Afrika-Grand-Prix in Welkom (Archivversion)

Stop and go

Während Suzuki alle Chancen durch Reifenwechsel in der Box verlor, feierte Honda mit Ukawa (11) und Rossi einen nie gefährdeten Doppelsieg.

Mit der Wahrheit nimmt es Suzuki-Teammanager Garry Taylor nicht so genau. »Von einem Wechsel zu Michelin kann keine Rede sein. Das sind alles nur leere Gerüchte«, wiegelte er im Training zum Afrika-Grand-Prix in Welkom ab. Dabei glühten zwischen dem japanischen MotoGP-Werksteam und dem französischen Reifenhersteller derart die Telefondrähte heiß, dass Dunlop-Ingenieure achselzuckend anmerkten, sie hätten sich längst damit abgefunden, die Suzuki-Stars Kenny Roberts und Sete Gibernau ab dem nächsten Grand Prix nicht mehr mit Reifen auszurüsten. Der Erfolg vom WM-Auftakt in Suzuka, wo Sete Gibernau bis zu seinem Ausrutscher tapfer um einen Podestplatz gekämpft und Suzukis Wild-Card-Pilot Akira Ryo um ein Haar Valentino Rossi besiegt hätte, war nämlich nur dem verregneten Rennsonntag zu verdanken gewesen. Im Trockenen werden die Reifen dagegen derart aufradiert, dass die Piloten kaum mehr als zwei fliegende Runden mit vollem Speed absolvieren können. Unter stahlblauem Himmel in Südafrika, bei Lufttemperaturen um 32 Grad und einem Asphalt, der sich auf 44 Grad aufheizte, kamen die Probleme so schonungslos ans Sonnenlicht, dass das Suzuki-Team am Samstagabend nach dem Abschlusstraining radikale Maßnahmen übte. Unüberhörbar für die Crews der Nachbarboxen wurde immer wieder der pressluftgetriebene Schlagschrauber angesetzt, um bei den im Motorrad-Grand-Prix-Sport bis dato unüblichen Reifenwechseln so wenig Zeit wie möglich zu verlieren. Die äußerst sorgfältig vorbereiteten Boxenstopps wurden dann auch tatsächlich durchgeführt, um lieber einen klaren Schuldigen für die Probleme zu brandmarken als wie die anderen Dunlop-Teams Red Bull-Yamaha und MS Aprilia einer diskreten Niederlage entgegenzufahren. Das Rennstenogramm: Nach einer Runde stecken Gibernau und Roberts noch Seite an Seite mittendrin im Führungspulk. Gibernau stürmt auf Rang vier, wird in Runde acht von Carlos Checa überholt und hat kurz danach einen Vorderradrutscher, bei dem er von der Piste muss und als Drittletzter weiterfährt – ziemlich zeitgleich mit Aprilia-Pilot Régis Laconi, der wegen des gleichen Problems durchs Gras rattert und als 15. weiterfährt. In der 21. von 28 Runden ist es um Gibernaus Reifengrip endgültig geschehen, worauf er die Box ansteuert, beide Räder tauschen lässt und das Rennen als Letzter zu Ende fährt. Die Fahrt von Kenny Roberts ist früher zu Ende. Siebter bis zur sechsten Runde, fällt der Amerikaner dramatisch zurück, zieht an die Box und rückt mit einem Satz frischer Reifen wieder aus, nur um eine Runde später endgültig in der Garage zu verschwinden. »Ich dachte, mein Reifen hätte Blasen geworfen oder einen Plattfuß, so schlimm war es«, schilderte der Exweltmeister. »Doch dem Reifen war nichts anzusehen, deshalb ließ ich sicherheitshalber auch den Vorderreifen wechseln. Als ich wieder herausfuhr, konnte ich kaum steuern: Der Lenkungsdämpfer war festgegangen«, sprach er von einem Defekt mit Seltenheitswert, den die Mechaniker tatsächlich bestätigten. Nicht allein die Performance der Dunlop-Reifen, die auch Garry McCoy nach furiosem Start an fünfter Stelle einen mageren zehnten Platz als Endresultat einbrachte, sondern vor allem die mangelnde Qualitätskontrolle ist den Piloten ein Dorn im Auge – wie seit Jahren von vielen 250er-Teams beklagt, ist die Auswahl der richtigen Rennreifen bei Dunlop ein Lotteriespiel, bei der zwei Reifen mit identischem Code vollkommen unterschiedlichen Charakter haben können. Doch der Wechsel zu Michelin ist nicht so einfach. Rund 60 Reifen schleppt der französische Konzern pro Zwei-Mann-Team zu einem Rennwochenende, und bis genügend Kapazitäten aufgebaut sind, Suzuki ebenfalls das aktuellste Material zur Verfügung zu stellen, müssten sich Roberts und Gibernau auf viele