250 -cm³-Moto Cross-WM in Talavera/Spanien (Archivversion)

Klassen-Primus

Erfolg ist sein Markenzeichen. 1996 holte Sébastien Tortelli den 125er-Titel, nun siegt er bei den 250ern - und ganz nebenbei bastelt er an seinem Abitur.

Spätestens seit diesem Jahr ist klar: Die Viertelliter-WM-Crosser sind die Auserwählten, die die Karawane des Off Road-Sports nach langen Jahren aus der unverdienten Unterdrückung endlich auf die Höhen ihrer eigentlichen Bedeutung leiten sollen. Und für den vorgesehenen Feldzug unter dem Banner des Professionalismus und der Popularität hat sich auch bereits ein kleiner Napoleon gefunden.Ausgestattet mit dem Pamphlet des Motorradsport-Weltverbandes FIM, der ihm die Marketing- und TV-Rechte der 250er WM für die nächsten drei Jahre zusichert, will der Italiener Giuseppe Luongo den Kampf um Anerkennung und Sponsorengelder anführen. Tatsächlich lag schon beim WM-Auftakt im spanischen Talavera de la Reina ein ganz besonderes Flair in der Luft. Nationale TV-Kameras en masse, ein Sendeplatz auf dem Kabelkanal Eurosport, ein stattliches VIP-Areal sowie ein Ergebnis-Service im Internet päppeln die Viertelliter-Liga höchsterfreulich auf.Doch die Anziehungskraft der Professionalität hat auch ihre negativen Folgen - zumindest aus der Sicht manch illustrer Piloten. Denn nachdem in der Viertelliter-WM alle vier japanischen Werke samt europäischem Konkurrent KTM mit hochbezahlten Zwei- oder Drei-Mann-Teams um Punkte und Prestige buhlen, drängt natürlich auch die fahrerische Elite aus anderen Hubraumklassen ins neugeschaffene Schlaraffenland der Stollenbranche. Dieses Jahr zitterten nicht nur die Hinterbänkler vor dem letztjährigen Klassenprimus aus der Achtelliter-Szene, dem Franzosen Sébastien Tortelli.Wobei nicht einmal der mit absoluter Dominanz errungene WM-Titel des Bauernsohns aus der südwestfranzösischen Gascogne dem Viertelliter-Establishment Furcht einflößt, sondern eher dessen Art, die Dinge anzugehen. Denn was der schweigsame, gerade mal 18jährige Kawasaki-Pilot anpackt, wird zum Erfolg. Und das, obwohl der Teenie sich nicht wie die restlichen 39 Mann des Startfelds hauptamtlich auf die schweißtreibenden Erdarbeiten konzentriert, sondern sich die Woche über in Frankreichs angesehenstem Sportinternat INSEP in Paris auf sein Abitur Ende des Jahres vorbereitet. Daß die Hautevolee der Stollenbranche zu Recht gezittert hatte, bewies der französische Strebemann auf der sprungübersäten Piste am Stadtrand Talaveras von der ersten Minute an. Vom Start weg setzte sich der selbstbewußte Crosser an die Spitze des Felds. Und während das zum Fußvolk degradierte Starensemble sehenswert, aber abgeschlagen um Platz zwei und folgende kämpfte, hatten die gut 20 000 Zuschauer samt kompletter Riege der Teammanager nur noch Augen für den Herrn in Grün. Denn der fuhr nicht nur schneller, sondern vor allem ganz anders als die anderen. Während sich die restlichen Stollen-Stars gegenseitig in die Anlieger und holprigen Spurrillen auf der scheinbaren Ideallinie hetzten, ging Laufsieger Tortelli seine eigenen Wege. Statt weiten Bögen wählte der Individualist die kurzen Wege. Scharf anbremsen, abwinkeln, die Maschine gerade stellen und dann auf gerader Linie zur nächsten Kehre beschleunigen. Und dies Kurve für Kurve, schnell, effizient, schnörkel- und risikolos. So einfach, und doch nur mit absoluter fahrerischer Präzision zu realisieren.So konnten den Meister-Crosser in Talavera nur Unwägbarkeiten bezwingen. Beispielsweise der schwer sichtbare Stein, der den auch im zweiten der 45 Minuten langen Läufe zunächst führenden Gascogner nach einer halben Stunde kopfüber aus dem Sattel und auf Platz sieben zurückwarf. Bis zum Ziel hatte sich das Wunderkind wieder auf Platz drei vorgerackert - indem er nicht zuletzt den verdutzten Weltmeister Stefan Everts einfach stehen ließ. Bei dieser Gelegenheit durfte sich auch Deutschlands Vorzeige-Crosser Pit Beirer Herrn Tortellis Fahrstil aus nächster Nähe betrachten. Nach einem Kahnbeinbruch hatte sich der WM-Fünfte von 1995 im letzten Jahr mit dem siebten WM-Rang begnügen müssen. Trotz einer weiteren Verletzung beim Supercross in Stuttgart, die den Daumen des Honda-Piloten bis heute mit einer Platte und mehreren Schrauben ziert, platzt der Junge vom Bodensee vor Ehrgeiz. Ein enormes konditionelles Trainingspensum (siehe Interview Seite xxx) und vier Wochen Fahrtraining in den USA trugen in Spanien reife Früchte. Mit zwei fünften Rängen bewies der sympathische Profi, daß mit ihm in der WM wieder zu rechnen sein wird.Dies hofft auch Collin Dugmore. Der 28jährige, in Deutschland lebende Südafrikaner, der im letzten Jahr immerhin Rang sechs in der Achtelliter-WM einfuhr, fühlte sich von dem Medien-Interesse und der Edelcrosser-Atmosphäre in der 250er WM ebenfalls angezogen und versucht sich nun bei den Großen. In Talavera durchaus mit Erfolg. Abgesehen von einem Reifendefekt im zweiten Lauf, taugt der elfte Platz im ersten Lauf inmitten ranghoher Konkurrenz durchaus als Einstands-Resultat.
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INTERVIEW (Archivversion) - «Kann nur hoffen, daß Lacher aufhört“

