500-cm³-Moto Cross-WM (Archivversion) DONNER UND DORIA–––––

Spätestens der erste WM-Sieg von Andrea Bartolini (großes Foto) auf der 400er Viertakt-Werks-Yamaha beweist: Die Halbliter-Moto Cross-WM ist technisch so interessant wie selten zuvor.

Eine Gruppe Yamaha-Fans tanzt ausgelassen vor dem Transporter von Andrea Bartolini. Schon bei der zweiten Veranstaltung zur Halbliter-WM im italienischen Castiglione del Lago hat der Italiener die Sensation des Jahres 1997 geschafft: Mit einer der spektakulärsten Neuerscheinungen in der Moto Cross-Szenerie der letzten Jahre, der Werks-Yamaha YZM 400 F, hatte der 28jährige im ersten Lauf die gesamte 500er Prominenz stehen lassen. Was letztlich den Beweis für ein gelungenes neues Konzept in der größten WM-Solo-Klasse bedeutete. Mit wassergekühltem 400-cm³-Viertaktmotor mit 57 PS bei irrwitzigen 13 000 Umdrehungen, einem fast unveränderten Fahrwerk des Viertelliter-Zweitakt-Crossers von Yamaha samt unverschämt niedrigem Gesamtgewicht von 102 Kilogramm flitzte das neue Wiesel flink zwischen den behäbigen Bären hindurch.Und so weiß der Mann aus Imola, daß die Loyalität der Fans nicht unbedingt nur ihm selbst, sondern vor allem auch seinem Untersatz gilt. Nur die Yamaha hat ihn zu einem der ihren gemacht. Dennoch ist diese Sympathie ihm sicher. In guten wie in schlechten Zeiten.Denn spätestens seit dem besagten Einstieg von Yamaha polarisieren sich die Fans im Streit ums Prinzip. Zweitakt gegen Viertakt heißt die Weltanschauung, die von sage und schreibe sieben Herstellern in allen Facetten verfochten wird: hubraumschwache Viertakter gegen 600er Ballermänner, agile 360er Zweitakter gegen bärenstarke Halbliter-Zweitakt-Boliden.Wobei es trotz aller Technik immer noch auf die Besatzung ankommt. Und in dieser Beziehung hat KTM das große Halbliter-Los gezogen. Keinen Besseren hätten die Österreicher für ihr wagemutiges Projekt finden können als Shayne King. Ein Mann wie ein Baum und konditionsstark genug, die knapp 60 PS aus dem nervösen 360-cm³-Zweitakter über eine WM-Distanz von 45 Minuten auf den Boden zu bringen. Und zwar so effektiv, daß der 25jährige Neuseeländer dem österreichischen Werk damit im letzten Jahr den 500er WM-Titel schenkte.Wobei die 360er vor zwei Jahren eher unter wirtschaftlichen als sportlichen Aspekten das Licht der Welt erblickte. Wegen der verschwindend geringen Nachfrage nach vollwertigen Halbliter-Zweitaktern und der nur mäßigen Moto Cross-Tauglichkeit der hauseigenen Einzylinder-Viertakter LC4 setzten die KTM-Mannen ihrer 250er einfach einen aufgebohrten Zylinder auf, spendierten etwas mehr Kolbenhub - und schwupp dient der Viertellitermotor mit 354 cm³ seither höchst erfolgreich im Nebenjob als Halbliter-Bolide. Die Vorteile der KTM à la Shayne King: federleichtes, modernes Handling und konkurrenzfähige Leistung. Ihre Probleme: ein nervöses Viertelliter-Fahrwerk und spitze Motorcharakteristik, was sich nur mit viel Kondition und Routine bändigen läßt. Ein erlauchter Kreis wie der österreichische Werksfahrer Rupert Walkner oder sein britischer Kollege Kurt Nicoll darf sogar das sogenannte PDS-Federbein, das eine progressive Federung ohne die bislang übliche Umlenkhebelei ermöglicht, einsetzen. Der Rest und Shayne King selbst, der noch dem herkömmlichen System vertraut, muß bis zur Serien-Version in den 1998er KTM warten. Dennoch sitzt mittlerweile fast ein Drittel der WM-Fahrer auf den agilen Alpen-Crossern.Und weil sogar noch mehr Halbliter-Piloten große Motoren im kleinen Fahrgestell gut finden, sprießen interessante Eigen-Konstruktionen. Der Belgier Jean-Marc Gaillard, ein eher durchschnittlicher WM-Crack, zwängt seit neuestem einen 351 cm³ großen