Abgeschmettert (Archivversion)

Abgeschmettert

Tod durch Bitumen - Ermittlungen eingestellt

Am 9. September 1994 meldete der Motorradfahrer Wilhelm Ley der Poizeiinspektion Altenahr in der Eifel einen Beinaheunfall, machte dafür die glatte Oberfläche in einer langgezogenen Kurve der B 257 verantwortlich. Man werde sich darum kümmern, versprach der diensthabende Beamte. Zwei Tage später stürzte Joachim Scheffler, ein routinierter Biker, auf dieser großflächig mit Bitumen verschmierten Stelle, rutschte in die Leitplanken, starb. Kurz danach wiederholte sich die Katastrophe - der zweite Tote. Gerhard Scheffler klagte gegen die verantwortlichen Behörden: Er glaubt fest daran, daß sein Sohn Joachim noch leben könnte. Wenn Polizei und Straßenmeisterei den Unfallschwerpunkt entschärft oder zumindest darauf aufmerksam gemacht hätten. Die Chance dazu hatten sie, meint Scheffler.Hatten sie nicht, befand die Staatsanwaltschaft Koblenz und stellte die Ermittlungen nun schon zum zweiten Mal ein. Der Hinweis des Zeugen Ley spiele keine Rolle, weil er »in das Wachbuch und die parallel geführte Dienstkladde keinen Eingang gefunden« habe. Die Schlamperei des einen, so muß diese Argumentation verstanden werden, entschuldigt die Untätigkeit aller. Nach dem ersten Unfall hatte ein Motorradjournalist die Straßennmeisterei Altenahr aufgefordert, sofort Maßnahmen zu ergreifen. Daß deren Chef nicht reagierte, noch ein zweiter Mensch sterben mußte, tut nichts zur Sache, betont die Staatsanwaltschaft. Schließlich »kam die Mitteilung von einem Informanten, dessen Kompetenz im Bereich der Straßen- und Verkehrssicherheit der fachlichen Qualifikation des Leiters der Straßenmeisterei weder ebenbürtig noch erkennbar überlegen war«. Um die fachliche Qualifikation dieses also entlasteten Beamten wiederum scheint es nicht zum besten zu stehen. Er befand sich in der Schlange, die sich nach dem ersten Todesfall bildete, und stellte beim langsamen Passieren des Unfallorts »keine konkret gefährliche Beschaffenheit« der Fahrbahnqualität fest. Kein Wunder, denn es hatte geregnet, die Straße war naß, und bei diesen Witterungsverhältnissen sind Bitumenflächen nur schwer von normalem Asphalt zu unterscheiden. Hätte der Fachmann eigentlich wissen müssen, außerdem hat man’s ihm gesagt. Was soll’s, fabuliert die Staatsanwaltschaft: »Die Skepsis des Leiters der Straßenmeisterei Altenahr ... erscheint bei der Gesamtschau nachvollziehbar auch in der Konsequenz, nicht schon alleine aufgrund dieser Mitteilung eines Nichtfachmanns Maßnahmen zu ergreifen.« Um diese Skepsis gerichtsrelevant aufzuheben, hätte es schon eines diplomierten Bauingenieurs bedurft. Tiefbau, versteht sich.
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Bitumen-Unfalltod: Staatsanwaltschaft stellt Ermittlungen ein (Archivversion) - Polizei-Studie

Wie die Polizei auf Bitumengefahr reagieren sollte
Polizeikommissar Robert Beautemps hat sich im Rahmen einer Projektarbeit an der Fachhochschule für öffentliche Verwaltung in Köln intensiv mit dem Thema Bitumen und Motorrad auseinandergesetzt: »Die Polizei gehört zu den Einrichtungen des Staates, die den gesetzlichen Auftrag erhalten haben, Gefahren abzuwehren. Eine Bitumenflickstelle mit einem zu niedrigen Reibwert stellt eine solche Gefahr dar... Nach Erkennen der Gefahrenstelle müssen die zuständigen Behörden ... schnell tätig werden ... Es darf nicht erst nach einem wiederholten Unglücksfall eine Überprüfung und Reparatur stattfinden.« Noch Fragen, Herr Staatsanwalt?

Bitumen-Unfalltod: Staatsanwaltschaft stellt Ermittlungen ein (Archivversion) - »Gespür für außerjuristische Realitäten“

Vor dem Gesetz sind manche gleicher. Weil Justitia mitunter nicht blind ist, sondern ein Auge aufschlägt.
Ein Richter am Stuttgarter Amtsgericht verplapperte sich einst ungemein. »Wenn ich Ihnen Recht gebe, klagen die zwei anderen auch. Und das in Zeiten knapper Haushalte.« Zur Verhandlung stand der nicht ganz freiwillige Niedergang gleich dreier BMW-Fahrer auf nassem Bitumen. Schadenersatz, Schmerzensgeld? Fehlanzeige. Mag ja sein, daß Justitia auf beiden Augen blind ist, ein gewisses Gespür für außerjuristische Realitäten ist ihr nicht abzusprechen. So auch im Fall der beiden tödlich verunglückten Motorradfahrer auf der B 257, als sich die Staatsanwaltschaft Koblenz bequemte, keine Anklage zu erheben. Wie unverständlich diese Entscheidung ist, zeigt eine andere Unfallserie. Auf einer Baustelle wies ein Arbeiter auf verrutschte Planken im Gerüst hin. Ein Polier nahm’s zu Kenntnis, versäumte es jedoch, seine Kollegen zu informieren. Zwei Tage später stürzte ein Monteur von der Stahlkonstruktion. »Eigenverschulden«, verlautbarte die Bauleitung. »Spüren Sie denn nicht, wie das Ding wackelt?« mischte sich ein Außenstehender ein. »Sind Sie vom Bau oder wir?« konterten die Profis. Reagieren erst, als wenig später ein zweiter Arbeiter vom Gerüst fiel. Jede Wette, daß hier sogar die Staatsanwaltschaft Koblenz das Risiko der Anklage gewagt hätte. Obwohl dieser (erfundene) Vorfall dem Bitumen-Skandal in der Eifel verdächtig ähnlich ist. Mit einem kleinen, verdächtig außerjuristischen Unterschied: Den Staatsanwälten wäre bei den Untersuchungen gegen die Baufirma die Peinlichkeit erspart worden, gegen Kollegen zu ermitteln. Gegen Polizisten, zu deren Job es gehört, der Anklagebehörde zuzuarbeiten.

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