Pit Beirer feierte mit zwei fünften Plätzen einen gelungenen WM-Einstieg
? Zunächst mal Gratulation für den gelungenen WM-Einstand 1997. Dennoch hat Viertelliter-WM-Neueinsteiger Tortelli auch Sie in die Schranken gewiesen. Können sich die arrivierten 250er WM-Piloten inklusive Ihnen selbst mit dieser Situation so einfach abfinden?Natürlich geben wir jetzt nicht alle auf. Doch Tortelli hat in der Tat frischen Wind in die Viertelliter-WM gebracht. Er geht als ehemaliger 125er Fahrer noch agiler mit dem Motorrad um als wir. Er benutzt völlig andere Linien. Ich habe das auch versucht, als ich ihm im zweiten Lauf kurz folgen konnte, doch mir ging nach zwei Runden die Puste aus. Er muß eine gewaltige Kondition haben, zumal ich sicher nicht als konditionell unterentwickelt gelte.? Dieser Ruf geht Ihnen tatsächlich voraus. Wie bereitet sich denn ein Profi-Crosser körperlich auf eine Saison vor? Ich habe in diesem Jahr zum ersten Mal die Vorbereitungs- von der Wettbewerbsphase getrennt. Im Dezember und Januar stand Sport total auf meinem Programm. Morgens eineinhalb Stunden Laufen und eine Stunde Gymnastik, mittags zwei Stunden Aerobic plus zwei Stunden Krafttraining mit leichten Gewichten. Und das jeden Tag. Nun in der Saison beschränke ich mich, dieses Niveau mit zwei Stunden Sport täglich zu halten.? Glauben Sie wirklich, daß sich auch andere Crosser so verausgaben?Stefan Everts und Marnicq Bervoets schon. Die anderen tun wahrscheinlich nicht so viel. ? Dennoch haben sich, zumindest was das Material betrifft, die Dinge zum Besseren gewendet. Sie erhalten in diesem Jahr Teile der Honda-Rennabteilung HRC.Ja, mein Teamchef Paul Kasper und Honda Schweiz haben das ermöglicht. Genaugenommen sind das nur Federungsteile von Showa. Wir haben drei Werksgabeln und auch drei Stoßdämpfer erhalten. Dieses Material ist ein Traum. Die Abstimmung paßt perfekt, und auch Ersatzteile sind in rauhen Mengen vorhanden. Allein für die Gabeln erhielten wir beispielsweise 200 Laufbuchsen. ? Und Motorenteile?Demnächst sollen wir auch drei Motoren von HRC erhalten. Wann wir die bekommen, steht aber noch nicht fest. Darüber mache ich mir allerdings wenig Sorgen. Mein Tuner Werner Schwärzel hat auch das Serienmaterial im Griff. Ich verliere auf die beiden HRC-Werksfahrer Stefan Everts und Joakim Karlsson keinen Meter. Da brennt nichts an.? Apropos Team. Sie arbeiten fast seit dem Beginn Ihrer Karriere mit denselben Leuten zusammen. Das ist in der Szene eher unüblich. Könnte neues Blut in der Mannschaft nicht das letzte Quentchen dazu beisteuern, das Ihnen zum Weltmeister fehlt?Ich sehe keinen Grund, irgendwen aus unserer Truppe zu ersetzen. Was wir bräuchten, wären vielleicht zwei Leute zusätzlich. Jemand, der mich bei der Spurenwahl beraten könnte, und jemand, der bei der Abstimmung des Fahrwerks behilflich wäre. ? Letztlich eine Konstellation, wie sie im Team von Sébastien Tortelli besteht.Genau. Er hat mit seinem Berater, dem ehemaligen Weltmeister Jacky Vimond, einen gewaltigen Trumpf im Ärmel. Er ist der Mann, der Tortellis Fahrstil geformt hat. Daß sein Teamchef und Tuner Jan de Groot erstklassige Fahrwerks- und Motorabstimmungen erarbeitet, ist ohnehin bekannt. ? Gibt´s in Pit Beirers Truppe Überlegungen, diese Lücke zu füllen?Überlegungen schon. Nur wer ist dazu fähig? Ich kann nur hoffen, daß Dietmar Lacher früh genug seine Karriere beendet. Er wäre mit seinem Fahrstil und seiner Erfahrung für diese Aufgabe Gold wert. Doch Didi wird sicher noch ein, zwei Jahre fahren - leider.

Ergebnisse (Archivversion)

1. Lauf: 1. Sébastien Tortelli (F) Kawasaki, 2. Marnicq Bervoets (B) Ksuzuki, 3. Tallon Vohland (USA) Yamaha, 4. Stefan Everts (B) Honda, 5. Pit Beirer (Ludwigshafen) Honda, 6. Yves Demaria (F) Honda, 7. Werner Dewit (B) Suzuki, 8. Thierry Bethys (F) Honda, 9. Peter Iven (B) Kawasaki, 10. Paul Cooper (GB) Kawasaki;2. Lauf: 1. Vohland, 2. Bervoets, 3. Tortelli, 4. Everts, 5. Beirer, 6. Demaria, 7. Bethys, 8. Pedro Tragter (NL) Honda, 9. Iven, 10. Dewit;WM-Stand: 1. Vohland 35 Punkte, 2. Tortelli 35, 3. Bervoets 34, 4. Everts 26, 5. Beirer 22.

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