24 Stunden von Le Mans/Frankreich (Archivversion)

Wenn die Nacht am tiefsten...

... ist der Tag am nächsten. Vorausgesetzt, man gehörte nicht zu den zahlreichen Sturzopfern am helllichten Tag und die Motoren überstanden die mörderischen Geisterstunden. Das MOTORRAD ACTION TEAM war mittendrin beim 24 Stunden-Klassiker in Le Mans

Die Stimmung wollte nach knapp fünf der 24 Stunden von Le Mans vor rund 90000 Zuschauern gerade in Richtung sensationell-euphorisch abheben im MOTORRAD ACTION TEAM. Nach problembeladenen letzten Testfahrten mit der neuen Einspritzer-Suzuki GSX-R 750 und ernüchterndem Startplatz 25 war Stéphane Coutelle, der im internationalen Motor Presse-Team die Farben unserer Schwesterzeitschrift »Moto Journal« aus Frankreich vertritt, vom glänzenden neunten Rang weiter nach vorn unterwegs.Zwei noch besser plazierte Teams stürzten im beginnenden Regen und sahen längeren Reparaturzeiten in der Box entgegen. Coutelle dagegen holte sich als einer der ersten Regenreifen. Aber Hochstimmung mögen die Götter in Le Mans nicht, schon gar nicht zu einem so frühen Zeitpunkt. So zwangen sie den armen Stéphane gleich in seiner ersten Runde auf nasser Bahn zu Boden - zu allem Überfluß gleich zweimal. Aus dem anvisierten siebten Rang wurde so ein Platz irgendwo um 25, mit einem angeschossenen Motorrad und einem lädierten Stéphane Coutelle, der mit heftig geprelltem Handgelenk zumindest für die Nachtschichten ausfallen würde.Doch das war - was die gebeutelte Crew zu diesem Zeitpunkt freilich nicht wissen konnte - nur der Anfang einer grandiosen Berg-und-Tal-Fahrt durch die Spalten der Rangliste. Die Gründe: ein weiterer, zum Glück etwas glimpflicherer Sturz von MOTORRAD-Redakteur Gerhard Lindner, als Folge davon ein leckender Tank, gebrochene Tankhalterungen, dazu verendete Zündkerzen, Wechsel des Steuergeräts der Benzineinspritzung - die Suzuki-Werksmannschaft sowie andere führende Suzuki-Privatteams vertrauten übrigens noch auf die 1997er Vergaser-Version. Bereits im Vorfeld hatte es großen Ärger mit fehlerhaften Hinterradschwingen gegeben. Die Liste der Zwischenfälle ist beachtlich.Und die Dramaturgie der Defekte war immer ähnlich. Wenn Lindner und vor allem Fernando Cristóbal, Mitarbeiter unser spanischen Schwesterzeitschrift »Motociclismo«, die sich allmählich zum Rat-Bike entwickelnde GSX-R wieder in Regionen um Rang zwölf geprügelt hatten, kam der nächste Tiefschlag. Und die Jagd begann erneut irgendwo um Rang 30. Crew-Chief und ehemaliger MOTORRAD-Kollege Rainer Bäumel, im ruhigeren Teil seines Lebens Leiter der Vorentwicklung bei einem nicht ganz unbedeutenden bayerischen Motorradhersteller, gab mit niederbayerischer Gelassenheit die Losung aus: »Wir schießen am Boden liegend zurück.« Aber das Pech verschwand mit dem Morgengrauen, mit der aufgehenden Sonne war auch Coutelle wieder einsatzbereit und trug, vergleichswiese ausgeruht, mit glänzenden Rundenzeiten zum keiner weiß wie vielten, aber diesmal endgültigen Wiederaufstieg bei, der im Ziel schließlich Rang elf bescherte.Nicht nur, weil am Ende noch alles relativ gut ward, beschwerte sich niemand im MOTORRAD ACTION TEAM über die aufreibende Premiere in der Langstrecken-WM. Sondern fast alle anderen Crews im vorderen Feld hat kaum weniger Hindernisse zu überwinden. Selbst die ganz alten Endurance-Hasen konnte sich nicht erinnern, jemals mehr Stürze bei den 24 Stunden von Le