250-cm3-Moto Cross-WM in Teutschenthal (Archivversion) Rummelplatz

Das Riesenrad auf dem Gelände des deutschen Grand Prix in Teutschenthal hatte Symbolcharakter. Wenige Rennen vor Saisonschluß geht´s rund in der Formel 1 des Moto Cross - auf der Piste und hinter den Kulissen.

Am zweiten August-Wochenende bekamen die Motorradsport-Fans in Ostdeutschland gleich drei Highlights auf einen Schlag geboten: mit einem Klassik-Rennen wurden 75 Jahre Schleizer Dreieck gefeiert, in Oschersleben rannte man beim 24-Stunden-Marathon gar rund um die Uhr, und etwa 90 Kilometer davon entfernt trafen sich in Teutschenthal die weltbesten 250er Crosser zum deutschen Grand Prix. Doch die Begeisterung für den Rennsport ist in den neuen Bundesländern offenbar so groß, daß keiner der drei Veranstalter auf seinen Eintrittskarten sitzen blieb. Am vollsten war die Arena in Teutschenthal, und das Wort Arena ist in diesem Fall wörtlich zu nehmen. Wie ein Stadion ist die außerhalb von Halle gelegene, gut zu überblickende Strecke in einen Talkessel eingebettet. 28 000 Fans sorgten für eine Supercross-ähnliche Atmosphäre, und der Lärmpegel auf den Rängen stieg deutlich an, als Pit Beirer in der Startrunde des ersten Laufs in Führung ging. Das Feuerwerk des Honda-Werksfahrers aus Ludwigshafen am Bodensee verpuffte aber leider sehr schnell. Schon in der dritten Runde wurde Beirer nach Fahrfehlern auf den vierten Platz durchgereicht.Dann bekam er es mit dem Yamaha-Piloten Tallon Vohland zu tun. Da beide einen wilden Fahrstil pflegen, kann es im direkten Zweikampf durchaus zur Feindberührung kommen - wie in Teutschenthal prompt geschehen. In einer schnellen Rechtskurve gerieten sich die Kontrahenten in die Quere und stürzten. Beirer, der innen vorbei wollte, wähnte sich schon vorne und machte Vohland für den Crash verantwortlich. Der US-Boy und Beobachter der Szene sahen die Sache allerdings anders. Sei`s drum: Beide konnten weiterfahren, der deutsche Cross-Held hatte sich allerdings den Endschalldämpfer beschädigt und mußte zu einem zeitraubenden Wechsel an die Box. Platz 19 und null Punkte stimmten ihn nach dem ersten Lauf sorgenvoll: »Bislang ein sehr frustrierender Heim-Grand Prix.«Nach der Hitzeschlacht ebenfalls abgekämpft, im Gegensatz zu Beirer aber sehr happy war Weltmeister Stefan Everts. Mit einer eindrucksvollen, fehlerfreien Fahrt auf Platz eins hatte sich der 25jährige Belgier den derzeitigen WM-Tabellenführer Sébastien Tortelli vom Leib gehalten. Immer wenn er den heißen Atem Tortellis im Nacken spürte, konnte sich Everts mit einem Zwischenspurt wieder Luft verschaffen - wohl auch dank des neuen Motors, den Honda mit modifizierten Leistungsteilen ausgestattet hat und der dem Champion helfen soll, in der Schlußphase der WM doch noch den vierten 250er Titel in Folge zu holen.Nach Teutschenthal und damit vier Grand Prix vor Saisonschluß standen Everts´ Chancen nicht schlecht, denn Tortellis einstiger Zehn-Punkte-Vorsprung war am Ende des deutschen GP auf vier Zähler geschrumpft. Everts hatte der Konkurrenz im zweiten Heat mit einem souveränen Start-und-Ziel-Sieg erneut gezeigt, wo der Hammer hängt. Und die geschlagenen waren exakt dieselben wie in Durchgang eins: der mit Getriebeproblemen an seiner Kawasaki kämpfende Sébastien Tortelli als Zweiter, Frederic Bolley, der Kollege von Everts im Honda-Werksteam, als Dritter.Hinter Everts und Tortelli, die den Titel in einem spannenden Finale unter sich ausfahren werden, ist Pit Beirer weiterhin die dritte Kraft im Machtgefüge der 250er Cross-WM. Obwohl er in Teutschenthal von seinem 79-Punkte-Vorsprung 21 Zähler auf Verfolger Bolley eingebüßt hat. Denn auch im zweiten Lauf blieb der 25jährige Pamo-Honda-Pilot klar hinter seinen eigenen Erwartungen zurück. Nach mäßigem Start machte Beirer in 21 Runden zwar fünf Plätze gut, mehr als Rang sieben war für den Blondschopf am Ende aber nicht drin. Beirer weiß, daß er sich ranhalten muß, wenn in der WM für ihn nichts mehr verrutschen soll.Und er weiß, daß er bei diversen Teamchefs auf der Wunschliste für die nächste Saison steht. Etwa bei Jan de Groot, der das Kawasaki-Werksteam leitet und nach Ersatz für seinen Star Sébastien Tortelli sucht. Der 20jährige Franzose sagt dem Grand Prix-Zirkus adieu und startet ab 1999 für Honda in den USA. Auch wegen des Ausstiegs des Rinaldi-Teams (siehe Kasten »Parc fermé«) kommt das Transferkarussell in Fahrt. Deshalb muß zum Beispiel Tallon Vohland nun auf Jobsuche gehen. Die wichtigste Person ist allerdings schon wieder abgesprungen. Stefan Everts stoppte in Teutschenthal alle Gerüchte über einen eventuellen Wechsel zu Yamaha oder gar einen Umstieg in die 500er WM, nachdem er eine Woche zuvor als Wild Card-Fahrer im belgischen Namur locker die Halbliter-Konkurrenz gebürstet hatte. »Die Zeit ist noch nicht reif für einen Wechsel zu den 500ern«, so der vielfache Champion. »Die 250er Klasse ist die wichtigste in der WM, und da möchte ich noch zwei Jahre bleiben. Danach will ich meine Karriere bei den 500ern ausklingen lassen.« Und in welchem Team startet Everts 1999? »Für mich gibt es keinen Grund, die bestehende Truppe zu verlassen. Im Team von Dave Grant fühle ich mich wohl«, stellte der Belgier klar.Damit müssen die Fans in Ostdeutschland im nächsten Jahr auf eine Demonstration von Everts´ brillanten Fahrkünsten verzichten. Der deutsche 250er Grand Prix wird dann im schwäbischen Gaildorf gestartet. Nach Teutschenthal kommen die 500er - laut vorläufigem Terminplan am 18. Juli.

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