR 1000 mit den Franzosen Cyril Laurent, Emmanuel Lentaigne und Frank Giradot. Herbert Schmitz, Heinz Scheidt und Dieter Kirch wurde auf Kawasaki ZX-6R bei den 600er Supersportlern Dritte.

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