500-cm³-Moto Cross-WM in Namur/Belgien (Archivversion) Wilde Gabe

Joel Smets wußte nicht so recht, ob er lachen oder weinen sollte: »Bitte schreibt nicht, daß die 500er Klasse von Stefan Everts gedemütigt wurde. Erwähnt, daß er dies auch mit seinen Kollegen bei den 250ern macht. Dies war weder der Beweis der Stärke der Viertelliterklasse noch ein Beleg für eine schwache Halbliter-WM, sondern einfach die Demonstration der persönlichen Fähigkeiten von Stefan«, nutze der rotblonde zweifache Weltmeister die Pressekonferenz nach dem 500-cm³-GP im belgischen Namur zum Plädoyer für seine Arbeitskollegen. Doch so sehr sich der 28jährige Flame auch in Sachen Schadensbegrenzung bemühte, die bittere Enttäuschung war ihm unübersehbar ins hagere Gesicht geschrieben.Denn es hätte alles so schön sein können, im Monaco des Moto Cross-Sports. Denn ähnlich der Formel-1-Piste im Millionärsexil an der Côte d´Azur liegt auch über dem Terrain in der Ardennen-Stadt ein außergewöhnlich urbanes Flair. Nach dem Start auf der Festung hoch oben über der Maas windet sich die Runde zwischen den uralten Bäumen des Stadtparks zwei Kilometer hinab zur Stadt, um - durchsetzt mit Kopfsteinpflasterpassagen, Asphaltstücken und betonierten Anstiegen - im mächtigen Sprung wieder auf dem Exerzierplatz, der sogenannten Esplanade, zu enden.Doch eben nicht nur für Halbliter-WM-Leader Smets eine perfekte Bühne, um sich in diesem Sport in Szene zu setzen. Ausgerechnet Stefan Everts, seines Zeichens immerhin einmal 125er Weltmeister und stattliche dreimal 250er Champion, ließ sich von der Neuerung des Regelwerks in der Moto Cross-WM inspirieren. Während die Cracks sich sonst nämlich klipp und klar für eine WM-Klasse entscheiden müssen, darf pro GP ein lokaler Fahrer mit einer Wild card am Rennen teilnehmen - unabhängig davon, in welcher Kategorie er normalerweise startet. Aber niemand hatte geahnt, wie kräftig der 24jährige aus Bree, ungefähr 50 Kilometer nordwestlich von Aachen gelegen, der arrivierten Halbliter-Führungsschicht mit zwei Laufsiegen die Party in Namur verderben sollte.Obwohl der Sohn des vierfachen Ex-Weltmeisters Harry Everts, entgegen allen Gerüchten weder mit einer abgasgereinigten Experimental-Zweitaktmaschine noch mit dem von den Fans heiß ersehnten Honda-Cross-Viertakter antrat. Eine vergleichsweise hundsgewöhnliche Viertelliter-Honda, in deren Alu-Brückenrahmen die Mechaniker den Motor der mittlerweile antiquierten Halbliter-Zweitakt-Honda implantierten, genügte, um die 500er Szene in Grund und Boden zu stampfen. Je wilder der Rest der Moto Cross-Welt in den beiden Läufen ihre 600er Husabergs, 630er Husqvarnas, 380er KTMs oder 400er Yamahas mit Todesverachtung durch den Baumslalom wuchteten, desto leichter schien Stefan Everts zu seinem nahezu künstlerischen Fahrstil zu finden. Wie von einem alles glättenden Luftkissen getragen, entschwebte der Lokalheld der rauhen Crosser-Welt in beiden Läufen so weit, daß er sich im zweiten Heat in der letzten Runde bei gelegentlichen Stopps sogar von den Fans per Handschlag gratulieren lassen konnte - und letztlich immer noch mit 15 Sekunden Vorsprung siegte.Insofern konnte sich kaum mehr einer des düpierten 500er Felds so richtig über seine Resultate freuen. Weder Joel Smets, der sich mit Rang sechs und zwei trotz allem seinem dritten Halbliter-WM-Titel näherte, noch Darryll King, der als Smets´ härtester Verfolger besagtes sportliches Ziel auch nach den Positionen fünf und drei noch nicht völlig abschreiben muß. Und erst recht nicht Andrea Bartolini. Der Italiener, der der 400er Werks-Yamaha in diesem Jahr endgültig zum WM-Titel verhelfen sollte, überschlug sich im zweiten Lauf gerade am Sprung auf die Esplanade böse und kann froh sein, wenn seine gebrochene Hüfte die Fortsetzung seiner Karriere erlaubt.Sein erster Besucher dürfte im Hospital von Namur übrigens Bernd Eckenbach gewesen sein. Der 27jährige Schwabe schlägt sich im ersten Jahr seines Husqvarna-Werksvertrags blendend, rangierte vor dem belgischen GP auf Position fünf der WM und hätte mit knappen fünf Punkten Abstand auf Bartolinis Teamkollege, den Schweden Peter Johansson, sogar noch Aussichten auf Position vier gehabt. Doch nach Platz sieben im ersten Lauf prügelte ein gewaltiger Highsider an einer der schnellsten Auffahrten der Piste den Modellathleten auf den steinigen wallonischen Boden. Im Gefolge Bartolinis stellte der Röntgenarzt allerdings Gott sei Dank nur schwere Prellungen fest - und sorgte damit dafür, daß nach dem Schock des Sturzes wenigstens ein Halbliterfahrer die Zitadelle von Namur etwas glücklicher verlassen konnte.

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