500-cm3-Moto Cross-WM in Gaildorf (Archivversion) King Size

Shayne King machte seinem Namen als neuer 500er Cross-Weltmeister alle Ehre. Aber auch zwei deutsche Fahrer konnten sich in Gaildorf wie Könige fühlen.

Dietmar Lacher klang vor dem Finale der 500er Moto Cross-WM im schwäbischen Gaildorf geradezu euphorisch. »Drei deutsche Fahrer können hier einen Lauf gewinnen. Das hat es seit den Zeiten von Adolf Weil, Willy Bauer und Hans Maisch vor rund 20 Jahren nicht mehr gegeben«, beschrieb der Honda-Fahrer aus Südbaden das gegenwärtige Hoch der heimischen Cracks in der hubraumstärksten WM-Kategorie. Zu den siegverdächtigen Kandidaten zählte der vor dem Finale auf dem sicheren vierten Platz rangierende Lacher neben sich selbst noch Kawasaki-Pilot Bernd Eckenbach, der jüngst in Reil bewiesen hatte, daß er in der Halbliterklasse ganz oben aufs Treppchen fahren kann. Der dritte im Bunde war hingegen ein prominenter, auf deutschen Cross-Pisten inzwischen rar gewordener Gast. Pit Beirer, der die gerade beendete 250er WM mit Rang sieben abgeschlossen hat und auf Wunsch seines Schweizer Teams die eidgenössische Meisterschaft der Inter-DM vorzieht, startete beim Gaildorfer 500er Grand Prix mit einer Wild Card. Das mit Zwei- und Viertaktmaschinen bunt gemischte Feld war im ersten Lauf gerade die Startgerade hochgesprintet, da bekamen die deutschen Hoffnungen allerdings schon einen herben Dämpfer. Bernd Eckenbach stürzte in der ersten Kurve, wurde im Getümmel angefahren und humpelte mit angeschlagenem Knie vorzeitig ins Fahrerlager zurück. Dietmar Lacher, ohnehin schlecht vom Start weggekommen, mußte wegen des Crashs von Eckenbach stoppen. Neben dem Feld sah er auch seine letzte Chance entschwinden, sich in Gaildorf doch noch auf den dritten WM-Platz zu verbessern - bei 17 Punkten Rückstand auf Husqvarna-Werksfahrer Peter Johansson ohnehin ein sehr schwieriges Unterfangen. Was Lacher nach dem unfreiwilligen Halt zeigte, verdient aber höchsten Respekt. Von weit hinten kämpfte er sich mit seiner Zweitakt-Honda noch auf Platz sechs vor, begleitet vom Szenenapplaus der 10 000 Fans. Die hatten im ersten Lauf sogar doppelten Grund zum Jubel. An der Spitze fuhr seit der Halbzeit des Rennens nämlich Stargast Pit Beirer mit seiner Honda und gab den Platz an der Sonne bis zur Zielflagge nicht mehr ab. Um knapp sieben Sekunden distanzierte der Wild Card-Fahrer den Belgier Joel Smets, der mit seiner Viertakt-Husaberg tapfer um seine letzte kleine Chance zur erfolgreichen Titelverteidigung kämpfte. Der zweite Platz war letzltich aber zuwenig, denn die Weltmeisterschaft ging in diesem Jahr wieder an einen Zweitakt-Piloten: Shayne King auf der 360er Werks-KTM genügte im ersten Lauf von Gaildorf schon ein fünfter Platz, um alles klar zu machen. Damit hatte der selbstbewußte und nervenstarke Neuseeländer das Ziel erreicht, das er sich gesteckt hatte, als er vor vier Jahren als bettelarmer Privatfahrer nach Europa gekommen war - mit einem in Einzelteilen zerlegten, in zwei Koffern verpackten Motorrad und einem Mechaniker als Begleitung. Aus dem Improvisationskünstler von einst ist ein Champion geworden, der in Gaildorf nicht nur seinen deutschen Teamchef Johannes Goertz, sondern auch die komplett anwesende Führungsriege des KTM-Werks happy machte. Eine bessere Werbung für KTM-Aktien, die ab November in den Börsenhandel kommen, konnten sich die Herren kaum vorstellen. Während der neue Weltmeister unentwegt Glückwünsche entgegennahm und bei KTM die Sektkorken knallten, lag Bernd Eckenbach mit dick geschwollenem, eisbepacktem Knie in seinem Wohnmobil. Kann er den zweiten Heat fahren oder nicht, lautete die Frage. Er konnte - und wie. Zur Rennmitte hatte sich der bis dahin führende Shayne King kurz hingelegt, was Eckenbach, der von Beginn an hinter dem neuen Champion lauerte, die Chance zum Laufsieg eröffnete. Der 25jährige Schwabe nutzte sie mit seiner Kawasaki konsequent. Er gewann locker vor Peter Johansson, Shayne Kings Bruder Darryll und Dietmar Lacher. So frohgemut Didi in das Gaildorfer Wochenende gegangen war, so traurig klang es trotz der guten Leistungen und der besten WM-Endplazierung seiner Karriere aus. Nach dem zweiten Heat lag der 30jährige Cross-Profi schmerzgekrümmt wie ein Häufchen Elend am Boden, weil er wieder Probleme mit seinem Magen bekommen hatte. Offenbar ist die Entzündung der Magenschleimhaut, die ihn seit dem Irland-Grand Prix Ende Juli plagt, immer noch nicht überwunden. Und wo war Pit Beirer geblieben? Wie Bernd Eckenbach im ersten hatte Beirer im zweiten Lauf früh Feierabend. Ein Sturz im Startgerangel, als Folge davon ein herausgerissener Gaszug und ein verbogener Bremsgriff - Ende der Vorstellung schon nach wenigen Metern. Ob die deutschen Fans ihren Helden künftig wieder öfters auf heimischen Pisten bewundern können? Durchaus möglich, denn Burkard Sarholz, engagierter Honda-Händler und -Teamchef, möchte Pit Beirer für die 250er WM und die Inter-DM gern in seine Mannschaft holen. Und was tut sich in der internationalen Halbliter-Szene? Weltmeister Shayne King hat für zwei weitere Jahre bei KTM unterschrieben, wird 1997 seinen 500er Titel verteidigen und 1998 zu den 250ern wechseln. Vize Joel Smets verlängerte für denselben Zeitraum bei Husaberg. Der WM-Dritte Peter Johansson wechselt zu Yamaha, das eine handliche Viertaktmaschine mit knapp 400 cm³ Hubraum entwickelt. Honda, so war in Gaildorf zu hören, will 1998 auch einen Viertaktrenner präsentieren. Die 500er WM, vor Jahren bereits totgesagt, erfreut sich bester Gesundheit.

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