250-cm³-Moto Cross-WM in Talavera/Spanien (Archivversion)

SCHAUER-MÄRCHEN

Regenschauer vom Start bis ins Ziel. Für den deutschen Vorzeige-Crosser Pit Beirer (großes Foto) kein Problem: Er dominierte den ersten Lauf beim Saisonstart der 250er WM in Spanien.

Filmreifer Landregen prasselt über die Hochebene von Kastilien, löst den sandig-lehmigen Boden in der Region von Talavera, etwa 120 Kilometer südwestlich von Madrid, in eine schlabbrige Brühe auf. Die gut und gerne 20 000 spanischen Fans scheinen die ungewohnte Wetterlage in der sonst so knochentrockenen Mancha nicht glauben zu können und staksen wie all die sonnigen Jahre zuvor unbeeindruckt in Sandalen und Sportschuhen im teigigen Morast. Doch vielleicht sprang der Funke des Gleichmuts auch von den aktuellen Stars der Moto Cross-Szene aufs Publikum. Denn mit einem Wetter, bei dem normale Menschen - so nennen wir sie in diesem Zusammenhang einfach - keine zwei Handbreit vor die Türe zu bringen wären, arrangiert sich die derzeitige Creme der Off Road-Artisten wie der Kennedy-Clan mit Arnold Schwarzenegger - wat mut, dat mut. Aus gutem Grund: Jeder Hersteller, der in der Off Road-Welt heutzutage was auf sich hält, engagiert sich in der nun endgültig zur Königsklasse avancierten 250er Moto Cross-WM. Zum arrivierten Favoriten-Trio mit Weltmeister Stefan Everts, Vize Marnicq Bervoets und dem deutschen WM-Dritten Pit Beirer gesellt sich noch Wunderknabe Sébastien Tortelli. Ein fataler Sturz, bei dem der Franzose um ein Haar vom Hals ab querschnittsgelähmt worden wäre, hatte ihn in der letzten Saison auf die Wartebank verfrachtet. Doch zuallererst bewies Pit Beirer, warum er zum ersten Mal in seiner Karriere eine Werksmaschine anvertraut bekommen hat. Als würden den heimatverbundenen Profi-Crosser aus Ludwigshafen die knietiefen Pfützen an den geliebten Bodensee erinnern, teilte der 25jährige nach perfektem Start im ersten Lauf die Fluten wie kein Zweiter. Ohne der Konkurrenz nur den Hauch einer Chance zu lassen, holte er mit seiner Honda einen eindrucksvollen Sieg. Und selbst Hochkaräter wie Stefan Everts auf Position zwei oder Monsieur Tortelli auf Position drei mußten erkennen, daß mit dem Deutschen künftig ganz ernsthaft gerechnet werden muß. Es sei denn, er eliminiert sich selbst - wie im zweiten Lauf. Ein Sturz am Start und einige weitere Absitzer genügten, um die wertvolle Werks-Honda in einen hellbraunen Morastklumpen zu verwandeln, mit dem es sich kaum noch ins Fahrerlager geschweige denn in vernünftiger Manier um den Parcours fahren ließ. Ganz im Gegensatz zu Stefan Everts` Werks-Honda. Der schlaue Belgier, der zur richtigen Zeit am richtigen Platz immer das Richtige tut, nutzte die Gunst der Stunde und machte sich in beneidenswert sicherer Manier Strecke und Terrain untertan. Und nicht nur die. Nach vier WM-Titeln zeigte der 25jährige Flame, daß - trotz aller Euphorie und Vorschußlorbeeren für eventuelle Thronfolger - der Weg zur Weltmeisterschaft nur über ihn führen wird.
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Beirer, Pit: Interview (Archivversion) - Ergebnisse

