250-cm³-Moto Cross-WM in Talavera/Spanien (Archivversion) Schief gewickelt

Weil die beiden bisherigen Chefs im Ring fehlten, machte sich nicht nur 125er Vize-Weltmeister David Vuillemin (99) Hoffnung auf einen Platz an der Sonne. Doch nicht nur er war schief gewickelt.

Mama Storch hatte an diesem Wochenende Wichtigeres zu tun. So wie jedes Jahr Ende März. Ein Zweiglein hier, ein Gräslein dort. Der avisierte Nachwuchs sollte im Nest auf dem Dach der Kirche in Talavera de la Reina, einer 10000-Seelen-Stadt etwa 120 Kilometer südwestlich von Madrid gelegen, doch in einem möglichst behaglichen Zuhause empfangen werden. Und wie Frau Adebar auf dem Gotteshaus samt hundertfacher Verwandtschaft auf den Giebeln von Talavera und den umliegenden Dörfern schätzen auch die Moto Crosser längst die wärmende Frühlingssonne von Kastillien - meistens zumindest. Denn abgesehen vom letztjährigen total verregneten Auftritt auf der Piste in den Auen des Flußes Tajo garantiert die auch für ihre Keramik-Manufakturen bekannte Region den Off Road-Profis zum ersten Mal im Jahr vergleichsweise reinliche Arbeitsbedingungen. Wobei gerade in der 250er WM, dem aktuellen Oberhaus des Moto Cross-Sports, in diesem Jahr die beiden bisherigen Vorsitzenden beim Abstecher in den Süden fehlten.Weltmeister Sébastien Tortelli wollte nicht. Der erst 20jährige Franzose hatte nach seinem ersten Titelgewinn bei den 250ern auf Kawasaki seine Sachen gepackt und versucht derzeit, seinen Traum von einer Karriere in den USA bei American Honda zu verwirklichen. Bislang sogar recht eindrücklich. Trotz den Nachwirkungen eines gebrochenen Fußes rangiert der junge Mann aus der Gascogne nach zwei Dritteln der Supercross-Saison auf Position acht des US-Championats.Vize Stefan Everts konnte nicht. Ausgerechnet der 26jährige Belgier, der mit einem unglaublich flüssigen, ausgefeilten und sicherheitsbewußten Fahrstil längst zum Vorbild für eine ganze Generation junger Stollen-Artisten emporgestiegen ist, zollte Mitte Februar beim internationalen Vorsaison-Meeting im südfranzösischen Beaucaire dem Restrisiko seines Jobs Tribut. Bei einem Sturz zerstörte er sich die Bänder seines Knies derart, daß an ein Comeback vor Mitte des Jahres kaum zu denken ist.Was - trotz des gebotenen Mitgefühls - der hinterbliebenen Konkurrenz für die spanische Ouvertüre doch spürbar Morgenluft zufächelte. Zumal sich die Verfolgertruppe im vorsaisonalen Stühlerücken in eine interessante Konstellation hatte bringen können. Aus dem einsamen zweisamen Ringen der beiden Giganten, die im vergangenen Jahr sage und schreibe 29 der 32 möglichen Laufsiege in der WM unter sich aufteilten, dürfte in dieser Saison zumindest ein moderner Fünfkampf werden. Honda hätschelt während Everts´ Krankenstand den bisherigen Nummer-zwei-Piloten Frédéric Bolley. Die ebenfalls in Honda-Rot antretende Truppe des Schweizer Gerüstbau-Unternehmens Pamo plazierte mit dem amerikanischen Spitzen-Crosser Ryan Hughes einen Joker in der WM-Szene. Mit verdeckten Karten spielt Yamaha, die den letztjährigen 125er Vizeweltmeister David Vuillemin zwar mit Werksmaterial, aber nicht mit einer vom Werk eingesetzten Teamstruktur betreuen. Und last, aber beileibe nicht least will Kawasaki gleich mit zwei Neuverpflichtungen das anspruchsvolle Erbe Tortellis würdig antreten: mit dem ehemaligen Suzuki-Piloten Marnicq Bervoets und dem nach WM-Platz drei im Vorjahr glasklar designierten Erbprinzen des WM-Titels - Pit Beirer.Wohlwissend um die historische Chance ging der 26jährige vom Bodensee schon im vergangenen November für den finalen Coup aufs Ganze: Nicht nur, daß der frischgebackene Werksfahrer mit seinem Umzug in Everts´ belgische Heimatgemeinde Neeroeteren rotzfrech in die feindlichen Reihen einbrach, sondern Beirer warb auch den persönlichen Konditionstrainer des zu jener Zeit noch gefürchteten Erzrivalen für den erhofften finalen körperlichen Feinschliff ab. Und in Talavera komplettierte gar Ex-Top-Crosser Dietmar Lacher, quasi als versierter Fährtenleser, das sportliche Rundum-Sorglospaket.Wobei dem hochambitionierten Kawasaki-Piloten für besagte Sorgenfreiheit die im Sport ebenfalls erfolgsentscheidende Laissez-faire-Komponente seiner südländischen Kollegen immer noch komplett abgeht. Im Gegensatz zu Frédéric Bolley, dessen Onkel als Radprofi in den sechziger Jahren mehrfach zu Tour-de-France-Meriten gelangte und von dem seine französischen Kollegen behaupten, auch sein Herz würde eher an seinem Drahtesel als an der Werks-Honda hängen. Und so unternahm der 25jährige - ganz in der Familientradition - in Talavera zwei geglückte Ausreißversuche. Nahezu ungefährdet und völlig risikolos zirkelte der 25jährige in beiden Läufen vor den gut und gerne 30 000 Zuschauern jeweils als Sieger um die Strecke. Konnte und mußte sich Pit Beirer im ersten Lauf noch mit Rang zwei in Szene setzen, besiegelte er im zweiten Heat sein Schicksal selbst. Nach einem perfekten Blitzstart legte er sich vor versammelter 29köpfiger Kollegenschar in Kurve zwei in den hellen Boden Kastilliens. Die Aufholjagd vom letzten Platz auf Position sieben begrenzte zwar oberflächlich den Schaden, die Enttäuschung über den Rückfall in die vergangen geglaubten, fahrerisch wilden und unüberlegten Zeiten aber glich einem Tiefschlag für das neue Selbstbewußtsein des Vollblut-Rennfahrers.Doch weil sich Ende März - außer Bolley - auch der Rest der Titelanwärter eher taktierend als attackierend um die hügelige Piste tastete und nach dem spanischen Aufgalopp noch sage und schreibe 30 Einzelläufe auf dem Plan stehen, darf im grünen Lager zunächst noch Ruhe die erste Bürgerpflicht bleiben - wie bei Talaveras Störchen.

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