50 Jahre Hollister (Archivversion)

Wildwechsel

Die Legende: Vor 50 Jahren feierten Biker in dem kalifornischen Kaff. Hinterher hieß es, sie hätten Hollister platt gemacht. Heuer waren sie wieder da.

Was soll’s«, grient Bill Brownell, »die Cowboys sind doch auch in die Bar geritten.« Brownell hat 74 Lenze auf dem Buckel und Hollister vor 50 Jahren schon mal besucht. Beim Jubiläumsbarbecue seines Clubs, der Boozefighters - auf gut deutsch: Kampftrinker -, haut der Biker-Veteran ordentlich rein. Nach gegrilltem Lachs sind jetzt marinierte Rippchen dran. Und natürlich die Schoten aus der guten alten Zeit. Da darf die nette Anekdote, nach der die Boozefighters, die in Hollister den Ton angaben, mit ihren Maschinen mittenmang in die Bars gefahren sind, um Trinkbares abzugreifen, natürlich nicht fehlen. 4000 Motorradfahrer hatten sich auf den Weg in das kalifornische Kaff gemacht, das anno 1947 gerade mal 5000 Seelen zählte. Die hießen die Biker zunächst herzlich willkommen. »Wir hatten damals so viel Spaß«, erinnert sich eine pensionierte Lehrerin, die«s die letzten fünfzig Jahre in Hollister ausgehalten hat. »Es war doch sonst nichts geboten in diesem verschlafenen Ort.« Mit dem Schlaf war«s dann, wahrlich, erst mal vorbei. Die Kradler donnerten die Main Street rauf und runter, kultivierten die edle Kunst des Burn outs, vernichteten, auch das nicht ganz lautlos, Schnaps und Bier. Dabei war der Grund ihres Hierseins ein eher sportiver. Rennen wollten sie fahren, erst mal den Berg rauf beim Hill Climbing, dann, beim Dirt Track, immer schön im Oval rum. Das alles, ohne sich um die Formalia der Motorsportverbände zu kümmern, die an den angedröhnten wilden Reitern eh wenig Freude hatten und sie also liebend gern loswurden. Nur weil sie die Gesetze der American Motorcyclist Association nie und nimmer akzeptieren wollten, nannten sich die Biker Outlaws - nicht etwa wegen Jesse James oder Billy the Kid. Daß sie nach den Ereignissen in Hollister dann doch noch in die mitunter arg ver- und benebelten Höhen amerikanischer Mythen aufsteigen sollten, konnte damals noch keiner ahnen. Am wenigsten die direkt daran Beteiligten. Jim Hickson, 73, wundert sich noch heute über den Riesenzirkus, der um Hollister gemacht wird. »Wir haben das gleiche gemacht wie sonst: gefeiert, getrunken und eine Menge Spaß gehabt, bis so ein Arschloch aus nichts etwas macht und alles verdirbt.« Das Arschloch war, natürlich, ein Pressefuzzi. Doch da irrt Jim. Es waren deren zwei, die vom »San Francisco Examiner« inmitten des allertiefsten Sommerlochs nach Hollister abkommandiert wurden. Und die schrieben, so die einhellige Meinung aller Boozefighters-Oldies, eine Mücke zum Elefanten groß. »Ich bin damals zurück nach San Francisco gefahren«, memoriert Bill Browning, »und am nächsten Tag lese ich in der Zeitung, daß es in Hollister Krawall gegeben habe. Und ich hatte bis dahin gedacht, ein ganz normales Wochenende verbracht zu haben.« Gerüchte, wonach er einer der ersten gewesen sei, die am 4. Juli, dem amerikanischen Unabhängigkeitstag, ins Gefängnis gesteckt worden wären, dementiert er lapidar: »Hab’ nie ‘n Gefängnis von innen gesehen.« Die Boozefighters und ihr Freunde laben sich abseits des Rummels in der Mainstreet und des Party- und Händler-Gewusels vor der Stadt, wo zweitklassige Bands den immergleichen Bluesrock zelebrieren. 53 000 Motorradfahrern scheint«s zu gefallen, den mittlerweile 25 000 Hollistern ebenso. Ein Biker-Treffen wie so viele andere auch. Mit dem üblichen bißchen Nepp, dem üblichen bißchen blanker Haut und den üblichen paar deutschen Touristen. »Es sind viele Schickimickis dabei«, klagt Hans aus Rosenheim. »Aber trotzdem, da zu sein, wo alles anfing, ist einfach phantastisch.