500-cm³-Moto Cross-WM in Mantova/Italien (Archivversion) MEZZO MIX

Mezzo litro, ein halber Liter. Der Auftakt zur Halbliter-Moto Cross-Weltmeisterschaft in Italien bewies, daß es für Siege auch ein Schlückchen mehr oder ein Quentchen weniger Hubraum sein darf. Hauptsache, die Mischung stimmt.

Für Teamchef Hannu Heinonen steht jetzt bereits fest, wer 1998 Halbliter-Moto Cross-Weltmeister werden wird: Yamaha. »Die letzte Saison bedeutete für uns ein Lehrjahr. Das Motorrad war völlig neu und unerprobt. Andrea Bartolini saß vorher noch nie auf einer Halbliter-Maschine, und Peter Johansson mußte sich trotz seiner Viertakt-Erfahrung auf Husqvarna an das neue Konzept erst einmal gewöhnen. Platz fünf und sechs in der 1997er WM waren unter diesen Voraussetzungen ein sehr gutes Resultat. Nun sind wir bereit für den Titel«, gibt sich der finnische Ex-WM-Crosser im Fahrerlager von Mantova, etwa 100 Kilometer südlich des Gardasees gelegen, zuversichtlich. Grund dazu hat er genügend. Denn vor Jahresfrist hatte Yamaha mit dem 400-cm³-Viertakt-Motor in einem Fahrwerk, das im wesentlichen mit den Abmessungen eines agilen 250er Zweitakt-Crossers übereinstimmt, gewissermaßen für den zweiten Urknall in der Halbliter-WM gesorgt. Statt schierer Kraft aus dumpf grollenden Hubraumriesen setzten die Yamaha-Techniker auf leicht beherrschbare Leistungscharakteristik in zierlicher Verpackung. Ein Konzept, mit dem die Zweitakt-Hersteller schon seit Jahren aufgebohrte Viertelliter-Flitzer in handliche Halbliter-Crosser verwandeln - dem aber trotz eines WM-Titels von 380er KTM-Treiber Shayne King 1996 der Durchbruch auf breiter Ebene bis heute versagt blieb. Daß ein stimmiges Konzept allein nicht für WM-Kronen reicht, wissen allerdings auch die Yamaha-Techniker - und krempelten in der Winterpause kräftig die Ärmel hoch. Rahmenheck und Tank aus Kohlefaser, eine den Yamaha-Straßenmodellen nachempfundene Exup-Auslaßsteuerung, Öhlins-Gabel und -Federbein sowie eine manuell einstellbare Zündung päppeln die beiden aktuellen Werksmaschinen im Vergleich zu ihren Vorgängerinnen kräftig auf.Und als ob mit der Zündung auch der Erfolg programmierbar wäre, setzte sich im ersten Lauf wie geplant Yamaha-Attaché Bartolini nach kurzem Geplänkel mit dem Belgier Johan Bonnen, grandios in Szene - neben Vizeweltmeister Darryl King und Bernd Eckenbach dem dritten Mann im Husqvarna-Werksteam. Ohne Wenn und Aber kreiste der 29jährige aus Imola in der stadionartigen Arena vor seinen 15 000 Landsleuten zum höchst beeindruckenden Sieg.Der nicht nur die strammen Auftritte von Darryl King und des letztlich mit gebrochenen Speichen im Vorderrad später ausgefallenen Weltmeisters Joel Smets in den Schatten stellte, sondern auch die seines Markenkollegen Jochen Jasinski. Der 27jährige Hesse, seit Saisonbeginn aus dem sportlichen Schweizer Exil zum Team Kurz, das für den deutschen Yamaha-Importeur die stollenbereifte Facette des Rennsports betreut, gewechselt, feierte in Italiens Norden nämlich einen Halbliter-WM-Einstand nach Maß. Der bekennende Zweitakt-Fan, der mit zwei Yamaha RD 500 und einer Suzuki RGV 250 in der heimischen Garage aus seiner Überzeugung keinen Hehl macht, arrangierte sich mit dem ungewohnten Viertakt-Arbeitsprinzip prächtig. Nach mäßigem Start jubelte der hochaufgeschossene Profi die Yamaha im gefühlvollen und flüssigen Stil