250-cm³-Moto Cross-WM in Teutschenthal (Archivversion)

Knapp daneben

Nicht nur Yves Demaria (12) und Weltmeister Stefan Everts (1) verpaßten beim deutschen GP ihre Chancen. Auch Lokalheld Pit Beirer kämpfte mit dem Erwartungsdruck der Fans.

Machen wir´s kurz. Der Belgier Marnicq Bervoets war es, der sich im Ring der weltbesten 250er Crosser in Teutschenthal am effizientesten durchboxte: Sieg in Lauf eins, Rang zwei im nächsten Durchgang, Platz zwei im WM-Zwischenklassement mit läppischen elf Punkten Rückstand. Spätestens jetzt wußte jeder, daß sich der 26jährige Suzuki-Werkspilot von großen Sprüchen nicht einschüchtern läßt. Zumindest nicht von denen des amtierenden Weltmeisters Stefan Everts. Nach seinen vier Siegen in Folge hatte der amtierende Champ nach den ersten beiden WM-Runden in Spanien und in Holland angekündigt, fortan mit Punktemaximum die insgesamt 13teilige WM-Rundreise beenden zu wollen. Tja, zu früh geprahlt. Platz zwei im ersten Lauf und Position zehn nach einem totalen konditionellen Einbruch im zweiten Aufeinandertreffen - aus war´s mit dem hehren Ziel. Auch wenn der frischgebackene Honda-Werkspilot in Teutschenthal das Handicap einer kaum überstandenen Grippe als Entschuldigung anführen durfte.Doch es wäre auch ohne weiche Knie für den neuerdings mit feuerroter Haarpracht gestylten Flamen eng geworden. Wegen Tallon Vohland beispielsweise. Eine dumme Schulterverletzung elimierte den Kalifornier im letzten Jahr vorzeitig vom WM-Titelkampf. Und nun will er´s wissen. Mit verkrampften Unterarmmuskeln zunächst auf Rang sechs und im zweiten Lauf ganz entspannt an der Spitze, fand der 24jährige in Deutschlands Osten wieder den Anschluß an die WM-Spitze. Doch ganz ehrlich, wer wollte das in Teutschenthal überhaupt wissen? Wen interessierte, daß KTM-Werkspilot Kurt Nicoll, immerhin im letzten Jahr noch strammer Vierter der WM, nach einem Muskelfaserriß im Oberschenkel auch in Sachsen-Anhalt nur zu vier weiteren kümmerlichen Punkten kam? Oder wer achtete darauf, daß der Belgier Werner Dewit sich mit den Rängen drei und vier auf den stolzen vierten WM-Rang schob? Und wer registrierte, daß der Franzose Yves Demaria als Yamaha-Werkspilot und hocheingeschätzter WM-Mitfavorit sich in der Startrunde des zweiten Laufs seinen linken Knöchel kräftig demolierte? Und wer erinnerte sich daran, daß Deutschlands Halbliter-Kämpe Dietmar Lacher ursprünglich mit einer Wild Card im fremden 250er Revier jagen wollte, letztlich aber lieber die Folgen seines Sturzes vom 500er WM-Lauf in Italien auskurierte?Ehrlich gesagt, kaum jemand. Denn eigentlich drehte es sich auf der in einem Talkessel geschlängelten Piste in Teutschenthal, ganz in der Nähe von Halle gelegen, nur um eine einzige Frage: Wie gut fährt Pit Beirer? Und es schien, als wollten sämtliche Off Road-Freaks dieser Republik die Antwort darauf live miterleben. Selbst eine für internationale Verhältnisse rekordverdächtige Kulisse von 25 000 Fans verwandelte die noch in spätwinterliches Grau getauchten Rasenflächen der Zuschauerränge in ein grellbuntes Meer aus Fahnen und Spruchbändern.Und der 23jährige Honda-Pilot wußte genau, was alle von ihm erwarteten. Nur zu genau. Denn er war es höchstselbst, der die Massen nach seinen Erfolgen gieren ließ. Erst in der vorigen Saison bei seinem Debüt in der Viertelliter-WM hatte er das kaum machbar Scheinende realisiert - auf Anhieb die fünfte WM-Position in einem Starterfeld, das damals wie heute vor illustren Namen mit hochdotierten Werks-Verträgen aller renommierten Hersteller nur so strotzt. Zumal der vierte WM-Rang in der noch jungen Saison, den er sich im ungeliebten schlüpfrigen Geläuf im spanischen Talavera und im noch weniger sympathischen niederländischen Sand von Valkenswaard erstritten hatte, erst recht alle Hoffnungen schürte. Noch vor Jahren hätten Mut, ein sonniges Gemüt und ein Gutstück Unbekümmertheit diesen Druck an dem Modellathleten abgleiten lassen wie ein Stück Seife an der nassen Haut. Doch inzwischen hat sich der Arm des Erfolgs, der sich lange Zeit so stützend um die Schultern des Jungen vom Bodensee gelegt hatte, zum Würgegriff der Erwartungen verengt. So waren denn die Hundertschaften des Beirerschen Fanclubs, seit Jahren treue Begleiter des Blondschopfs auf dem Weg nach oben, zu Hause geblieben, um das sichtlich angekratzte Nervenkostüm ihres Helden nicht zusätzlich zu belasten.Doch es kam, wie es unter diesen Umständen kommen mußte. Statt nach hervorragenden Starts mit der Crème de la crème der Stollenwelt um die Plätze zu balgen, kämpfte der genervte Profi einzig und allein mit seiner Psyche, donnerte unkontrolliert über Bodenwellen und knallte eher mit dem Mut der Verzweiflung als mit Routine und Übersicht in die vielen ausgefahrenen Spurrillen. So gesehen nicht mal schlecht. Unter dem verzweifelten Jubel der Menge trieb der Jüngling seinen Untersatz in den beiden 40 Minuten langen Läufen immerhin noch auf Rang fünf und sechs. Dennoch zu wenig, um sich selbst und der Fangemeinde zu gefallen, aber immer noch gut genug, um in der WM nicht den Anschluß an die Spitzengruppe zu verlieren.Oder positiv ausgedrückt: Wenn Platz fünf und sechs in WM-Rennen bereits als Mißerfolg gewertet werden, muß jemand schon verdammt gut sein.
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Moto Cross-WM 250 ccm Teutschenthal/D (Archivversion) - ERGEBNISSE