« Die Szene feiert. Vor allem sich selbst. Hells Angels-Boß Sonny Barger samt Lebensabschnittsgefährtin Noel genießen ihren Auftritt, schauen sich, von Leibwächtern umringt, kurz um. Danke, das reicht. Was bleibt, sind Sonnys Büsten in Gips, für 300 Dollar zu haben. Dem Ober-Angels hätte nur einer die Show stehlen können: »Wino Willy« Forkner, weiland Chef der Boozefighters, vermeintlicher Anführer der Hollister-Krawalle und Vorbild des Wilden, den Marlon Brando im Celluloid-Klassiker »The Wild One« gar trefflich gab. Aber Willy kam nicht. Am Zaun um die Boozefighter Party hängen lediglich Konterfeis von ihm. »Wino war ein alter Freund von mir«, erzählt Jim Hickson. »Ich hab’ ihm gesagt, ich würde auf jeden Fall nach Hollister kommen, um ihn hier zu treffen. Und was macht er? Er stirbt mir vor zwei Wochen einfach weg.« Wino Willy, so die Legende, habe die in Hollister inhaftierten Biker aus dem Knast befreit. Was Willy immer weit von sich gewiesen hatte. Als absehbar war, daß 4000 ausgelassene Motorradfahrer für Hollister nur schwerlich zu ertragen waren, baten die Kleinstädter um polizeilichen Beistand, und so rückten 30 State Trouper an, expedierten ein oder zwei Dutzend Typen, so genau weiß das heute keiner mehr, ins Jail. Die meisten wegen öffentlichen Trinkens und, was damit ursächlich zusammenhängt, öffentlichen Urinierens. Einige angetörnte Boozefighters zogen vors Gefängnis, wollten ihre Kumpels rausholen. Bis dann Wino Willy seinen Auftritt hatte. Der verklickerte seinen Jungs, daß der Wilde Westen nur noch im Kino lebt. Und die Staatsgewalt nach einer solchen Wahnsinnsaktion erbarmungslos zurückschlagen würde. Die wiederum nahm Wino Willy nach getaner Abwiegelung kurzerhand fest. Jemand, der soviel Einfluß auf diese wilden Gesellen hatte, schlossen die Sheriffs messerscharf, muß deren Anführer sein. Ein Jahr später tauchte die Bikerhorde zur Freude der Einheimischen übrigens erneut in Hollister auf. So sitzen die alten Boozefighter beim Bier und sinnieren darüber, wie aus einer stinknormalen Party mit dem üblichen Trouble ein Mythos werden konnte. Okay, die Presse trug ihren Teil dazu bei. Deren Sensationsmeldungen zufolge, hatten die Biker Hollister schlichtweg plattgemacht. Vom Gegenteil hätte sich jeder leicht überzeugen können. Sogar der Sprecher der American Motorcyclist Association, der sich befleißigt fühlte, die Ehre des amerikanischen Kradlers zu retten, und also deklamierte: »Nur ein Prozent der amerikanischen Motorradfahrer würde so etwas tun, ist kriminell.« Worauf sich viele Belederte mit »1%«-Aufnähern schmückten. Einen Jux wollten sie sich machen. Nicht ahnend, daß Jahre später jeder bessere Provinzrocker seine Joppe mit so ‘nem Ding austaffiert. Und dann kam Marlon - und mit dieser Ikone der Jugendrebellion enterten Hollisters Biker das Kino. Ohne Veredelung in Zelluloid, also übel verfälscht und verkitscht, gibt’s nun mal keinen amerikanischen Mythos. Selbstverständlich sehen sich die wahren Helden von damals nicht als Westentaschen-Brandos. »Wir haben nur unser eigenes Leben gelebt«, stellt Jim Hickson klar. Fast alle der Outlaw-Biker waren im Krieg gewesen, und nach dem Horror, den sie da über sich ergehen lassen mußten, fiel’s ihnen schwer, sich mit der Konsumseligkeit der amerikanischen Mittelklassegesellschaft anzufreunden. Statt auf ein statusträchtiges Auto zu sparen, legten sie sich ein oder gleich mehrere Bikes zu. Die waren, so Hickson, schon für schlappe 25 Dollar zu haben. Vor allem Harley. Aber weil die Big Twins ein bißchen arg nach dem offiziellen, dem spießigen Amerika aussahen, schraubten und flexten, »chopten« sie alles weg, was nicht unbedingt der Funktionstüchtigkeit förderlich war. Genauso rigoros gingen die Biker mit den gesellschaftlichen Konventionen um. Sie reduzierten sie aufs nötigste. »Wir wollten niemanden etwas tun und wollten auch selbst in Ruhe gelassen werden«, beteuert Hickson. Ein ganz normaler Amerikaner also. Noch so’n Mythos. Drin im Städtchen steppt derweil der Bär, und da wird abgezockt. Aber die Amis wußten aus ihren Mythen schon immer das beste zu machen. Dollars.
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Hollister: 50 Jahre Mythos der Rocker (Archivversion)