1. Lauf: 1. Pit Beirer (Ludwigshafen) Honda, 2. Stefan Everts (B) Honda, 3. Sébastien Tortelli (F) Kawasaki, 4. Yves Demaria (F) Kawasaki, 5. Marnicq Bervoets (B) Suzuki, 6. Justin Morris (GB) Honda, 7. Tallon Vohland (USA) Yamaha, 8. Jaimy Scevenels (B) Suzuki, 9. Joakim Karlsson (S) Honda, 10. Francesco Garcia Vico (E) Yamaha;2. Lauf: 1. Everts, 2. Tortelli, 3. Vohland, 4. Paul Cooper (GB) Kawasaki, 5. Leon Giesbers (NL) KTM, 6. Karlsson, 7. Scevenels, 8. Morris, 9. Vico, 10. Joshua Coppins (NZ) Suzuki;WM-Stand: 1. Everts 37 Punkte, 2. Tortelli 32, 3. Vohland 24, 4. Beirer 20, 5. Morris 18.

Beirer, Pit: Interview (Archivversion) - Parc Fermé

Aktives FahrwerkOffensichtlich von der aktuellen Mountain Bike-Technik ließ sich Kawasaki für eine technische Innovation inspirieren. Auch wenn sich Teamchef Jan de Groot bedeckt hielt, wagt MOTORRAD die Prognose: Die sichtbaren Sensoren an Getriebe und Vergaser registrieren den Lastzustand des Motors und regeln je nach Fahrsituation in Bruchteilen von Sekunden die Werte von Druck- und Zugdämpfung des hinteren Federbeins. Jungstar Sébastien Tortelli zeigt sich vom neuen Technik-Trick jedenfalls überzeugt.Ehemann TortelliEbenfalls überzeugt ist Tortelli offensichtlich auch von seiner derzeitigen Freundin. Trotz gerade mal 19 Jahren will er der 25jährigen noch in diesem Jahr das eheliche Ja-Wort geben. Was ihm der Prüfungsausschuß des Pariser Sport-Internats INSEP, das Tortelli seit vier Jahren besucht, bislang verweigerte. Ein halbes Jahr vor der Abiturprüfung hat der Bauernsohn aus der Gascogne seine schulische Laufbahn abgebrochen.Tortelli in die USAFans, die den Cross-Teenie nochmals live sehen möchten, sollten sich beeilen. Unabhängig von seinem diesjährigen WM-Resultat wird Tortelli seine Karriere in Diensten von Kawasaki USA in der amerikanischen Supercross- und Moto Cross-Meisterschaft fortsetzen, wo Anfang der neunziger Jahre schon sein Landsmann Jean-Michel Bayle für Furore gesorgt hatte. Mittlerweile ist Bayle bekanntlich in der 500er Straßen-WM unterwegs - in diesem Jahr für das Yamaha-Team von Wayne Rainey.Dugmores PechDer in Schorndorf lebende Südafrikaner Collin Dugmore inszenierte in Talavera einen wenig glücklichen Auftritt. Nach einer Schulterverletzung im Training mußte der 29jährige auch in den Rennen passen. In Lauf eins vermasselte ein weiterer Sturz, in Lauf zwei ein überhitzter Motor das geplante Erfolgerlebnis.Eckerts VersuchNeben Pit Beirer und Dugmore hielt in Talavera nur noch das 20jährige Nordlicht Sascha Eckert die deutsche Flagge hoch. Der wackere Suzuki-Pilot mußte sich am Samstag allerdings der gnadenlosen Auslese in der Qualifikation beugen.Vohlands DämpferTallon Vohland, Nummer-eins-Pilot von Yamaha, verläßt sich bei der Bändigung der immer mehr auf Handlichkeit getrimmten Moto Cross-Fahrwerke nicht allein auf Muskelschmalz. Als einziger Pilot des gesamten 250er Feldes setzt der Amerikaner einen Lenkungsdämpfer ein - genauso übrigens wie die beiden Yamaha-Werkspiloten in der 500er WM, Andrea Bartolini und Peter Johansson.Wunder von TalaveraKnapp einer Katastrophe entging der Moto Cross-Sport möglicherweise im Zeittraining von Talavera. Am spektakulärsten Doppelsprung der Piste geriet der junge Belgier Oscar Vromans außer Kontrolle, wurde mit seiner Kawasaki über die Zuschauerabschrankung katapultiert, überflog eine dichtgedrängte Gruppe von mehreren hundert Fans und landete - wie durch ein Wunder - auf dem einzigen zuschauerfreien Fleck im Innenraum der Piste. Ein ähnlicher Fahrfehler eines Australiers hatte beim Nationen-Cross im spanischen Jerez vor zwei Jahren einem Fan übrigens das Leben gekostet.

