ADAC-Stauberater: Reportage (Archivversion) Ei, wo isser denn?

Dumm gelaufen. »Drei Kilometer zähflüssiger Verkehr am Leonberger Dreieck.« Mehr hat Südfunk 3 heute nicht zu bieten. Die automobile Gemeinde freut’s, die beiden ADAC-Stauberater Thomas Wagner und Uwe Richarz vernehmen die Kunde mit gemischten Gefühlen. Aus der wahrlich fotowürdigen Standardsituation »Freundlicher motorradfahrender Helfer reicht quengelndem Vater ein kleines Spiel zum Zeitvertreib und dem gestreßten Kind ein kühlendes Getränk« wird wohl nichts. Was tun? »Schauen wir doch mal, ob es auf dem Rastplatz Arbeit für uns gibt.« Vielleicht eine Schlange vor der Kasse in der Cafeteria? Thomas stellt zunächst seine K 75 auf der Raststätte Sindelfingen ab und alsdann den Verkehrsfunk ein. Noch immer nichts. Er und Kollege Uwe verdingen sich schon seit Jahren beim ADAC. »Wir müssen uns im Mief der Abgase durch die Autoschlangen quetschen, im nächsten Moment technische Hilfe leisten, bei der Absicherung von Unfallstellen helfen oder einfach nur verzweifelte Verkehrsteilnehmer aufmuntern und trösten.« Sicher kein Traumjob, eher Abteilung soziale Dienste. »Wegen der Bezahlung allein macht das keiner«, meint Thomas. Stauberater schlüpfen ehrenamtlich in die uniformähnliche Kombi, auf die sie alle mächtig stolz sind. Hauptberuflich arbeiten sie als Diplom-Ingenieur, Betriebswirt, Angestellter, wie Thomas Wagner, oder gar Polizeibeamter wie Uwe. Was sie nicht daran hindert, pro Saison von Mitte Mai bis Mitte September summa summarum 25 000 Autobahnkilometer zurückzulegen. »Wir haben einen besonders guten Draht zur Polizei. Die kann über Funk die Verkehrslage für uns abfragen. Das ist aktueller als die Radiomeldungen«, erläutert Thomas. Aber auch der Grüne, den sie treffen, kann den Gelben keinen Job verschaffen. Also stehen sie erst mal noch ein bißchen auffällig an der Raststätte herum, smalltalken mit Truckern und verraten einer hübschen Tramperin die besten Stellen zum Autostopp in den Süden. Nach dieser guten Tat cruisen sie auf ihren BMW die A8 gen Merklingen. Wo zwei auf dem Standstreifen gestrandete Chopper-Fahrer sich der Aufmerksamkeit der Gelben Engel erfreuen dürfen. »Die Elektrik«, stöhnt ein Chopperist und zuckt mit dem Schultern, »der Abschleppwagen ist schon bestellt.« Ein Schluck Cola und aufmunternde Worte verkürzen die Wartezeit. Und dann kommt sie - die Frage aller Fragen. »Schon seltsam, daß die Leute immer sofort wissen wollen, ob unsere Hilfeleistungen etwas kosten und sie dafür ADAC-Mitglieder sein müssen«, wundert sich Uwe. »Dabei helfen wir kostenlos.« Solch barmherzige Samariterdienste sind gut fürs Image des Riesenvereins. »Und nicht zu vergessen«, lacht Uwe, »auch fürs Ansehen der Motorradfahrer bei der vierrädrigen Zunft.« Im Stau machen die Autofahrer brav eine Gasse frei, wenn die auffällig gelblackierten und irgendwie höchstoffiziell aussehenden Maschinen im Rückspiegel auftauchen. Und wenn die netten Biker dann auch noch anhalten, dem in seiner Karosse vor sich hinschmorenden Automobilsten Flüssiges kredenzen, vielleicht sogar noch mit dem ermunternden Hinweis, daß in spätestens drei bis vier Stunden die Autobahn von den 25 Wracks eines größeren Auffahrunfalls befreit sein werden, dann steigt die Urlaubsstimmung bis zum Siedepunkt. Ein bißchen Psychologie hat eben noch keinem Stauberater geschadet. »Heute war es ruhig, nächste Woche kann wieder die Hölle los sein«, sinniert Thomas und fährt mit seiner BMW der Abendsonne entgegen.

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