95. Geburtstag Paul Pietsch (Archivversion) Rad und Tat

MOTORRAD war billig zu
haben. Für ein paar Tausend Mark. Ein VW hätte anno
1949 mehr gekostet. Also hat Paul Pietsch zuge-
schlagen. Und dem Blatt
die Stange gehalten,
auch in schwierigen Zeiten.
Denn auf dem Motorrad
fing schließlich seine
Karriere an.

Muttern hatte was dagegen. Spätestens, als ihr Filius im Schwarzwald nicht die richtige Linie, dafür aber einen Baum fand, der partout nicht ausweichen wollte. Also musste Paul Pietsch ausweichen, vom Motorrad aufs Auto. Gewünscht hatte er sich einen BMW 315, doch der war Mutter Amalie zu schnell. So hat Paul Pietsch sich mit einem DKW PS 600 begnügen müssen. Denn der PS 600 hatte nicht 600, sondern zunächst nur 15 PS unter der wohlgeformten Haube. Nun hatte zwar das Veto der Mutter Pietschs Rennfahrerkarriere auf zwei Rädern
beendet. Sein besonderes Interesse und die Begeisterung fürs Motorrad indes konnte sie nicht einbremsen. »Das Klischee von der Freiheit auf dem Motorrad ist kein Klischee. Es ist Realität.«
Auch für den Verleger Pietsch sind das nicht nur Phrasen.
Es ist Überzeugung, und an der hält er fest. Als zu Beginn der 60er Jahre zwei Räder aus der Mode kamen und Menschen,
die man heute wohl Controller nennen würde, Pietsch dringend anrieten, dieses unprofitable Objekt abzustoßen, da stieß er nicht MOTORRAD ab, sondern die Rechenmenschen vor den Kopf. Und setzte den eigenen durch. Was gut war. Schließlich gibt die Entwicklung, die MOTORRAD nahm, ihm bis heute Recht.
Seine Lust am Motorrad flammte anfangs der 70er Jahre wieder auf. Da meinte sein Sohn Peter-Paul, der Vater müsse doch unbedingt mal eine moderne Vierzylinder-Honda fahren. Wollte er auch, durfte er aber nicht. Seine Frau hatte was dagegen. Paul Pietsch sagt, er habe sich halt diplomatisch verhalten.
Das hat er drauf. So nämlich, diplomatisch eben, hat er auch die Erfolgsgeschichte von auto motor und sport eingeleitet.
1946 war’s, und das Blatt hieß damals noch schlicht »Das Auto«, da erschien die Erstausgabe mit einem in Blau, Weiß und Rot
gehaltenen Titel. Die französische Besatzungsmacht honorierte
diese Honneurs – Pietsch startete seine verlegerische Karriere in
Freiburg zunächst nur aus dem Grund, seine Rennfahrerkarriere
finanzieren zu können. Die hatte 1932 begonnen, auf einem
gebrauchten Bugatti. Den hat ihm Ettore, der Firmengründer, höchstpersönlich verkauft. Paul Pietsch, der Renn-Novize, fuhr meist ganz vorne mit, was nicht nur die Konkurrenz, darunter so illustre Namen wie Rudolf Caracciola, Manfred von Brauchitsch oder Bernd Rosemeyer, erstaunte. Angebote, werksunterstützt seine Kreise zu drehen, kamen darob von Mercedes und Auto Union. Kollege Hans Stuck riet ihm zum Sechzehnzylinder aus Sachsen, dem damals stärksten Rennwagen mit 375 PS. Heute gefragt, was er in seinem Leben hätte anders machen sollen,
weiß Pietsch nicht viel zu erzählen. Außer: »Ich habe zwei Fehler
in meinem Rennfahrerleben gemacht. Erstens: Ich bin zur Auto Union gegangen. Zweitens: Ich bin nicht zu Mercedes gegangen.« Pietsch war bislang Autos mit Frontmotoren gefahren, der Mittelmotor des Auto Union hat ihm nie so richtig gepasst. »Ich fühlte nicht, wie dieses Auto reagierte, und wenn ich’s fühlte, war es längst zu spät.«
Weil es zu den Prinzipien von Pietsch gehört, nicht das zu tun, worauf man sich nicht versteht und woran man keinen Spaß hat, fuhr er alsdann Maserati, mit großem Erfolg bei großen Preisen, und nach dem Krieg die Renner von Veritas, ein BMW-Derivat. Bis es ihn 1954 auf der Avus verspulte. »Eine ernste Warnung.«
Später, doch das ist nun ja bereits bekannt, kam die Warnung der Gemahlin: Lass die Finger von schnellen Motorrädern.
Statt sie zu fahren, liest er drüber. In MOTORRAD. Pietsch
gehört zu den Verlegern, die noch lesen, was sie verlegen. Weil
es ihn interessiert und weil er wissen will, was er seinen Kunden
vorsetzt. Und wenn ihn mal der Inhalt des einen oder anderen Blattes nicht so sehr reizt – die Motor Presse Stuttgart wurde im Laufe der Jahre zum größten Spezialzeitschriftenverlag Europas –, so vertraue er, sagt Pietsch, seinen Leuten. Schließlich habe er
sie selbst eingestellt. Aus dem aktiven Verlagsgeschäft hat Paul Pietsch sich schon vor Jahren zurückgezogen. Zu MOTORRAD und der Motorradgruppe der Motor Presse unterhält er freilich noch immer eine ganze spezielle Verbindung. Sein Sohn Peter-Paul leitet just diesen Geschäftsbereich.

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