auf den mehr als respektablen sechsten Platz. Wobei der Sohn eines Erdbau-Unternehmers sich letztlich doch nicht ganz auf Standard-Material verlassen mußte. Abgesehen von den beiden Werksfahrern, durfte sich Herr Jasinski als einziger Yamaha-Pilot des WM-Feldes über den erst kurz zuvor eingetroffenen Racing-Kit freuen. Auch wenn ein modifizierter Zylinderkopf mit Titan-Ventilen, einer anders gewuchteten Kurbelwelle, die den Ausbau der vibrationsmindernden Ausgleichswelle kompensieren soll, eine Werks-Zündung, eine leistungsfähigere Wasserpumpe, ein Titan-Auspuff und ein Kohlefaser-Schalldämpfer das Sportbudget seines Dienstherren eben mal um eine fünfstellige Summe erleichterte.Weniger erleichtert zeigte sich der frischgebackene Husqvarna-Werksfahrer Bernd Eckenbach. Der 27jährige Schwabe, dessen Indoor-Cross-Erfahrung eigentlich auf die mit nicht weniger als 15 Sprüngen pro Runde Supercross-ähnlich angelegte Piste hätte passen müssen, fand nach einem Dreher in der allerersten Runde nicht mehr zu seinem Rhythmus. Nur durch den seinen Kampfeswillen wuchtete Eckenbach den italienischen Boliden letztlich noch vom fast letzten auf den zwölften Platz nach vorn.Besser ging´s im zweiten Heat. Vom Start weg hielt sich der durchtrainierte Athlet im Vorderfeld und beendete seine WM-Premiere auf dem Viertakter letztlich auf Rang sieben. Um eine Wiederholung seines famosen Auftritts im ersten Heat brachte Jochen Jasinski ein völlig verpatzter Start. Von weit, weit hinten drosch der Hesse seinen kleinen Viertakter immerhin noch auf Rang zehn, der ihm letztlich reichte, sich im Reigen der arrivierten Halbliter-Crosser mit dem vorläufig achten Gesamtrang eindrucksvoll zu empfehlen.Derweil ganz vorn der vor Ehrgeiz bebende Joel Smets, der nach seinem technischen Faux-pas im ersten Rennen an der Konkurrenz süße Rache nahm. Mit seinem typischen, etwas ungelenken Fahrstil und einer ungeheuren körperlichen Kondition setzte er sich jedoch erst gegen Rennende endgültig vom Rest der Cross-Welt ab. Zu diesem Rest zählte in diesem Fall auch der Dominator des ersten Laufs, Andrea Bartolini. Der Azzurri, der schon auf seiner Siegesfahrt im ersten Lauf mit der Kupplung Probleme gehabt hatte, haderte beim zweiten Auftritt wiederum mit der Kraftübertragung und begnügte sich letztlich lieber mit dem vierten Rang, als das Risiko eines Totalausfalls einzugehen. Wenigstens holte Markenkollege Peter Johansson die Kastanien aus dem Feuer und brillierte mit der 400er auf Platz zwei. Womit Ex-Weltmeister und KTM-Aushängeschild Shayne King an diesem Wochenende schon vollauf zufrieden gewesen wäre. Der 27jährige Neuseeländer, der den WM-Titel mit aller Macht zurückerobern möchte, mußte im ersten Heat mit locker gewordenen Lenkeraufnahmen zurückstecken, im zweiten Umgang hinderten den stämmigen Werkspiloten taube Finger in der rechten Hand an größeren Taten als Rang elf. Und so war es wenigstens der 15 Monate ältere Bruder Darryl, der die gerade in Italien so wichtige Familienehre für den Kingschen Clan rettete. Der hagere Kämpfer wuchtete die Husky fast unauffällig, aber um so rasanter auf die Ränge zwei und sechs und schuf sich dadurch eine gute Startrampe für anstehende Großtaten - um es Herrn Heinonen samt Gefolgschaft wiederum mit dem Gewinnen nun doch nicht so einfach zu machen.

Artikel teilen

Aktuelle Gebrauchtangebote