Von Bikern, Outlaws und skurrilen Vereinen - was aus einem typisch amerikanischen Mythos so alles werden kann.
Da schrieb also vor fünfzig Jahren die Presse ihr Sommerloch mit Horrorstories über randalierende Motorradfahrer zu, eilfertige Biker-Funktionäre distanzierten sich von den vermeintlich kriminellen Elementen der Szene, Brando veredelte diesen Sturm im Wasserglas zum herrlich verlogenen Melodram - und schon war ein Mythos geboren: Hollister. Die Amis mit ihrer kurzen Geschichte von ein paar hundert Jährchen brauchen solche Legenden. Weil sie sich darüber definieren. Da avancieren Tellerwäscher zu Millionären, Slum-Bubis enden als Basketball-Helden; und in ihrem Nationalepos, dem Western, wäre der Gute mit dem weißen Hut ohne den bösen Buben in Schwarz völlig überflüssig. Den brillanten Fiesling braucht’s einfach.Mit diesem Image kokettiert auch ein Teil der Motorradszene: die Kuttenträger, die sich rührend bemühen, ihr Outlaw-Image zu kultivieren. Das fängt schon damit an, daß sie sich mit ihrer Kluft - Lederweste mit Emblem und Schrift hintendrauf - sofort als Mitglied dieser wilden Zunft outen. Wobei die ganz harten Jungs oder solche, die dafür gehalten werden wollen, ihr Outfit mit einem »1%«-Aufnäher krönen. Einzig habhaftes Resultat der »Hollister-Krawalle« und Zeichen dafür, daß die so Geschmückten sich zur kleinen radikalen Minderheit derer zählen, die selbst vor kriminellem Tun nicht zurückschreckt. Was, wie aus Film, Funk und Fernsehen bekannt, zum Outlaw-Wesen irgendwie zwingend gehört.Doch gemach. »Rocker« und »Normalbürger« verbindet viel mehr, als beide Seiten sich vorstellen. Wie ein Blick in die »Bikers News«, das Zentralorgan der deutschen Motorradrocker, beweist. Darin finden sich beispielsweise Traueranzeigen, die genauso ritualisiert und unbeholfen sind wie die schwarzumrandeten Annoncen in den Tageszeitungen. Lieblingsfloskel: »Nur die Besten sterben jung.« Ein irrwitzig dummer Satz. So als ob echte Rebellen am besten gar erst nicht alt werden sollten. Skurril auch der Trend, daß »Free Biker«, das sind Leute, die sich in der Szene bewegen, aber keinem MC angehören, jetzt verstärkt Clubs gründen. Bislang nur als Satire vorstellbarer Höhepunkt deutscher Vereinsmeierei: ein Verein für Leute, die in keinem Verein sind. Was das alles mit Hollister zu tun hat? Nichts. Weil Hollister nur ein Mythos ist - und nicht alle, die ihn nachleben wollen, das auch hinkriegen. Nach den läppischen Krawallen vor 50 Jahren rückte die Biker-Szene lediglich ans Licht der Öffentlichkeit. Und die Hardcore-Kradler haben das genutzt, um sich in einem jahrzehntelangen Prozeß selbst zu definieren und, wichtiger noch, zu stilisieren: als Gruppe von Menschen, die ihre Freiheit liebt, der das Motorrad fast alles bedeutet, und die, um ihr Leben zu führen, keinem Konflikt aus dem Weg geht. Und sei es der mit dem Gesetz. Wird das Motorrad in dieser Definition durchs Pferd ersetzt, mutiert der Biker zum Cowboy, zum Westernhelden. Und der lebt, was diese Figur so attraktiv macht, unter Bedingungen, die von Staat und Gesellschaft noch nicht endgültig fixiert wurden. Mit dem Revolver in der Hand schafft sich der Cowboy sein eigenes Recht. Derweil feuern droben in Skandinavien Hells Angels und Bandidos noch immer aufeinander. Mit Western- und Bikerromatik hat das nichts mehr zu tun. Mythos und Wirklichkeit sind eben zwei Paar Stiefel. Der fast schon sprichwörtliche Zahnarzt, der gutbetuchte Normalo eben, zieht sich auf seiner Harley natürlich ersteres an. Als Weekend-Outlaw sonntags zwischen zehn und zwölf. sono

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