24 Stunden von Spa-Francorchamps (Archivversion) Geisterstunde

Nachts brauchen die 24-Stunden-Renner eine starke Mannschaft im Rücken. In der Nacht feiern Masseur und Mechaniker, Tankwart und Techniker ihre stillen Triumphe. Das MOTORRAD ACTION TEAM konnte die Nacht von Spa kaum erwarten.

Alle paar Sekunden spuckt der Monitor neue Zahlen aus. Unten rechts die aktuellen Rundenzeiten, oben die Platzierung. Alle paar Sekunden huschen die Blicke der Boxencrew hoch zur Flimmerkiste: Es ist kurz nach elf Uhr abends, und wohl nirgends in der langen Boxengasse von Spa werden die ersten Nachtzeiten wohlwollender aufgenommen als beim MOTORRAD ACTION TEAM. Zwischen zehn und 20 Sekunden nimmt Gegesch den direkt vor ihm Liegenden ab. »Gleich hat er »n.« Jörg zieht die Heizdecke über einen neuen Slick. »Wie schnell?« Martin hantiert mit dem Schnelltank-Gefäß. »2.43.«»2.43?« Peter Öttl kommt frisch geduscht zur Box zurück. »Super.« Der ehemalige 125er-Vize-Weltmeister hat die Suzuki vor 25 Minuten an Gegesch übergeben. Und jetzt rapportiert er Kai in Langversion all das, was er beim Fahrerwechsel hastig aus dem Helm gebrüllt hat. Bremse, Reifen, Fahrwerk. Kai ist Techniker, diskutiert kurz mit Rainer, dem Boxenchef, dann ein, zwei knappe Zusatznotizen an der Schreibtafel: nächster Boxenstop um zirka 23.25, Öl, Kette, Scheibe reinigen, Scheinwerfer einstellen.Jeder weiß, was zu tun ist. Und wann er dran ist. 24 Stunden rennen, das ist Wahnsinn. Lässt sich der Wahnsinn organisieren? Wenn Gegesch sich auf die Nase legt, wenn Günter das Abendessen versalzt, wenn Corinna den Kaffee vergißt oder Jörg die Reifen vertauscht: Es gibt 1000 Gründe, schlechter abzuschneiden als möglich. 1000 Probleme. Am Ende wird eines jener Teams gewinnen, die mindestens 950 optimal gelöst haben.Die GSX-R schießt die Start-Ziel-Gerade lang. Nachts sind alle Renner grau, und damit Moni und René in ihrer Zeitnahme-Bude direkt oben auf der Boxenmauer überhaupt was erkennen, brennt permanent eine gelbe Positionslampe. Wie ein Strich schießt sie vorbei, einen halben Meter unter Monis Füßen. Fünfter Gang voll, leicht rechts und bergab. Unten, in der Senke, umlegen, im Dritten nach links, die berühmte Eau Rouge. Dann bergauf, im Vierten rechts in den Wald, und Gegesch ist ganz und gar Rennfahrer, als er behauptet: »Das tollste Gefühl der Welt.«Die wenigsten an der Box und im Fahrerlager kennen den 3,9 Kilometer langen Ardennen-Kurs komplett. Aber die Eau Rouge können sie sehen, bis dahin fahren sie mit. Immer wieder. Volles Rohr an den noch dicht besetzten Tribünen vorbei, am Rummelplatz, in den Wald hinein. Was für ein Gefühl muss das sein, wenn die Nacht dich verschluckt? Wenn du im Renntempo deinem Scheinwerfer folgst? 2.43, viel schneller sind die Jungs auch am Tag nicht gefahren. Die Werksteams von Honda und Suzuki können’s noch zehn Sekunden besser, aber das interessiert hier nicht: Gegesch hat wieder einen überholt.Platz 35, oder so. Wie bitte? Essen war prima, immer Kaffee da, Reifen stets okay. Doch leider: Gegesch hat sich auf die Nase gelegt. In seinem ersten Turn. Einem Konkurrenten war der Motor geplatzt, er hat das Öl zu spät gesehen. Zack, alle abstehenden Teile wegrasiert. Noch fahrbar, zurück zur Box, Alarm, Alarm. Neue Verkleidung, Lenker, Armaturen, gut 20 Minuten. Beifall aus der Nachbarbox, von den Mechanikern des portugiesischen Shell Teams. Trotzdem: Als Peter rausgefahren ist, lag das ACTION TEAM auf Rang 56.Hanns-Martin, der Teamchef, hat seinen Frust nur im Verborgenen gezeigt. Alle anderen auch. Bloß die Piloten bei Laune halten. Peter - als immer freundlicher Ersatzfahrer nahtlos ins Team geschlüpft - hat gleich mal acht Plätze gutgemacht. Fernando, vom spanischen Schwesterblatt Motociclismo, auch ein paar. Und in der Nacht, da trennt sich die Spreu vom Weizen, da kann alles passieren. Jetzt greifen die Jungs an, Gegesch vorneweg. Liegt Runde für Runde unter den schnellsten Zehn. Mindestens.Moni fährt die Tafel aus. Noch zwei Runden bis zum Stopp. 2.42 später das Signal zur Box: Er ist durch. Alle stehen bereit. Fernando mit Helm auf dem Kopf, Martin im feuerfesten Anzug, Peter der Zweite mit Feuerlöscher, Rainer mit der Ölspritze, Jörg neben den Reifen. Kai lauert auf der Boxenstraße. Hält Ausschau. »Er kommt!« Lenkt Gegesch punktgenau vor die Box. Visier auf, im Absteigen ein paar spanische Brocken an Fernando. »Okay.« Motor starten, noch mal über die Verkleidungsscheibe wischen, im Losfahren schaltet Kai das Licht an, Fernando lässt’s brüllen, weg.2.47. Er tastet sich in die Dunkelheit hinein. »Der wird noch schneller.« Klar, Fernando hat das Team mit sensationellen 2.3x auf den neunten Startplatz gehievt. Jörg räumt die Reifen weg, Rainer füllt die Ölspritze auf, Mike ordnet Werkzeug - gegen halb eins ist der nächste Stopp. Denkste. Um viertel nach Zwölf kommt Fernando rein, nur drei Zylinder laufen noch. Elektrik? Alles checken, neue Batterie, Peter rauf, los. Wieder nur drei Zylinder. Kolbenring hin, Feierabend. Die Werks-Suzuki führt. 25 ACTION TEAMer trinken auf Oschersleben, Gegesch kriegt einen Kaffee mit Kuss. Am Morgen danach führt die Werks-Honda, die Suzi hat in einer Stunde ein neues Getriebe bekommen und wird am Ende Zweite, der Honda reißt kurz vor Schluss die Kette, und es gewinnt - das Shell Team aus Portugal. Die waren im Training Zehnte. Es geht also, es könnte gehen...

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