250-cm³-Moto Cross-WM (Archivversion)

Schwebendes Verfahren

Weltmeister Frédéric Bolley wird es nicht leicht haben. Denn in der Viertelliter-WM schwebt einigen Crossern die WM-Krone vor Augen. Ryan Hughes (4) ganz bestimmt und – hoffentlich – auch Pit Beirer.

Mal sehen, wie’s läuft.« Die Moto Cross-Cracks winden sich auf ihren Campingstühlen beim Saison-Auftakt im spanischen Talavera wie waidwunde Rehe. Jeder Satz über Aussichten und Ambitionen zur bevorstehenden Saison scheint zu viel zu sein. Jedes Wort könnte möglicherweise genau das eine zu viel, das die unter Hochspannung stehenden Nervenstränge vollends zerreißt. Rennsport macht Spaß – es sei denn, man möchte Weltmeister werden. Genau dies haben sich in der 250er-Klasse in diesem Jahr einige Herrschaften vorgenommen. Denn, mit Verlaub, so richtig anerkannt haben sie ihren neuen Regenten Frédéric Bolley noch immer nicht. Denn ohne die Knieverletzung des vierfachen Weltmeisters Stefan Everts in der vergangenen Saison hätte keiner nur den Hauch einer Chance besessen.Doch nun hat sich der Kaiser vom 250er-Honda-Werksteam in die Halbliter-WM auf einer Viertakt-Husqvarna verabschiedet. Erst jetzt wittern die bislang so schmählich unterdrückten Thronfolger Morgenluft. Auch weil der 26-jährige Bolley als einziger der Stollenriege so gar nicht dem Image des knallharten, durchgegerbten Moto Cross-Haudegens entsprechen will. Eher zierlich als muskelbepackt, mehr Dressman denn Eisenbeißer.Ein neuer Wind, zugegebenermaßen mit einem kräftigen Schuss marktpolitischen Kalküls, bläst auch beim Engagement der Motorradindustrie in der Viertelliter-WM. Obwohl es die Offroad-Liga immer mehr zur Viertakt-Technik und damit zur Halbliter-WM hinzieht, gelten die 250er zumindest derzeit noch als das Oberhaus der Stollenbranche. Wobei Monsieur Bolley gerade deshalb aus den eigenen Reihen Gefahr droht. Ganz zuvorderst von Ryan Hughes. Nach dem Abzug der Everts-Truppe beförderte die Honda Racing Corporation nämlich das bislang nur mit Semi-Werksmaschinen versorgte Schweizer Pamo-Team, in dessen Sold der hochtalentierte Kalifornier und neuerdings auch Herr Bolley steht, zum offiziellen Werks-Team. Und weil Hughes das hochwertige Material zu schätzen weiß, gibt’s für den 27-Jährigen im neuen Jahrtausend nur ein Motto: Volle Kraft voraus.Was verständlicherweise auch für die Konkurrenz gilt. Suzuki arrangierte sich bereits Ende der vergangenen Saison mit dem Franzosen Michael Pichon. Der 24-Jährige aus Le Mans trennte sich nach fünf Jahren im amerikanischen Exil – mit immerhin zwei 125er-Supercross-Meistertiteln auf dem Erfolgskonto – nach Geplänkeln über die Rolle seines Vaters im Team im Unfrieden von American Honda. Wobei der Gallier auf seinen Kollegen Joshua Coppins aufpassen sollte. Der Selfmademan aus Neuseeland stieg in dieser Saison bei den Gelben vom Support-Fahrer zum vollwertigen Werkspiloten auf. Trotz heftigen Zoffs vor vier Jahren kreuzten sich für diese Saison wieder die Wege von Yamaha und Yves Demaria. Aus gutem Grund: Der Franzose gilt als eines der begnadetsten Fahrtalente weltweit, dem deshalb gelegentliche charakterliche Schwächen zugestanden werden. So besteht die essentiellste Saisonvorbereitung des 28-Jährigen alljährlich in einer mehrwöchigen Diät, die ihm immer erst kurz vor dem WM-Auftakt sportive Konturen verleiht. Was zumindest die Musikszene ganz niedlich zu finden scheint. Animiert durch die Verpflichtung Demarias, bessert in dieser Saison Italiens Popstar Eros Ramazotti Budget und PR-Wert der Yamaha-Delegation auf. Auf solche Unterstützung müssen die beiden einzigen europäischen Hersteller in der 250er-WM, Husqvarna und KTM, leider verzichten. Als halboffizielle Teams erhält sowohl die Husky-Mannschaft um den Briten Paul Cooper ebenso weitgehend seriennahes Material wie das erst im vergangenen Jahr aufgebaute, sogenannte Team Millennium. Trotz nur indirekter Werksunterstützung von KTM schlägt die Truppe, die von einem Hamburger Geschäftsmann finanziert wird, ordentlich auf die Pauke. Mit dem Wahlschwaben Collin Dugmore, den beiden renommierten Belgiern Danny Theybers und Werner Dewit sowie dem deutschen Nachwuchsmann Marco Dorsch schindet die neue Abordnung der Österreicher zumindest zahlenmäßig gewaltig Eindruck.Bei der Quantität darf es das Kawasaki-Werksteam nicht belassen. Neben Neuzugang Michael Maschio, Sechster der 250er-WM 1999, muss vor allem einer für Qualität sorgen: Pit Beirer. Für den 27-jährigen Deutschen, der sich in den vergangenen Jahren Platz um Platz nach vorn hangelte, geht es diese Saison um alles. Nach der Vizeweltmeisterschaft 1999 bleibt als sportliche Konsequenz für 2000 nur der WM-Titel.Doch weil Beirer wie auch Ryan, den beiden Michaels, Collin, Yves und Frédéric diese Aufgabenstellung in jeder Sekunde anzusehen war, holte zumindest beim WM-Startschuss in Spanien ein ganz Unbeschwerter den Sieg: Gordon Crockard. Der 21-Jährige aus Belfast – im vergangenen Jahr gerade mal auf WM-Rang 13 erreichte – gewann mit Rang eins und zwei zur Überraschung selbst der intimsten Szene-Kenner den ersten GP der Saison. Dass der rothaarige Ire die WM lange anführen wird, glaubt niemand. Ganz bestimmt aber, dass der nette Junge im Gegensatz zu seinen Kollegen viel, viel Spaß am Rennsport hat. Denn er möchte – zumindest dieses Jahr – ja noch nicht Weltmeister werden.
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Moto Cross-WM 250 ccm Talavera/E (Archivversion) - WM-Stand

