250-cm3-Motocross-WM in Teutschenthal (Archivversion) Früh-Style

Lässige Freestyle-Einlagen gibt´s von Frédéric Bolley nur vor dem Start und nach dem Ziel. Zwischendrin holt der junge Mann aus Marseille Motocross-WM-Titel – in Teutschenthal sogar ein Rennen zu früh.

Paul Kasper, Chef des Pamo-Honda-Teams, der offiziellen Abordnung von Honda in der Motocross-WM, war – gelinde gesagt – auf dem falschen Fuß erwischt worden. Meister-T-Shirts, Party-Champagner und Gala-Dinner für den frischgebackenen Champion Frédéric Bolley – Fehlanzeige. All das hatte der Schweizer Gerüstbau-Unternehmer zwar bestellt, aber einfach mal für eine Woche später. Termin- und wunschgemäß für das WM-Finale im heimatlichen Roggenburg. Doch Fred war beim deutschen Grand Prix im mit 20 000 Fans besetzten Talkessel von Teutschenthal vor allem schneller als sein Titelkonkurrent Mickael Pichon. Nachdem es in den Vormonaten so ausgesehen hatte, als würde der 24-Jährige aus Le Mans für Suzuki den WM-Titel heimfahren, kämpfte Pichon seit Ende Juli eher mit zwei gerissenen Bändern in seiner linken Schulter als mit Bolley. Was ihn aber nicht von der anfänglichen Führung im ersten Lauf abhielt. Flügellahm musste der WM-Titelaspirant seine Position jedoch schon bald an den Erzrivalen abgeben und fiel bis auf Rang neun zurück. Weit genug, um gegen den amtierenden Weltmeister aus Marseille für den zweiten Lauf die Deckung zu verlieren. Da der von den Schmerzen fast bis zur Bewusstlosigkeit gemarterte Pichon nach abermals gutem Start auf Rang acht zurückfiel, genügte Bolley ein weiterer Laufsieg, um vorzeitig den Titel zu feiern – wenn auch gewissermaßen als improvisierte Instant-Fete. Alles andere als in Feierlaune ist derzeit Pit Beirer. Denn fast auf den Tag genau ein Jahr zuvor war dem deutschen Parade-Crosser in Gaildorf der damals so greifbar nahe WM-Titel wie ein nasses Stück Seife aus der Hand geglitten. Für Pit eine Katastrophe. Der junge Held taumelte wie ein Boxer nach einem Tiefschlag. Alles, was er für seinen Sport bisher an Opfern gebracht hatte, den er geliebt und für den er gelebt hatte, schien auf einmal vergebens gewesen zu sein.Zwölf Monate später scheint der imaginäre Ringrichter den Modellathleten vom Bodensee noch immer anzuzählen. Nur leiden diesmal Seele und Körper. Stürze, Ausfälle und Missgeschicke pflasterten den langen Weg der vorangegangenen 14 WM-Läufe des Kawasaki-Piloten. WM-Rang vier, ein gerissenes Band im Daumen und Knochensplitter im Sprunggelenk sind nur äußere Zeichen des Desasters – viel stärker tut es im Innern weh. Denn nur selten hatten die beiden WM-Mitfavoriten Frédéric Bolley und Mickael Pichon Konkurrent Beirer in diesem Jahr auf ihrer Rechnung stehen. Viel zu selten, um ihm die grässlichste Erkenntnis eines Rennfahrers zu ersparen: die, plötzlich nicht mehr mithalten zu können.Und wie ein in die Enge getriebener Tiger, der auf der verzweifelten Suche nach einem Ausweg Freund und Feind zerfleischt, verbiss sich auch Pit Beirer in sein Umfeld. Der belgische Konditionstrainer Willy Linden, mit Stefan Everts immerhin viermal Weltmeister – entlassen. Die seit 15 Jahren treue Fantruppe aus der Heimat – auf Abstand gehalten. Der Glaube an das auf ihn persönlich abgestimmte Werksmaterial von Kawasaki, mit Everts und Tortelli vor nicht allzu langer Zeit titelgekrönt – verloren. Nur Dietmar Lacher, selbst hochdekorierter WM-Crosser und seit Mitte vergangenen Jahres fahrtechnischer Mentor, blieb von den Prankenhieben des Königstigers verschont. Was den Untersatz anbetrifft, sind die Weichen für 2001 bereits gestellt. Der 27-Jährige wird nächste Saison auf einer Yamaha des italienischen Freetime-Teams sitzen. Wobei der Hersteller mit den gekreuzten Stimmgabeln als Logo mit dem Neuzugang noch ein Hühnchen zu rupfen hatte. Ende 1998 kippte Pit einen bereits unterschriebenen Werksvertrag mit Yamaha zugunsten eines Angebots von Pamo-Honda in letzter Minute, worauf die Yamaha-Chefs den Deutschen vor den Kadi zerrten. Das immer noch ausstehende Gerichtsurteil fand in den neuen Vertragsverhandlungen seine beschleunigte Entscheidung. Das – dem Vernehmen nach horrende – Salär Beirers wurde vorab schon mal um den strittigen Betrag gekürzt. Dafür kann sich Pit Beirer künftig über reichlich Publicity freuen. Einer der Sponsoren des Freetime-Teams ist nämlich Pop-Star Eros Ramazotti. Der hyperpopuläre Barde und Hobby-Crosser möchte im kommenden Jahr des Öfteren auf den WM-Läufen aufkreuzen, was Pit plus Teamkollege Yves Demaria künftig wohl auch dem Teenie-Publikum der Starschnitt-Gazetten näher bringen dürfte.Und selbst in Anbetracht der Tatsache, dass abgesehen von Dreifach-Weltmeister Paul Friedrichs zu DDR-Zeiten kein Deutscher in der Motocross-Geschichte Pit auch nur annähernd das Wasser reichen kann, brauchte der Einzelkämpfer in Teutschenthal nur eines, um den Weg aus der Enge zu finden: Erfolge.Dabei mitzuhelfen waren sie alle bereit. Jeder einzelne der Fans drückte dem freundlichen jungen Mann so fest er konnte die Daumen. Und zumindest im ersten Lauf half´s. Von Rang sechs kommend stürmte der Liebling der Massen wie besessen über die sprungübersäte Piste, um sich letztlich haarscharf hinter dem Teamkollegen in spe, Yves Demaria auf Platz zwei vom wärmenden Sonnenstrahl des Erfolgs bescheinen zu lassen. Mit Rang fünf im zweiten Lauf konnte er sich anschließend zwar nicht wie gewünscht, aber doch achtbar in Szene setzen. Selbst wenn es der Sportsmann beim Rennen in der Schweiz nicht schaffen sollte, Shooting-Star Joshua Coppins noch vom dritten WM-Rang zu verdrängen, werden ihm zumindest die hiesigen Fans treu bleiben. Für die Suche nach dem Grund der aktuellen Misere sollte sich der wackere Streiter aber in der Muse des kommenden Genesungsurlaubs nach den anstehenden Operationen an Hand und Fuß noch mal intensiv Gedanken machen – und überlegen, ob man sich mit frisch eingegipstem Daumen auch mal an der eigenen Nase fassen könnte.

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