Teutschenthal1. Lauf: 1. Marnicq Bervoets (B) Suzuki, 2. Stefan Everts (B) Honda, 3. Yves Demaria (F) Yamaha, 4. Werner Dewit (B) Suzuki, 5. Pit Beirer (Ludwigshafen) Honda;2. Lauf: 1. Tallon Vohland (USA) Kawasaki, 2. Bervoets, 3. Dewit, 4. Rob Herring (GB) Honda, 5. Frédéric Bolley (F) Kawasaki, 6. Beirer;Gdynia/Polen1.Lauf: 1.Bervoets, 2.Vohland, 3.Demaria, 4.Beirer, 5.Alessandro Puzar (I) Honda;2.Lauf: 1.Bervoets, 2.Beirer, 3.Vohland, 4.Demaria, 5.Bolley;WM-Stand nach acht von 26 Läufen: 1.Bervoets 132 Punkte, 2.Vohland 120, 3.Everts 109, 4.Beirer 96, 5.Dewit 71.Eine Woche nach dem deutschen WM-Lauf schien Pit Beirer wieder von jedem Druck befreit und sammelte beim polnischen Grand Prix mit den Plätzen vier und zwei kräftig Punkte. Im aktuellen Zwischenklassement liegt der Deutsche nun auf einem ausgezeichneten vierten Rang. Die WM-Führung hat in Polen Suzuki-Pilot Marnicq Bervoets übernommen, der zwei klare Laufsiege feierte. Der bisherige WM-Leader Stefan Everts fiel dagegen auf den dritten Rang in der Tabelle zurück. Im ersten Heat war der Weltmeister in eine Startkarambolage verwickelt und schaffte nach einer Aufholjagd noch den zehnten Platz. Im zweiten Durchgang ging der Belgier dagegen leer aus. Er mußte auf dem staubigen Kurs vorzeitig aufgeben, weil Sand die Vorderradbremse seiner Honda blockiert hatte.

Moto Cross-WM 250 ccm Teutschenthal/D (Archivversion) - Werks-Honda: Die letzte Echte?

Die Zeiten, in denen Moto Cross-Werksmaschinen kaum etwas mit ihren käuflichen Serienpendants zu tun hatten, sind längst vorbei. Mit einer Ausnahme: der Viertelliter-Honda des amtierenden Weltmeisters Stefan Everts.Im Detail: Motorgehäuse und Rahmen entsprechen weitgehend den Serienversionen. Die Schweißnähte des Rahmens wurden jedoch von Hand nachgezogen und im Steuerkopfbereich zusätzliche Verstärkungsbleche eingesetzt. Größer dimensioniert wurden die Steuerkopflager. Die steifere Schwinge stammt aus der Werkstatt der Honda Racing Corporation, kurz HRC.Aus dem Vollen gefräste und entsprechend anders dimensionierte Umlenkhebel verleihen der Werks-CR ein progressiveres Federungsverhalten. Apropos Federung. Sowohl vorn als auch hinten kommen sündhaft teure Werksfederelemente von Kayaba zum Einsatz. Vorn übrigens entgegen dem derzeitigen Trend eine Upside-down-Gabel.Auspuff, Karbon-Schalldämpfer, Zylinder, die größer dimensionierten Radnaben, die um 20 Prozent vergrößerten Kühlerhälften, der Elf-Liter-Alutank und die Gabelbrücken sind ebenfalls Einzelanfertigungen von HRC. Einzigartig: Eine Anreicherung des Benzin-Luft-Gemischs durch eine ab zirka 6000/min aktivierte zusätzliche Benzineinspritzung.Außerdem nur an Everts´ Maschine: Durch bloßen Wechsel des Chips kann die Leistungscharakteristik durch drei verschiedene Zündkurven beeinflußt werden.

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