75 Jahre Sachsenring (Archivversion)

Das Fanomen

Wenn die internationalen Motorrad-Stars nach Sachsen kommen, steht die Region um Hohenstein- Ernstthal Kopf – und das seit 75 Jahren. Das Fanomen Sachsenring feiert Geburtstag.

Am Anfang blies ihnen der Gegenwind scharf ins Gesicht, den 20 Motorradfahrern, die sich 1925 im Café Bauhütte versammelten und sich zum ,,Motorradfahrerclub Hohenstein-Ernstthal« zusammenschlossen, mit dem Ziel, auf den Landstraßen in und um ihre Heimatstadt ein Motorradrennen auszurichten. Doch die Akzeptanz bei Bevölkerung und Behörden blieb zunächst sehr verhalten. ,,Dass das Kraftrad und sein Reiter nicht jedermanns Freund ist, können wir nicht leugnen. Der nicht gerade lautlose Gang des Motorrads und seine unheimliche Geschwindigkeit lassen es vielen beinahe als Werkzeug des Bösen erscheinen«, gab Bürgermeister Robert Platz in zeitgenössischem Prosa damals zu bedenken. Das erste Rennen am Himmelfahrtstag genehmigte er dennoch. Und die Begeisterung für das so genannte Badberg-Viereck-Rennen sollte ihm Recht geben. 130 000 Zuschauer versammelten sich trotz Graupelschauern am 26. Mai 1927 rund um die Strecke. Nach dem großen Erfolg richteten die Hohenstein-Ernstthaler schließlich 1928 die sächsischen Clubmeisterschaften aus. Doch auf- grund der vielen Unfälle erzwangen die Behörden in diesem Jahr das vorläufige Ende der Rennsportaktivitäten. Erst in den dreißiger Jahren startete der Mythos Sachsenring endgültig durch. Trauriger Hintergrund: die mittlerweile regierenden Nationalsozialisten nutzten den Motorsport, um für ihre politischen Ziele die Massen zu mobilisieren. Dem Motorradfahrerclub Hohenstein-Ernstthal wurde zwar das Heft aus der Hand genommen, das neue Prädikat entschädigte aber die Fans. Der Große Preis von Deutschland wurde nämlich statt am Nürburgring oder auf der Berliner Avus zum ersten Mal in Sachsen ausgetragen. Die Rennen jener Zeit waren echte Torturen für Mensch und Material. Bei Rundenschnitten, die schon damals um die 110 km/h lagen, mussten Kopfsteinpflasterstrecken, Waldabschnitte sowie extreme Gefälle und Steigungen bewältigt werden. Von Bordsteinkanten, Laternenmasten und Bäumen direkt an der Strecke ganz zu schweigen. Obendrein führte das GP-Rennen über die unglaubliche Distanz von 436 Kilometern. Allein das Ergebnis spricht Bände. Von den 83 gestarteten Maschinen sahen nur 12 die Zielflagge, bei zahlreichen Unfällen fanden drei Fahrer den Tod. Dennoch: Der Aufstieg der Rennstrecke, die 1937 zum Sachsenring umbenannt wurde, ließ sich nicht mehr aufhalten. Zumal der Motorradrennsport in ganz Europa boomte und für die Hersteller eine einzigartige Bühne bot. Neben den deutschen Fabrikaten BMW und NSU sowie den italienischen und englischen Marken erstrahlte zur Freude der Fans auch endlich der Stern des sächsischen Motorradherstellers DKW aus Zschopau. Ewald Kluge brachte 1937 in der 250-cm3-Klasse den ersehnten Siegerpokal für die Einheimischen nach Hause. Doch Triumph und Tragödie liegen besonders im Rennsport eng beieinander. Im selben Jahr verlor die junge Rennstrecke und ihre Zuschauer einen ihrer größten Stars. Der charismatische Norton-Pilot James Guthrie aus Schottland war bereits seit langem ausgemachter Publikumsliebling der Sachsen, als er 1937 im 500-cm3-Rennen kurz vor dem Zielstrich tödlich verunglückte. 1949 wurde Guthrie zu Ehren ein Findlingsstein an der Stelle errichtet, an der er sein Leben ließ. Noch heute, 65 Jahre nach seinem Tod, wird die Gedenkstelle mit frischen Blumen geschmückt. 1939 sahen die Zuschauer das vorläufig letzte Rennen auf dem Sachsenring, denn viele der Rennfahrer mussten in den nächsten sechs Jahren den Sturzhelm gegen einen Stahlhelm eintauschen. 1949 war es wieder ein zunächst kleiner Kreis von Motorsportfreunden, der gegen alle Widerstände der Nachkriegszeit ein Rennen auf dem Sachsenring zu organisieren versuchte. Benzin war in der sowjetischen Besatzungszone rationiert, doch als es gelang, den örtlichen Kulturbund von der Idee des Rennsports als Völkerverständigung zu überzeugen, stand einer Neuauflage der Veranstaltung nichts mehr im Wege. Ostdeutsche und westdeutsche Fahrer starteten gemeinsam zu einer gesamtdeutschen Wertung. Die internationalen Größen kehrten aber erst Ende der fünfziger Jahre zurück. In dieser Zeit zeichnete sich bereits ab, dass auch DKW - mittlerweile in MZ umbenannt - wieder ein gewichtiges Wörtchen im Straßenrennsport mitreden würde. 1957 fuhr Ernst Degner unter der Regie des legendären MZ-Rennleiters Walter Kaaden den ersten Sieg für die Zschopauer im 125-cm³-Rennen nach Hause. Bereits 1958 sprang für den Chemnitzer Horst Fügner der Vize-Weltmeistertitel in der 250er-Klasse heraus. 1959 dominierten die Sachsen die 125er- und 250er-Klasse mit Dreifachsiegen. Strahlender Höhepunkt der MZ-Siegesgeschichte auf dem Sachsenring war schließlich 1963 der legendäre Doppelsieg von Mike Hailwood und Alan Shepherd auf MZ in der 250-cm³-Klasse vor dem Rhodesier Jim Redman auf Honda. Fast eine Stunde dauerte die Ehrenrunde, so begeistert wurde das Trio gefeiert. Bis 1972 sollte die Ära der WM-Läufe auf dem damals 8,614 Kilometer langen Sachsenring andauern. Einer der Auslöser für das Ende der internationalen Bedeutung war 1971 der Sieg des Schwaben Dieter Braun auf Yamaha im 250er-Grand-Prix. Als Zehntausende bei der Siegerehrung die westdeutsche Nationalhymne anstimmten, reagierte die brüskierte politische Führung verschnupft und strich den Motorrad-Grand-Prix zwei Jahre später aus dem DDR-Sportterminkalender. Doch trotz des Verlustes der internationalen Elite lieferten sich weiterhin Rennfahrer aus den sozialistischen Staaten und der DDR packende Rennen auf dem Ring. Und die Fans hielten der Strecke durch alle Höhen und Tiefen die Treue. Selten sanken die Zuschauerzahlen unter 100 000 ab. 1990 schließlich kam das Ende des alten Sachsenrings. Das Motorradrennen hatte drei Tote gefordert und bewiesen, dass der alte Straßenkurs nicht mehr den modernen Sicherheitsansprüchen genügte. 1996 folgte die Einweihung des neuen, rund 3,5 Kilometer langen Sachsenrings, auf dem seit 1998 wieder der deutsche Grand Prix ausgetragen wird. Vor stets proppenvoll gefüllten Zuschauerrängen – so wie seit 75 Jahren.
Anzeige

Artikel teilen

Anzeige

Aktuelle Gebrauchtangebote