Zylinder des amerikanischen Kolbenspezialisten Wiseco zwischen Motorgehäuse und Alu-Rahmen der 1997er Viertelliter-Honda. Seitdem zerrt der aufgeblasene Winzling mit 57 statt den serienmäßigen 52 PS Spitzenleistung und einem spürbar breiteren nutzbaren Drehzahlband an der Kette. Genausoviel übrigens wie die mit einem aufgebohrten Serienzylinder auf 353 Kubik aufgepeppte Kawasaki des belgischen Evergreens Thierry Godfroid, der dadurch ebenfalls die Vorteile des modernen Brückenrahmens der KX 250 im Halbliterfeld nutzen möchte. Ein Gedanke, der naheliegt. Denn trotz ihrer Verbreitung im WM-Feld hat sich im Lauf der letzten zehn Jahre an den beiden einzigen vollwertigen Halbliter-Zweitakt-Crossern, der Honda CR 500 und der Kawasaki KX 500, in Sachen Weiterentwicklung nicht allzuviel getan. Während sich die etwa 60 PS starke Honda mit einer schmalen Tank-Sitzbank-Linie relativ modern zeigt, stört am grünen Renner vor allem das antiquierte, wenig ergonomische Plastikkleid. Grund genug, für Deutschlands besten Kawasaki-Fahrer Bernd Eckenbach, der KX 500 das schmale Heckteil, Sitzbank und Seitenverkleidung der 250er zu spendieren, was freilich einen selbstgebauten Tank erfordert. Dafür besitzt die Kawa als einzige 500er Zweitakter eine Auslaßsteuerung am Zylinder, welche der KX zusätzlichen Druck im unteren Drehzahlbereich verleiht. Doch KX 500 hin, KTM 360 her, den eigentlichen Kick verdankt die große WM-Kategorie den Viertaktern. Genauer gesagt Husqvarna. Denn mit der Italienerin unterbrach der Belgier Jacky Martens 1993 die fast dreißigjährige Erfolgsserie der Zweitakter in der Halbliter-WM. Mit 610 cm³ - Viertakter können sich in der 500er WM bis zu 650 cm³ Hubraum erlauben - donnert der 33jährige Flame bis heute in der WM-Spitze mit. Wobei die Technik der Husky schon fast zu einfach ist, um wahr zu sein. Auf ein Zweitakt-Unterteil setzen die Techniker aus Varese einen Viertakt-Zylinder. Die Schmierung des Zylinderkopfs überlassen sie dem Schleuderöl, das die Steuerkette eher zufällig mit nach oben fördert.Bereits zwei Jahre später schmückte der Belgier Joel Smets einen weiteren Viertakter, die Husaberg, mit WM-Lorbeer. Quasi aus den Überresten des vormals schwedischen Husqvarna-Werks entstanden, werkeln die Nordmänner bis heute an den gelben Viertakt-Rennern. Das technische Prinzip ist zwar dem der Husqvarna ähnlich, die einzelnen Bauteile sind aber kleiner und leichter dimensioniert. In der Tat rangiert die 600er mit Dreiganggetriebe und 109 Kilogramm auf dem Gewichtsniveau der Zweitakter.Gewissermaßen die Verlängerung der Entwicklungsachse Husqvarna-Husaberg stellt die Vertemati dar. Als ehemalige italienische Husaberg-Importeure modellierten die Brüder Alvaro und Guido Vertemati ursprünglich aus Husaberg-Teilen den nach ihnen benannten 600-cm³-Viertakter. Heute stellt die Vertemati, die der amerikanische Ex-250er Weltmeister Trampas Parker derzeit reiten darf, eine eigenständige Konstruktion mit Pfiff dar. Ein Rahmen, dessen Oberrohr und Unterzüge verschraubt statt verschweißt sind, erlaubt eine Änderung der Fahrwerks-Geometrie in Minutenschnelle. Der Motor leistet sich einen aufwendigen Nockenwellenantrieb über Stirnräder. Und schon allein wegen der filigranen, aus dem Vollen gefrästen Schwinge geraten Techniker ins Schwärmen.Doch trotz aller Freaks um Husaberg, Husqvarna und Vertemati, die neugierigste Fangemeinde schuf sich eben Yamaha mit der neuen Winz-Viertakter. Und selbst wenn Herr Bartolini mal weiter hinten landen sollte, darf er sich seiner Yamaha-Fangemeinde sicher sein. Denn ein Halbliter-Enthusiast hält zur Marke - in guten wie in schlechten Zeiten.

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