Mans gesehen zu haben, zumal schon in der Frühphase des Rennens.Die Sturzkönige saßen auf der schnelleren der beiden Werks-Suzuki. Die englischen Superbike-Stars Terry Rymer und Jamie Whitham brachten es zusammen mit ihren französischen Partner Jehan d’Orgeix insgesamt auf fünf Stürze. »Es ist ein Wunder, daß wir jetzt als Dritte auf dem Podest stehen«, erklärte Whitham im Ziel, »mich selber hat’s ja gleich zweimal erwischt. Wenn du in so einem Teamrennen das Ding zweimal wegfeuerst, fühlst du dich wie der größte Idiot der Welt.«Wie schnell die Suzuki-Tiefflieger wirklich unterwegs waren, wenn sie die Maschine einigermaßen aufrecht halten konnten, zeigt auch die Tatsache, daß die Sieger, das Kawasaki-Werksteam mit Bertrand Sebileau, übrigens ebenfalls ein Kollege von »Moto Journal«, Isle of Man-Hero Steve Hislop und Endurance-Neuling Chris Walker, sowie das Zweitplazierte Suzuki-B-Team mit Phillipe Dobe, Adrian van den Bossche und Thierry Paillot, im Vorjahr mit Sebileau für Kawasaki siegreich, nur jeweils einmal ganz sanft zu Boden mußten.Viel härter aber wird eine Werksmannschaft natürlich von kapitalen technischen Defekten getroffen. Und da steht Yamaha Motor France ganz oben auf der Loser-Liste. Ex-Langstreckenweltmeister Brian Morrison hatte es noch verschrien: »Meine Alpha Technik-Yamaha R7 für die Pro Superbike-DM hatte bei Testfahrten massivste Probleme mit Motorschäden wegen defekter Pleuellager, ebenso Christer Lindholms offizielles Motorrad von Yamaha Deutschland. Und die Bikes hier im Langstrecken-Team laufen Tausende von Testkilometern problemlos. Das ist sehr sonderbar.«Nun, nach sieben Rennminuten stand die blaue R7 mit der Startnummer drei bereits wieder immobil in der Box, und auf die Frage nach dem Grund des Motorschadens starrten die Teamtechniker nur wort- und mutlos in die Tiefe des Raums. Während Morrisons Kollegen Eric Mahé und Niall Mackenzie völlig arbeitslos blieben, konnte Christer Lindholm seine französischen Teamgefährten Jean-Marc Deletang und Francois Foret nach zehn Stunden immerhin auf Rang fünf führen, bevor auch das Triebwerk dieser Yamaha verendete.Besonders pikant wird die Defektserie an der R7, schaut man sich die französische Privatcrew Couturier/Cuzin/Marchand an, die mit ihrer Yamaha R1 in der neurdings bis 1000 cm³ offenen Stocksport-Serienklasse einem Schweizer Uhrwerk gleich ihre Runden drehten und als Gesamt-Fünfte, überlegene Stocksport-Sieger und einzige Yamaha in den Top-ten ins Ziel kamen. Auch von den restlichen sieben Yamaha-Maschinen im Ziel waren sechs R1 plus die R6 der Deutschen Trappehl/Palmer/Nebel.Aber Yamaha war nicht allein im technischen Elend. Auch die einzige Werks-Honda, von Startfahrer William Costes in der ersten Rennstunde in Führung zunächst einmal auf den Asphalt gerammt, hielt nur bis drei Uhr in der Nacht. Dann war das Leben des V4 beendet, ebenso das des Reihenvierers der zweiten Werks-Kawasaki.Dies alles führte im MOTORRAD ACTION TEAM gleichzeitig zu nachdenklichen wie optimistischen Gesichtern. Denn einerseits war das auf Rang vier klassierte beste Privatteam Guyot/Lussiana/Cortinovis im ersten Renndrittel durchaus in Reichweite der paneuropäischen Presse-Crew. Und andererseits hatte man sich vor Saisonbeginn sowieso für die Rennen in Francorchamps und Oschersleben bessere Chancen ausgerechnet als in Le Mans. Und das sind die nächsten beiden WM-Läufe.
Anzeige

