250-cm³-Moto Cross-WM in Leuven/Belgien (Archivversion) ...in eurem Bunde der Dritte

Wer im Rennsport zu den Besten der Welt gehören will, macht sich auch Gedanken über seine Gegner. Nach dem ersten Saisondrittel sinniert der WM-Dritte Pit Beirer (3) über seine Kollegen.

Obwohl es die beiden Ur-Kommunisten Karl Marx und Josef Engels genau umgekehrt sahen, gilt auf dem schmalen Grat des Motorradsports: Das Bewußtsein bestimmt das Sein. Wenn die technischen Voraussetzungen nahezu identisch sind, entscheidet der Geist. Denn nur, was die persönliche Selbsteinschätzung zubilligt, kann letztlich in die Tat umgesetzt werden. So haben auch die erzkapitalistischen Amerikaner längst den Umkehrschluß der Sozi-Erkenntnis adoptiert und päppeln seitdem unter der Maxime »Think positive«, denke optmistisch, ihr Selbstbewußtsein auf. Insofern entscheidet sich auch die Hackordnung in der 250er Moto Cross-WM als derzeit erster Liga der Stollenartisten nicht nur über den Gasgriff, sondern nicht minder dezisiv unter den kunterbunt lackierten Helmen. Pit Beirer, Deutschlands Edel-Crosser im Viertelliter-Lager und momentan auf dem dritten WM-Rang, weiß dies aus eigener allerjüngster Erfahrung. Seine Trainingsbestzeiten und schnellste Rennrunden wurden bislang nur von einem einzigen Laufsieg beim WM-Auftakt in Spanien belohnt. Statt dessen schnappte die rot-grüne Koalition aus Weltmeister und Honda-Werksfahrer Stefan Everts und dem Kawasaki-Aufsteiger Sébastien Tortelli dem 25jährigen im Wechsel die Pokale weg. Und weil das bekannt konditionsstarke Beirersche Fleisch alles andere als schwach daherkommt, kann´s letztlich nur am Geist liegen. Der weiß ganz genau, mit wem er´s zu tun hat. »Everts ist völlig abgebrüht. Der läßt sich durch nichts aus der Ruhe bringen. Mental, fahrtechnisch und physisch ist er auf der Höhe. Er ist der einzige, der Rennen auch mit 90 Prozent Einsatz gewinnen kann«, schwärmt der junge Mann vom Bodensee, weiß aber auch, wie der vierfache Weltmeister aus der Reserve zu locken ist. »Er gönnt niemandem einen Sieg. Auch wenn es schwer ist, derjenige, der ihn ein paarmal schlagen kann, verunsichert ihn. Und dann macht auch Everts Fehler. Das ist unsere einzige Chance.« Mit wir meint Pit auch Monsieur Tortelli. »Sébastien stürzt im Vergleich zur letzten Saison kaum noch und ist konditionell unglaublich fit. Ich glaube, stärker als ich selbst, und das will was heißen«, erklärt der Modellathlet in korrekter Selbsteinschätzung. Doch auch der 19jährige Franzose hat Schwächen. »Er akzeptiert keinen zweiten Platz und riskiert für Siege oft zuviel. Nur in dieser Saison leider noch nicht«, grinst der Pamo-Honda-Pilot realistisch. Realist bleibt der Blondschopf aber auch, was seine Gegner hinter ihm betrifft. »Das restliche Feld kann mir momentan kaum gefährlich werden«, weiß Pit. Was er trotz aller Konkurrenz dem derzeit auf WM-Rang sieben sportlich darbenden Vizeweltmeister Marnicq Bervoets noch am ehesten gönnen würde. »Marnicq ist der einzige Pilot im Fahrerlager, mit dem ich ein enges persönliches Verhältnis habe. Wenn unser Job uns nicht zu 100 Prozent in Anspruch nehmen würde, wären wir vielleicht sogar Freunde«, kann Pit mit seinem Spezi, der sich, wie er selbst, mit Knochenarbeit statt begnadetem Fahrtalent an die Weltspitze vorgerackert hat, in dessen aktuellem Formtief mitfühlen. Dennoch, Muße für soziale Gedanken bleibt Rennfahrern wenig. Schon gar nicht, wenn die Herren Everts und Bervoets wie beim sechsten WM-Lauf in Leuven, knapp 20 Kilometer von Brüssel entfernt, mit Heimvorteil antreten und Monsieur Tortelli überdies noch die mit Abstand schnellste Trainingszeit auf das holprige Parkett gelegt hatte. So kam es, wie es derzeit kommen mußte. Der bärenstarke Tortelli wuchtete bei brütender Hitze seine Kawasaki in beiden Läufen zuerst über die Ziellinie, WM-Leader Everts mühte sich - ganz seinem Charakter entsprechend -, dem Gallier das Leben schwer zu machen, mußte sich aber letztlich deutlich und endgültig mit zwei zweiten Plätzen geschlagen geben. Und Herr Beirer feierte, nachdem ihn nur im ersten Lauf Kumpel Bervoets behelligte, wieder mal Gesamtrang drei. Allerdings mit stattlichem Abstand auf den besagten Rest des Felds - was den ruhelosen Kämpfer vor den 20 000 Zuschauern wieder Morgenluft wittern ließ. »Ich habe mein psychisches Tief endlich überwunden. Mein dritter WM-Rang ist jetzt stabilisiert. Nun möchte ich darauf aufbauen. Ich weiß, es wird sehr, sehr schwer, doch der Traum vom WM-Titel ist noch nicht ausgeträumt.« Gut so, denn wer weiß, vielleicht bestimmt letztlich auch Herr Beirers Bewußtsein am Saisonende sein Sein.

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