500-cm³- Moto Cross-WM in Asti/I (Archivversion) Im Tal des Königs

Manchmal ist weniger eben mehr. Der Neuseeländer Shayne King (9) holte sich in der Halbliter-Cross-WM auf Anhieb die Führung - mit einer 360er KTM.

Im Moto Cross-Konzeptvergleich in der letzten MOTORRAD-Ausgabe stand´s klipp und klar und schwarz auf weiß, worum es sich in der hubraumgrößten Moto Cross-Soloklasse eigentlich dreht. Nicht gelesen? Schon wieder vergessen? Also gut, dann eben noch mal. Die Moto Cross-Solo-WM unterteilt sich in die drei folgenden Hubraumkategorien: die 125er Klasse, quasi der Talentschuppen der rasenden Off Road-Gilde, die 250er Liga als das Vorzeigefeld schlechthin mit hochoffiziellen Werksteams und noch offiziellerem Führungsanspruch in der Welt der Stollenreifen und dann eben die 500er Szene mit dem angekratzten Image, eine WM für Privatfahrer zu sein. Oder besser: mit dem ehemals angekratzten Image. Denn das ungeliebte Sorgenkind, das vor vier Jahren fast aus dem noblen Familienkreis des WM-Clans verstoßen worden wäre, hat mittlerweile eine ganz eigene Identität gefunden: die Konfrontation der herkömmlichen Zweitakt- gegen die aufstrebende Viertakt-Technik. 1993 holte der Belgier Jacky Martens mit Husqvarna erstmals in der Moderne des Moto Cross-Sports einen WM-Titel auf einer Viertaktmaschine, ein Jahr später zerrte der Schwede Marcus Hansson auf einer Honda den Titel wieder ins Zweitaktlager, nur um 1995 an Joel Smets auf der Husaberg die Krone wieder ins Viertaktcamp zurückgeben zu müssen. Doch ganz klammheimlich im übermächtigen Schatten der Hubraumriesen schlug KTM in der letzten Saison eine völlig neue Spur auf dem Weg zum Erfolg ein: Das handliche Fahrgestell eines Viertelliter-Crossers wurde mit einem kräftigen 360er Zweitaktmotor kombiniert. Das vielversprechende Ergebnis: auf Anhieb die Vizeweltmeistershaft 1995 durch Trampas Parker.Ausgerechnet dem wackeren Ami war es nicht vergönnt, bei der diesjährigen Halbliter-WM-Ouvertüre im italienischen Asti dabei zu sein. Der trotz seiner Großtat in der Winterpause auf eine Halbliter-Honda umgestiegene Wahl-Italiener hatte sich in einem Vorsaison-Rennen böse überschlagen und drei Rückenwirbel gebrochen. Gottlob ohne Lähmungserscheinungen, wird der 28jährige dennoch den restlichen Frühling im Gipsbett verbringen müßen.Was beim Halbliter-WM-Auftakt unter der wärmenden Sonne Piemonts zumindest seinem ehemaligen Arbeitgeber keine allzu großen Probleme in Sachen Erbnachfolge bereitete. Denn unter der sprunghaft angewachsenen Armada von nicht weniger als 14 gemeldeten 360er Crossern aus Österreich hatten die Techniker aus dem Alpenland schon vorab einen Kronprinz auserkoren - Shayne King. Der 25jährige aus New Plymouth in Neuseeland donnerte bereits im letzten Jahr als zweitbester KTM-Mann mit der 360er auf Rang neun der WM und sieht seine Rolle als neuer Leithund offensichtlich nicht nur betriebsinterner Natur. Als gäbe es nichts Leichteres auf dieser Welt, machte der in Belgien lebende Kiwi jedenfalls auf der in ein idyllisches Tal geschlängelten Piste seinem Namen alle Ehre und übernahm mit einem nie gefährdeten Doppelsieg locker die einstweilige Regentschaft im WM-Klassement.Wobei ihm von den vierzig Top-Crossern durchaus einer hätte gefährlich werden können - Dietmar Lacher. Der blonde Südbadener, dessen außergewöhnliche Fähigkeiten auf einer 500er Maschine mittlerweile genauso legendär sind wie dessen diverse Unpäßlickeiten gesundheitlicher Natur, entschied sich vor den gut 15 000 Zuschauern für die Demonstration von Ersterem. Nach eindrucksvoller Trainingsbestzeit und mäßigem Start im ersten Lauf donnerte der mittlerweile 30jährige im ersten Lauf in Weltklasse-Manier noch bis hinter den längst entschwundenen Shayne King und den Schweden Peter Johansson auf die dritte Position durchs Feld. Der zweite Lauf hätte mit Sicherheit ebenfalls zur Demonstration Lacherschen Fahrvermögens gedient, wenn nicht ausgerechnet Didis Kollege im Team des Moto Cross-begeisterten Honda-Händlers Burkhard Sarholz, der flotte Belgier Danny Theybers, den Auftritt des rasanten Duos jäh gestoppt hätte. Auf Platz sechs liegend rumpelte Lacher völlig unverschuldet auf den ungeschickterweise nach einem Sprung gestürzten Theybers und aus war der Traum von dem so heißersehnten erfolgreichen WM-Einstieg. Auch der Trost, den die deutschen Fans nach dem Crash ihrer Galionsfigur bei den beiden anderen qualifizierten Germanen suchen sollten, währte nicht lange. Wobei sich die 500er Debüts von Bernd Eckenbach und Jochen Jasinski - an sich betrachtet - durchaus sehen lassen konnten. Jasinski fuhr trotz einer akuten Sehnenscheidenentzündung im ersten Lauf auf Platz 18 und lag im zweiten Durchgang mit seiner 360er Yamaha bereits auf dem achtbaren 13. Rang, bevor er in der allerletzten Runde mit leerem Tank ausrollte. Noch weniger Anerkennung war letztlich der Leistung seines schwäbischen Kollegen beschieden. Waren der Sturz in der Startrunde und Rang 25 im ersten Lauf bereits abgehakt, hätte Heat zwei durchaus die Skepsis des Supercross-Spezialisten gegenüber seinem ungewohnten Halbliter-Arbeitsgerät lindern können. Sein Pech: Auf der sensationellen achten Position liegend, erloschen nach 30 der 40 Minuten Renndistanz urplötzlich die Lebensgeister der Zweitakt-KX 500.Apropos Zweitakt. Die interessante Konfrontation der Technik bleibt trotz der momentanen Dominanz von Shayne King der Halbliter-WM erhalten. Unter den ersten Fünf balgen sich derzeit drei Viertakter, ein Halbliter-Zweitakter und Kings 360er. Wer spricht da von angekratztem Image?

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