Beirer, Pit: Interview (Archivversion) - «Das hätte ins Auge gehen können“

Warum Pit Beirer im zweiten Lauf von Talavera das Handtuch warf.
?Zunächst mal Gratulation für Ihren Laufsieg. Ein Sieg, den Sie auch Ihren hervorragenden Starts zu verdanken haben. Das war nicht immer so. Stimmt, Starts waren früher eher meine schwache Seite. Zu meinem ersten 250er GP-Sieg, 1995 in Irland, hat mir mein Tuner Werner Schwärzel eine Startanlage geschenkt. Seitdem trainieren wir die Startphase systematisch und professionell. Mit Hilfe von Lichtschrankenmessungen konnte ich meine Starts so optimieren, daß ich heute zu den besten Startern im Feld zähle. Gerade in Schlammrennen wie hier in Talavera ist der Start die Tür zum Erfolg.?Ihre Stärke im Schlamm dürfte aber auch das Resultat Ihrer Motivation sein. Trainieren Sie immer noch bei jedem Wetter? Ich ziehe meinen Trainingsplan immer durch. Das Wetter spielt da keine Rolle. Das hielt ich schon immer so. Selbst als wir im Januar im Sonnenstaat Kalifornien zum Training waren und es dort eine Woche lang regnete, bin ich gefahren - obwohl ich dann immer der einzige Fahrer auf der Strecke gewesen bin.?Sind Sie deswegen als einziger Pilot im Schlamm von Talavera den spektakulären Doppelsprung gesprungen? Nicht unbedingt. Ich wußte nicht, daß sich die anderen nicht trauen. Ich dachte eher, daß ich Boden auf Everts verliere, wenn ich nicht springe, also hab ich´s getan. Außerdem: Wenn man gewinnt, muß man ja irgendwas besser machen als die anderen.?In Lauf zwei haben Sie aufgegeben. Für Sie, der quasi nie zurücksteckt, so lange sich die Räder noch drehen, eine ungewöhnliche Entscheidung. Stimmt, doch nach dem Sturz am Start war ich völlig eingeschlammt. Handschuhe, Griffe, Sitzbank - alles war voller Schlamm. Ich konnte das Motorrad einfach nicht mehr halten. Beim Absprung an einem 25 Meter langen Table-top rutschte ich mit einer Hand vom Lenker und gleichzeitig mit dem Fuß von der Raste. Das hätte ins Auge gehen können. Meine Grenze war einfach erreicht.?Dennoch, auch in den letzten Wochen gab es nicht nur glückliche Zeiten. Die Tatsache, daß Weltmeister Everts einen anderen Rahmen erhielt als Sie, drückte schon etwas auf die Stimmung, oder? Bei mir zunächst nicht. Ich selbst bin mit der Werksmaschine hochzufrieden. Die negativen Einflüsse kamen eher von außen. Die ständigen Fragen der Journalisten nach dem Warum. Ich mußte mich ständig rechtfertigen. Das belastete mich in der Tat.?Durch Ihren neuen Status als Werkspilot hat auch der Rummel um Ihr Team sichtbar zugenommen. Und Ihre Truppe selbst wurde bedeutend größer. Besteht nicht die Gefahr, daß zu viele Köche den Brei verderben? Dies ist wirklich eine ungewohnte Situation für mich. Es herrschte in Talavera wirklich zuviel Trubel um mich herum. Wir haben diese Situation noch am Sonntag abend in der großen Runde besprochen und geklärt. Auf der anderen Seite ist mir bewußt, daß ich selbst diese Konstellation so gewollt habe. Ich habe Spezialisten gefordert und sie auch bekommen. Nun liegt es an mir, mit dieser neuen Situation zurechtzukommen.

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