250-cm³-Moto Cross-WM in Megalopolis/GR (Archivversion)

Griech und Frieden

Wenn das Kaiser Theodosius der Große erlebt hätte. Anno 393 hatte der damalige Herrscher übers antike griechische Olympia die Nase voll: die damals seit fast einem Jahrtausend ausgetragenen olympischen Spiele seien »zu Kämpfen von Berufssportlern verkommen«. Keine Spur mehr vom kultischen Charakter des Wettstreits aller freien Griechen. Sprach´s und verbot das alle vier Jahre stattfindende fünftägige Laufen, Ringen und Diskuswerfen ein für allemal. Doch schert sich 1605 Jahre später in Megalopolis, knapp sechzig Kilometer südöstlich von Olympia keine Menschenseele mehr um die hehren Gedanken des helenischen Monarchen scherte. Denn für die Profi-Crosser der Viertelliterklasse bedeutete die große Stadt, so die wörtliche Übersetzung von Megalopolis, die Endstation einer sechsmonatigen, mit 16 Austragungsorten beinahe überlangen WM-Saison. Und vom edlen Amateurstatus, dem Dabeisein schon alles bedeutet, ist wohl keine Cross-Kategorie weiter entfernt als die vor wenigen Jahren zur frischgekrönten Königsklasse aufgestiegene 250er Liga. Angesichts der Lage hätte es sicherlich auch Theodosius nachgesehen, wenn sein königlicher Wille einmal unbefolgt geblieben wäre. Zumal sich die Crosser - auch heute noch zweifellos überzeugte Jünger der Erdgöttin Gaia - trotz aller Verehrung des unwegsamen Elements in der Auswahl ihres Stadions doch dezent zurückhielten. Zwar in Sichtweite des ehemals 20 000 Zuschauer fassenden antiken Amphitheaters von Megalopolis, kurvten die motorisierten Reiter auf einer imposanten, aber doch eher neuzeitlich geprägten Piste zwischen zwei Braunkohlekraftwerken um moderne Sportlerehren. Wobei der damals während der Spiele im Reich verhängte olympische Friede in diesem Fall vornehmlich auf den hinteren Rängen eingehalten wurde.Selbst der in Sachen Lebensstil üblicherweise eher mit den ehemaligen Erzfeinden von Theodosius, den ebenfalls benachbarten und bekanntermaßen asketischen Spartanern, sympathisierende Pit Beirer durfte die Zügel etwas schleifen lassen. Mit einem Werksvertrag von Kawasaki für die nächste Saison in der Tasche und einem bombensicheren dritten WM-Rang konnte sich der kampferprobte Sportsmann wenigstens einmal der Sonne, des griechischen Essens und des Lebens überhaupt erfreuen - was ihn dennoch nicht von einem großen Finale abhielt. Zweimal Rang zwei beweist, wie nahe der 25jährige aus Ludwigshafen am Bodensee dem Olymp der Stollengötter bereits gekommen ist. Und doch werden nicht nur Beirers Inszenierungen ganz oben auf dem Gipfel des heiligen Bergs kaum wahrgenommen. Denn dort kämpfen vom ersten Tag dieses Championats zwei wahrhaft Überirdische um die Vorherrschaft: Stefan Everts und Sébastien Tortelli. Nur kärgliche drei Laufsiege - zwei für Beirer, einer für den Amerikaner Tallon Vohland - hatte das Duo in 30 Rennen dem Fußvolk in unnachahmlicher Konstanz gegönnt. Und jetzt in Griechenland, nach sechs Monaten Dauerfehde, trennte die beiden die Winzigkeit von acht Punkten.Doch Jung-Gottheit Tortelli war in Zugzwang. Schon vorab hatte der frischvermählte 20jährige aus der Gascogne seinen künftigen Weg festgelegt. Den noch langen Rest seiner Karriere will der eigenwillige Gallier in den USA verbringen. Ein Vertrag für 1999 mit American Honda ist bereits signiert - und damit die letzte Chance auf einen 250er WM-Titel präzisiert: jetzt oder nie.Die daraus folgende Schlacht in Megalopolis hätte sicherlich selbst Theodosius stante pede seinen Entschluß revidieren lassen. Denn aus den bislang so souveränen, eisenharten Heroen wurden in Hellas zwei nervöse, zitternde Nervenbündel. Unfähig, sich auch nur ansatzweise mit anderen Dingen als ihrer unmittelbaren sportlichen Zukunft zu beschäftigen. Zumal bereits die Reihenfolge im ersten Lauf die Situation verschärfte. Nach ursprünglicher Führung stürzte der ansonsten so sattelfeste Everts an einem Bergabstück, Erzrivale Tortelli und der famose Beirer zogen vorbei - fünf Zähler des Acht-Punkte-Vorrats waren aufgebraucht. Die Situation vor Lauf zwei war brisant. Sollte Tortelli nochmals gewinnen und Everts auf Rang zwei einlaufen, wäre bei Punktgleichheit Everts mit 15 Laufsiegen gegenüber deren zwölf von Tortelli Weltmeister. Jede schlechtere Plazierung hätte den Honda-Piloten augenblicklich vom Thron gefegt. Doch selbst die anfängliche Führung von Everts sollte keine Rettung bringen. Unerbittlich schwang der Damokles in Person Tortellis sein Schwert über dem Haupt des Flamen. Acht Runden vor Schluß stach die Klinge zu. Tortelli zog vorbei, eine Runde später stürzte Everts und tuckerte letztlich auf Rang sieben ins Ziel - geschlagen, besiegt und zutiefst enttäuscht. So sehr, daß der in ein Meer von Tränen gehüllte, fast krankhaft ehrgeizige Ex-Champion just vor der Siegerehrung körperlich zusammenbrach.Auch wenn sich der Flame glücklicherweise bald wieder aufrappelte, dem Terrain um Megalopolis wünschte der verbissene Belgier spätestens jetzt nochmal die Spartaner auf den Hals - denn die hatten kurz nach Theodosius´ Regentschaft die Stadt kurzerhand dem Erdboden gleichgemacht.
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Ergebnisse (Archivversion)

1. Lauf: 1. Sébastien Tortelli (F) Kawasaki, 2. Pit Beirer (D) Honda, 3. Stefan Everts (B) Honda, 4. Tallon Vohland (USA) Yamaha, 5. Marnicq Bervoets (B) Suzuki, 6. Mickael Maschio (F) Yamaha, 7. Joakim Karlsson (S) Honda, 8. Paul Cooper (GB) Kawasaki, 9. Peter Iven (B) Kawasaki, 10. Leon Giesbers (NL) KTM;2. Lauf: 1. Tortelli, 2. Beirer, 3. Vohland, 4. Bervoets, 5. Karlsson, 6. Iven, 7. Everts, 8. Cooper, 9. Joshua Coppins (NZ) Suzuki, 10. Giesbers;WM-Endstand: 1. Tortelli 563 Punkte, 2. Everts 555, 3. Beirer 402, 4. Bervoets 288, 5. Frédéric Bolley (F) Honda 279.

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