Eine Woche nach Talavera trafen sich die 250er-Cracks im portugiesischen Agueda zum zweiten WM-Lauf. Pit Beirer setzte sich vor 25000 Zuschauern bestens in Szene: Zwei zweite Plätze bedeuten auch Rang zwei in der aktuellen WM-Tabelle. »Ich bin sehr happy mit meinen Ergebnissen auf dieser Strecke, die zu den anspruchvollsten und gefährlichsten gehört. Mein Ziel war es, mit zwei guten Läufen zu zeigen, dass sich mein hartes Training im Winter gelohnt hat«, zog Beirer ein zufriedenes Fazit. Suzuki-Pilot Mickael Pichon, der in Agueda beide Läufe gewann, hat Gordon Crockard als WM-Leader abgelöst. Talavera-Laufsieger Ryan Hughes musste in Portugal nach einem Trainingssturz mit Handverletzung passen. WM-Stand nach zwei von 16 Grand Prix: 1.Mickael Pichon (F) Suzuki 70 Punkte, 2.Pit Beirer (D) Kawasaki 53, 3.Gordon Crockard (GB) Honda 44, 4.Mickael Maschio (F) Kawasaki 41, 5.Paul Cooper (GB) Husqvarna 40, 6.Frédéric Bolley (F) Honda 36, 7.Joshua Coppins (NZ) Suzuki 32, 8.Yves Demaria (F) Yamaha 30, 9.Ryan Hughes (USA) Honda 20, 10.Justin Morris (GB) Yamaha 19,...15.Collin Dugmore (D) KTM 13.

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