53. Bonneville Speed Week (Archivversion) Das Salzfieber

Einem inneren Zwang folgend, pilgern hunderte von Rekordfahrern jährlich zum Bonneville Salt Flats, einem ausgetrockneten Salzsee im US-Bundesstaat Utah. Ihr einziges Ziel: einen neuen Speed Record in das Salz zu brennen.

Die Rekordfahrer nennen ihn »Floating Island«. Schwerelos scheint der riesige Felskoloss über dem Salz zu schweben, ohne Verbindung zur Erde. Eine optische Täuschung, eine Luftspiegelung. Die ganze Gegend scheint unwirklich. Ein riesige weiße Fläche, die wie eine Schneewüste aussieht, wäre da nicht die brutale Hitze. 42 Grad Celsius im Schatten misst das Thermometer am Mittag des 14. August. Aber es ist nirgends Schatten. Dafür Salz, überall Salz. Die Oberfläche des ausgetrockneten Sees am Fuße der Newfoundland-Berge ist potteben, so eben, dass man die Krümmung der Erde am Horizont sehen kann. Dies und die Tatsache, dass sich die nur wenige Zentimeter dicke Salzschicht über die Jahrtausende zu einer knochenharten Fläche verdichtet hat, machen den Bonneville Salt Flats zu einem idealen Terrain für die so genannten Land Speed Racer. Menschen, die der Geschwindigkeitsrausch gepackt hat, die, einmal von ihm in Besitz genommen, immer wieder herkommen, um Rekordfahrten zu wagen. Die amerikanische Autorin Louise Ann Noeth, Chronistin der Bonneville Speedweek, die sich 2001 zum 53. Mal jährt, philosophiert: »Speed ist einfach, ist komplex. Es ist Kraft, aber in der Kraft steckt zugleich ein Potenzial an Gewalttätigkeit(...). Wenn man Speed von seinen gewalttätigen Anteilen trennt - zwischen dem kontrollierten Zustand und dem außer Kontrolle geratenen -, bleibt ein delikater, fein austarierter Gleichgewichtszustand.« Bei der Fahrt durch das sich über mehrere Kilometer auf dem Salz ausdehnende Fahrerlager trifft man auf Rennfahrer, die sich mit Strohhüten, Tropenhelmen und weißen T-Shirts gegen die Sonneneinstrahlung wappnen. Sie scheinen sich keine besonderen Gedanken über Sinn und Zweck ihres Tuns zu machen. Mit großer Ernsthaftigkeit schrauben sie an den Rennvehikeln, ab und an sich den Schweiß von der Stirn wischend und ständig aus kleinen Thermosbechern zuckerhaltige Limonaden trinkend. Die Herren sind meist jenseits der 50, viele weit über 60. Manche kommen seit 30 Jahren und länger zur Bonneville Speed Week. Shelly ist eine Ausnahme. »Ich wollte es einfach mal versuchen. Das Gefühl der Geschwindigkeit, ich liebe es«, jauchzt die 22-jährige, als sie ihren ersten Ritt auf dem Gold-Wing-Ungetüm tadellos absolviert hat. Das Gefährt, eine Art Dragster mit ellenlangem Radstand und per Turbo aufgeladenem Honda-Sechszylinder-GL-1500-Triebwerk hat ein langjähriger Speedracer und Rekordhalter gebaut: Kenny Lyon, im Hauptberuf Elektroingenieur bei der Post in Kalifornien. Seine Visitenkarte weist ihn als »Live Member 200 MPH Club« aus. Nur sehr wenige Motorradfahrer haben die Aufnahme in den Club der Superschnellen geschafft. Kenny gelang es mit seinem Streamliner Projekt Gold Wing (373,99 km/h). Der Postler bietet seine Mitarbeit beim Bau von speziell auf bestimmte Klassen zugeschnittenen Rennfahrzeugen an, in denen bislang noch kein Geschwindigkeitsrekord besteht. Von denen gibt es viele. Denn der Veranstalter, die Bonneville Nationals Incorporated hat über die Jahre ein kompliziertes Regelwerk an Klassen ausgetüftelt, in dem jeder Racer ein geeignetes Plätzchen finden kann. Anders formuliert: Weil die Kombination von