500-cm³-Moto Cross-WM in Castelnau-de-Levis/F (Archivversion) Fahrt ins Blaue

Mit neuer Farbe scheint auch neuer Schwung in Yamahas Viertakt-Projekt zu kommen: Gleich beim Saisonstart feierte Alessandro Puzar mit dem blauen Renner einen Sieg.

Michele Rinaldi traute dem Frieden noch nicht so recht. Natürlich freute sich der neue Chef des offiziellen Yamaha-Viertakt-Teams darüber, daß seine Fahrer Andrea Bartolini und Alessandro Puzar beim Auftakt zur 500er Moto Cross-WM in Castelnau-de-Levis bei Toulouse die Trainings dominiert hatten. »Aber was bedeuten schnelle Trainingsrunden? Ob wir gut in Form sind, zeigt sich erst in den Rennen, und die gehen jeweils über eine Dreiviertelstunde«, blieb Rinaldi skeptisch.Und in der Anfangsphase des ersten Laufs diktierten in der Tat nicht die 400er Yamaha, sondern die großen Viertakt-Ballermänner das Tempo: Yves Demaria donnerte unter dem Jubel seiner 10 000 Landsleute mit der 635er Husqvarna vor Shayne King auf der neuen 520er KTM und dem amtierenden Weltmeister Joel Smets, dessen Husaberg-Eintopf 600 cm³ mißt, um den Kurs. Bartolini, schon seit 1997 mit der Yamaha vertraut, lag zu diesem Zeitpunkt auf Platz fünf. Viertakt-Neuling Puzar, zuvor immerhin schon Weltmeister der 125- und 250-cm³-Klasse, war Achter.Doch mit zunehmender Renndauer kam Puzar immer besser in Schwung und hatte sich schon zur Hälfte der Distanz an die Führenden herangepirscht. Die Spannung stieg von Runde zu Runde, denn der Yamaha-Pilot machte kräftig Druck, bis er seine Konkurrenten kurz vor Schluß relativ locker stehenließ. Demaria, wie Puzar neu im Viertakt-Geschäft, nannte die falsche Reifenwahl als Grund für den verpaßten Sieg. Smets, der immer noch Schmerzen in seinem im vergangenen Herbst gebrochenen linken Unterarm verspürt und wegen dieser Verletzung sein Saison-Vorbereitungsprogramm auf ein Minimum reduzieren mußte, wollte beim WM-Start keine unnötigen Risiken eingehen.Und was sagte der strahlende Sieger? »Mein Bike war so schnell, daß ich keine große Mühe hatte, den Rückstand aufzuholen, den ich mir nach dem Start bei einer Kollision mit Smets eingehandelt hatte«, lobte Alessandro Puzar seinen blauen Yamaha-Renner in den höchsten Tönen. Daß die YZ 400 F auf der schnellen, mit vielen Sprüngen gespickten Piste so stark sein würde, war nicht unbedingt zu erwarten. Die Maschine ist zwar leicht und quirlig, hat im Vergleich zur Konkurrenz aber auch ein Manko: den geringen Hubraum. Und so rätselt die Szene, ob der im Werk vorbereitete und von Michele Rinaldi eingesetzte Yamaha-Single tatsächlich nur über die angegebenen 425 cm³ verfügt. »Du mußt mit den offiziellen Daten leben, mehr kann ich dazu nicht sagen«, weicht der Teamchef entsprechenden Fragen aus. Zwei Dinge lassen allerdings vermuten, daß der YZ-Motor inzwischen etwas größer geworden ist: die in Castelnau-de-Levis gezeigten Leistungen und der für große Eintöpfe typische tiefe Sound.Hubraum ist durch nichts zu ersetzen - diese alte Weisheit hat KTM bei der Konzeption seines neuen Viertakt-Crossers von vornherein berücksichtigt. Teamchef Kurt Nicoll, selbst lange Jahre als Pilot in der 500er WM aktiv, sieht die 520er Maschine als idealen Kompromiß, gerade für Privatfahrer. »Mit der 400er Standard-Yamaha hast du zuwenig Leistung, und beim großen Viertakter fehlen die Drehzahlen, außerdem ist das