Acht-Stunden-Rennen Suzuka (Archivversion) Aufwärm-Stunden

Bei 35 Grad im Schatten und 70 Prozent Luftfeuchtigkeit ist die kleinste Bewegung eine zuviel. Unter solch barbarischen Bedingungen steigt jährlich mit einem riesen Aufgebot an Top-Stars das bedeutendste japanische Rennen.

Die Bedingungen beim Acht-Stunden-Rennen von Suzuka werden immer härter. Die japanischen Werke hatten diesmal noch mehr und noch bessere Fahrer verpflichtet als die Jahre zuvor. Und es machte ganz den Anschein, als würde die Sonne noch erbarmungsloser brennen als in den vorangegangenen Rennen.Nach zwei Siegen in Folge wollte Honda den Hattrick schaffen. Deshalb traten gleich vier Werksteams auf RC 45 an: Itoh/Tsujimoto, Fogarty/Aoki, Slight/Okada und Duhamel/Ukawa. Sie alle waren gut für einen Sieg. Und eines von ihnen würde es schon machen. Da waren sich alle sicher. Auch die Gegner. Dennoch wollte sich keiner vorzeitig geschlagen geben. Kawasaki hielt mit Gobert/Crafar sowie den japanischen Superbike-Assen Yanagawa/Takeishi dagegen. Und Polen/Gomez, Russell/Rymer und McCarthy/Reynolds wollten sich für Suzuki auf GSX-R 750 zur Wehr setzen. Yamaha durfte natürlich ebenfalls nicht fehlen. Schließlich hatten auch sie schon mal das bedeutenste japanische Rennen gewonnen - im Jahr 1990 mit Eddie Lawson vor etwa 200 000 Zuschauern. Dieses Jahr waren es nur noch die Hälfte. Vielleicht wegen Atlanta. Dennoch waren es immer noch doppelt so viele Fans wie beim Grand Prix im Frühjahr. Edwards/Haga und Emmett/Hasegawa sollten es diesmal für Yamaha richten.Im Kampf gegen die Hitze waren alle Mannschaften erfolgreich. Nicht nur die Werksteams. Und alle trieben einen immensen Aufwand. Seit Tagen schon liefen im Fahrerlager die Motoren der Motorhomes Amok, um Klimaanlagen zu speisen und es den Fahrern zwischen den vielen Trainingssitzungen und während der Rennpausen - alle 45 Minuten etwa gibt es einen Fahrerwechsel - so kühl wie möglich zu machen. Eine Armada von Notstromaggregaten lärmte um die Wette, um in den Boxen und Mechanikerzelten unzählige Ventilatoren und Gebläse anzutreiben, um triefnasse, durchschwitzte Rennkombis für den nächsten Turn trocknen. Zwischendrin Wasserbecken und Gefriertruhen, randvoll mit Eiswürfeln und Getränken, um die Gemüter zu kühlen.Trotz aller Vorbeugemaßnahmen gehen bereits nach einer Stunde Renndistanz den ersten Hitzköpfen die Pferde durch. Selbst den Profis, obwohl noch sieben Stunden zu fahren sind und das Rennen nicht bereits nach der nächsten Runde abgewunken wird. Aaron Slight verabschiedet sich per Highsider von seiner RC 45, rappelt sich wieder auf, torkelt um den Kurs zurück in die Box. Okada kann es nicht fassen. Die Führung ist dahin, und er ahnt, daß sämtliche Siegchancen verloren sind, obwohl es nur wenige Minuten dauert, bis die Honda wieder flott ist. »Die fahren hier alle, als wäre es nur ein Grand Prix und kein Langstreckenrennen.«Die Spitze schenkt sich wirklich nichts. Keine Sekunde, noch nicht einmal ein Zehntel davon. Die Werks-Kawa, -Suzuki und auch die Yamaha sind nicht nur in der gleichen Runde, sondern auch in der gleichen Minute. Zwischendrin ein paar unbekannte japanische Kamikazes. Doch die Spreu sollte sich bald vom Weizen trennen. Dafür sorgen schon die Boxenstopps. Zwölf Sekunden vergehen bei den eingespielten Werksteams für Auftanken, zwei neue Räder fassen, die Bremsbeläge und natürlich den Fahrer wechseln. Die Privaten brauchen die dreifache Zeit, wenn nicht gar mehr.Nach wie vor ist eine RC 45 vorn. Carl Fogarty und Takuma Aoki heißt das Führungsduo, auch noch nach halber Renndistanz. Das macht es der Honda-Crew in den Boxen leichter, die zwischenzeitliche Aufgabe von Slight zu verschmerzen. Mit einem gebrochenen Zeh und gerissenen Bändern im Fuß nach dem Crash rennt es sich schlecht um den Sieg.Doch irgendwie bleibt der Wurm drin im riesigen Honda-Aufgebot. Auch Fogarty muß, zwar auch nur leicht und fast unbemerkt, zu Boden. Ein zweiminütiger Boxenstopp genügt, um auch dieses Honda-Team aus den Top-Five zu katapultieren. Wie gesagt: An der Spitze tobt der Bär.Nun dürfen mal die anderen nach vorn. Collins/Haga auf der YZF 750 machen von nun an die Pace. Gobert/Crafar und Yanagawa/Takeishi folgen dichtauf. Eine Stallorder scheint es bei Kawasaki nicht zu geben. Oder ist es nur etwa geschickte Regieführung der Grünen? Der Kampf um Platz zwei ist bisweilen so heftig, daß die Kameras der Fernsehstationen, die übrigens live übertragen, für die nächste Zeit nicht mehr von den beiden Streithähnen lassen.Solch riesige Werbung um die Gunst der japanischen Käufer, die hier ihre Motorräder rennen sehen, bleibt Suzuki nicht vergönnt. Wenngleich ihre Motorräder auf der langen Start- und Zielgeraden zu den schnellsten gehören, verlieren sie an der Box zuviel Zeit. Es hat sich nach nunmehr sieben Stunden Renndauer bis zum letzten Zuschauerplatz herumgesprochen, daß die GSX-R Probleme mit der Kupplung haben. Selbst wenn der Wechsel der Lamellen in rekordverdächtigen zwei Minuten abgeschlossen ist, ein Spitzenplatz ist nicht mehr drin.Den muß auch eine der beiden Werks-Kawasaki noch dreißig Minuten vor Schluß in den heißen Wind schreiben. Das Publikum auf der Haupttribüne muß zusehen und mitleiden, wie am Vorderbau einer ZX-7RR die komplette Bremsanlage getauscht wird, und ein Platz nach dem anderen verlorengeht, bevor die Kawasaki für die letzten paar Runden in die hereinbrechende Dunkelheit verabschiedet wird. So bleibt für Yanagawa/Takeishi nur ein ehrenvoller fünfter Platz mit drei Runden Rückstand zum Sieger. Der heißt Yamaha - nach 214 Runden und einem Schnitt von 156,17 km/h. 1990 waren die Bedingungen noch einfacher: da reichten der YZF 750 noch 205 Runden zum Sieg.

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