Ergebnisse (Archivversion)

1. Sebileau/Hislop/Walker (F/GB/GB) Kawasaki ZX7-RR, 787 Runden in 24:01.13,109 h ( 141,049 km/h), 2. Dobé/van den Bossche/Paillot (F), 780, 3. Rymer/d’Orgeix/Whitham (GB/F/GB), beide Suzuki GSX-R 750, 4. Guyot/Lussiana/Cortinovis (F) Kawasaki ZX7-RR, 5. Couturier/Cuzin/Marchand (F) Yamaha R1, 6. Mounier/Almaric/Haquin (F) Kawasaki ZX7-R, 7. Brichet/Colin/Fredix (F) Honda RC 45, 8. Jolivet/Neff/Herfort (F) Kawasaki ZX-9R, 9. L’Herbette/Leblanc/Buffart (F) Kawasaki ZX-7R, 10. Pereira/Graziano/Nogueira (P/F/P), 11. Lindner/Cristobal/Coutelle (D/E/F), beide Suzuki GSX-R 750,..., 18. Steinbacher/Scherrer/Beauvais (D/D/F) Suzuki GSX-R 600,..., 22. Klett/Lemberg/Heiler (D) Suzuki TL 1000 R,..., 29. Trappehl/Palmer/Nebel (D) Yamaha R6,..., 34. Gres/Blug/Omlor (D) Suzuki GSX-R 750;WM-Stand: 1. Sebileau/Hislop/Walker 50 Punkte, 4. Dobé/van den Bossche/Paillot 40, 7. Rymer/d’Orgeix/Whitham 32, 10. Guyot/Lussiana/Cortinovis 26,..., 25. Lindner/Cristobal/Coutelle 14.

Parc fermé (Archivversion)

Endurance-WM 2000Down under?Das internationale Interesse an der Langstrecken-WM wächst. »Wir haben eine ernsthafte Anfrage für ein 24-Stunden-Rennen im australischen Eastern Creek«, so Marc Petriert, Pressechef des internationalen Motorradsportverbands FIM. Auch mit den Organisatoren der 24 Stunden auf dem Circuit de Catalunya, derzeit eine Amateurveranstaltung, gibt es Gespräche über eine Aufwertung zum WM-Rennen.24 Stunden OscherslebenPrivat-Sache?Ottmar Bange, Organisator der 24 Stunden von Oschersleben am 14./15. August, war in Le Mans als Überzeugstäter. »Die Werks-Teams reagieren noch zögerlich auf unser neues Rennen«, mußte er feststellen. Honda-Teamchef Alex Vieira sagte unmißverständlich ab. Yamaha-Kollege Christian Sarron drückte sich etwas feiner aus: »Bring mir einen zusätzlichen Sponsor für dein Rennen, dann sind wir dabei, sonst nicht.« Bei Kawasaki kann sich Teamchef Christian Bourgeois inzwischen vorstellen, in Oschersleben mit einem Motorrad relativ billige WM-Punkte abzustauben; ein Plan, der womöglich auch die ebenfalls eher unwillige Suzuki-Equipe unter Dominique Meliand zum Trip in die Magdeburger Börde bewegen könnte. In Oschersleben stehen also die Chancen für engagierte Privat-Teams so gut wie selten.Top-Privat-TeamsWeggefährtenWie ein Schatten begleiteten die Suzuki-Shell-Portugal-Fahrer Telmo Pereira, Jorge Nogueira und der Franzose Michel Graziano das MOTORRAD-ACTION TEAM. In ähnlichen Zeitabständen litten auch sie unter Stürzen und Defekte, so daß die Crew des fast folkloristisch-typisch portugisischen Teamchefs Pedro Ribeiro in der Rangliste meist in unmittelbarer Nachbarschaft des Motor Presse-Trios umherfuhr, teilweise nur im Zehntelsekunden-Abstand.

Artikel teilen

Anzeige
Anzeige

Aktuelle Gebrauchtangebote