Motorrad ein paar Kilo schwerer«, vertritt der Brite eine im Fahrerlager weit verbreitete Meinung.Nicolls Fahrer gaben bei der Premiere des 520er Motors denn auch eine gute Vorstellung, die im Lauf der Saison sicher noch steigerungsfähig ist. Shayne King, im Zeittraining in letzter Minute noch knapp von Bartolini geschlagen, wurde im ersten Lauf Vierter und kam im zweiten Heat auf Platz Platz neun. Teamkollege Peter Johansson buchte Rang vier im zweiten Rennen.Aber auch die klassischen Halbliter-Zweitakter spielen durchaus noch eine Rolle, wenn es darum geht, sich aus der breiten Palette der für die 500er WM angebotenen Motorenkonzepte (siehe Kasten Seite XXX) das geeignete herauszusuchen. Jochen Jasinski, im vergangenen Jahr auf einer Viertakt-Yamaha WM-14., startet jetzt mit einer Zweitakt-Honda und fühlt sich pudelwohl auf dem Motorrad: »Die Honda funktioniert problemlos, hat jede Menge Leistung und eine Durchzugskraft wie ein Traktor.« Mit Platz neun im ersten Lauf war der großgewachsene Hesse zufrieden, nicht aber mit seinem Fahrstil: »Ich war viel zu verkrampft.«Markus Kaufmann, auf Platz 20 zweitbester Deutscher im ersten Rennen, muß dagegen weit mehr am Motorrad tun als Jasinski. Der 24jährige Schwabe ist von der 250er Klasse in die 500er umgestiegen und kam mit der Viertakt-Yamaha auf Anhieb gut zurecht. »Aber 400 Kubik sind in der WM auf Dauer definitiv zuwenig«, hat Kaufmann schnell erkannt. Mit Hilfe des Schweizer Tuners Hans Hafner soll der Motor im Lauf der Saison bis auf 480 cm³ vergrößert werden. Wie gesagt: Hubraum ist durch nichts zu ersetzen.Davon hat Bernd Eckenbach sicherlich reichlich, denn Deutschlands Parade-Crosser in der 500er WM fährt eine Werks-Husqvarna, mit 635 cm³ das größte, aber auch eines der schwersten Viertakt-Geräte. Der vierte Platz in der letzten Saison weckte in dem ehrgeizigen Profi-Crosser aus Hildrizhausen bei Stuttgart Appetit auf mehr, doch beim WM-Start in Frankreich gab´s anstelle eines üppigen Punktemenüs eine ernüchternde Nulldiät. Schon nach fünf Runden rollte Eckenbach ins Fahrerlager zurück, an einen Start im zweiten Durchgang war nicht mehr zu denken. Bei Testfahrten auf seiner Hausstrecke in Holzgerlingen war er in der Woche vor dem WM-Start gestürzt und hatte sich an der Schulter verletzt. »Ich vermute, daß dabei das Schultereckgelenk etwas abbekommen hat. Ich konnte das Motorrad hier im ersten Rennen einfach nicht mehr halten«, zog Eckenbach enttäuscht sein Fazit. Schon die Winterpause war für den Schwaben nicht ganz nach Wunsch verlaufen, denn der Husqvarna-interne Transfer vom belgischen Martens-Team in die italienische Maddii-Mannschaft erwies sich, vor allem was die Abstimmung des Fahrwerks betrifft, problematischer als erwartet.Für Eckenbachs neuen Teamkollegen Yves Demaria lief dagegen beim WM-Start fast alles wie am Schnürchen. Im ersten Lauf noch von Puzar geschlagen, drehte der Franzose im zweiten Rennen den Spieß einfach um und holte sich den Sieg. Dritter wurde Puzars Teamkollege Andrea Bartolini, den Teamchef Rinaldi eigentlich stärker eingeschätzt hatte. »Bartolini hat mehr Erfahrung mit der Maschine und setzt das Drehmoment des Motors besser ein. Puzar muß da noch ein wenig üben«, sagte Rinaldi vor dem ersten Grand Prix. So kann man sich täuschen.

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