verschiedenen Hubräumen mit diversen Rahmenbauarten, Motorkonstruktionen und Arten der Gemischaufbereitung sowie die aerodynamische Gestaltung unzählige Klassen ermöglicht, in die im Extremfall nur ein einziges Fahrzeug fällt, kann fast jeder einen Geschwindigkeitsrekord fahren.Obwohl sich die Land Speed Racer als eine große, verrückte Familie begreifen, vereint im Salzfieber, bekleiden die Motorradfahrer doch eine Sonderrolle. Sie gelten als besonders wagemutig, erst recht, seitdem der Fahrer des bislang schnellsten Motorrads der Welt, Dave Campos, zwei spektakuläre Unfälle unbeschadet überstand. Sein Streamliner, so heißen die zigarrenförmigen voll verschalten Spezial-Maschinen, in denen der Fahrer eine fast liegende Position einnimmt, überschlug sich 1978 bei etwa 450 km/h. Dasselbe wiederholte sich 1989 mit der Zigarre namens Easyrider, deren Vorderreifen sich bei etwa 520 km/h aufzulösen begann. Campos erlebte aufregende Minuten, als sich das stromlinienförmige Gefährt auf die Seite legte und mit anfangs fast 500 km/h über das Salz schlitterte. Der Bremsfallschirm beendete die Horrorfahrt, der Pilot stieg abermals unversehrt aus. Für viele Salzsee-Racer sind die hundertausende Dollar teuren Streamliner keine echten Motorräder. Ein Mann wie Wink Eller, der mit seiner mächtigen Figur und dem Rauschebart aussieht wie der Chef von ZZ-Top persönlich, vertraut auf solide Harley-Davidson-Technik im noch solideren flachen Stahrrahmen. Damit ein Rekord dabei rauskommt, schraubte der wohlgenährte Kalifornier ein winziges Seitenwägelchen an seinen knallrot lackierten Dragster. Damit ist er allein in der Klasse SC-PG. Heißt: Sidecar, Pushrod engine, gasoline - benzinbetriebener Motor mit stoßstangengesteuerten Ventilen. 125 PS mit Benzin oder 190 PS mit Nitromethan leistet das skurrile Vehikel. Hämmert aus den schalldämpferlosen Krümmern einen Sound in die Salzwüste, dass sich selbst hartgesottene Bonneville-Speed-Week-Teilnehmer am Start hastig die Ohren zuhalten. 232,13 km/h brennt Wink ins Salz. »Das ist das schnellste Seitenwagenmotorrad der Welt«, glaubt der Harley-Veredler, und seine Frau umarmt ihn überschwänglich vor Freude.Der Salzsee hat seine Tücken. Nicht genug, dass er auf 1285 Meter über Meeresspiegel liegt und somit den Motoren wegen der sauerstoffarmen Luft bis zu 25 Prozent ihrer normalen Leistung fehlt. Mindestens so kräftezehrend wirkt sich die relativ weiche, feuchte Salzschicht aus, die auf der eigentlichen Kruste aufliegt. Der Schlupf am Hinterrad kann daher bei hohen Geschwindigkeiten zehn Prozent und mehr betragen. Manche Bonneville-Rennfahrer begegnen dem mit weichen Slicks, andere ziehen gar Regenrennreifen auf, und das bei 45 Grad. Der Texaner Jon Minonno und sein Mabry-Team kämpfen seit Jahren mit den Unbilden des Salzsees. Am Anfang der Rennwoche war das Salz zu feucht, der Schlupf am Hinterrad zu groß. Später in der Woche triumphierte der Texaner mit einem neuen Rekord: 384,13 km/h rannte seine Triumph. Das Rekordbuch der Southern Californian Timing Association, der offiziellen Zeitnahmeorganisation , weist ihn als Pilot des schnellsten Nicht-Streamliners der Welt aus, dessen zwei gekoppelte alte, luftgekühlte Dreizylinder-Triebwerke es turbogeladen auf über 400 PS bringen sollen. Damit dürfte es den texanischen Speedfreaks leicht fallen, ihrem Team-Motto zu genügen: »Es ist nie zu spät für eine glückliche Kindheit.« 

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