Wochen mit den für die Zweitakt-500er gängigen Standardreifen abfinden. Vor allem aber setzen die zum Saisonende 2001 von Suzuki verstoßenen Franzosen marktpolitisch die Daumenschrauben an: Michelin fordert für die Bedienung der MotoGP-Stars, auch bei Suzukis Straßenmodellen in großem Stil als Erstausrüster auftreten zu können, außerdem müsse das amerikanische Supercross-Team von Suzuki künftig auf Michelin an den Start gehen – Forderungen, die der Vorstandsetage von Suzuki heftige Kopfschmerzen bereiten dürfte. Im Vergleich dazu waren die Reifenprobleme von Valentino Rossi eine Posse, die statt Katastrophenstimmung nur für zusätzliche Spannung sorgten und der Königsklasse einen neuen Siegertypen beschert hatten. Denn während bei Tohru Ukawas erstem Überholmanöver in Runde 20 noch der Eindruck entstanden war, als habe der Weltmeister seinem Teamkollegen der Show halber eine Weile den Vortritt gelassen, verwandelte sich die Operette in der letzten Runde in echtes Leben: Ukawa nutzte einen mächtigen Verbremser Rossis zum zweiten, dieses Mal entscheidenden Angriff und wurde mit seinem Husarenstück vom unterschätzten Nummer-zwei-Piloten zum großen Helden. Hinter dem von der Konkurrenz lang ersehnten Beweis, dass auch Rossi nicht unfehlbar ist, verbirgt sich eine Kombination schwerer Fehler. So entschied sich der Honda-V5-Pilot gegen den Rat von Michelin für einen Reifen mit gemischter Lauffläche, der für die wenigen Linkskurven in Welkom eine weichere linke Flanke aufweist. In fataler Unterschätzung seines Teamkollegen, den er schon immer mit kaum verhohlener Geringschätzung bedachte, glaubte Rossi, mit diesem Reifen ausreißen und sein eigenes Rennen fahren zu können. Statt seine Taktik zu ändern, strapazierte er seine Slicks viel zu lange mit der Führungsarbeit – hätte er Ukawa zeitiger vorbeigelassen, wären die Rundenzeiten langsamer geworden, und Rossi hätte seine Reifen etwas schonen können. Doch der Weltmeister zeigte sich als guter Verlierer, der Ukawas Sternstunde nach Kräften mitfeierte sowie von einem guten Ergebnis für die Weltmeisterschaft und die Spannung der ganzen Serie sprach. Bedeutend schlechter lief es für Max Biaggi. Im Training mit der Reihenvierzylinder-Yamaha noch Vierter, wurde der Römer nach missglücktem Start auf dem Weg in die erste Kurve vom halben Feld überholt und musste sich mit Endrang neun begnügen. »Wir hatten schon im Warm-up Schwierigkeiten mit der Kupplung und dem System gegen die Motorbremse. Ohne dieses Problem wäre das Resultat besser gewesen, denn es hat mich natürlich nicht nur am Start, sondern ebenso beim Einbiegen in die Kurven aufgehalten«, bedauerte er. Auch Teamkollege Carlos Checa konnte seinen Podestplatz vom verregneten WM-Auftakt in Suzuka nicht wiederholen und wurde hinter den fulminant aufdrehenden Honda-Zweitaktpiloten Loris Capirossi und Daijiro Katoh Fünfter. »Ich gab mein Maximum«, keuchte der Spanier. »Darüber bin ich happy, nicht aber mit dem Resultat – ich bin erst dann zufrieden, wenn wir auch im Trockenen um den Sieg mitkämpfen können.“
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Grand Prix Afrika in Welkom (Archivversion) - »Schwer messbar«

Grand-Prix-Experte Jürgen Fuchs über die Schwierigkeiten von Teams und Fahrern, die GP-Motorräder optimal fürs Rennen abzustimmen.
In Welkom wurde von der ersten bis zur letzten Trainingsminute an den Motorrädern geschraubt. Vielen Teams und Fahrern ist es dennoch nicht gelungen, die Maschinen optimal auf die extrem holprige Piste abzustimmen.Aber was ist eine perfekte Abstimmung? Die Fahrbarkeit eines Grand-Prix-Renners lässt sich nicht so leicht messen, was sich gerade beim Rutschen des Vorderrads zeigt. Denn zu 90 Prozent ist der erste gleichzeitig der letzte Vorderradrutscher. Um schmerzhafte Stürze zu vermeiden, ist der Pilot deshalb darauf angewiesen, dass ihm das das Vorderrad in Sachen Reifengrip genügend Rückmeldung gibt. Nur dann sitzt er auch locker auf seinem Gefährt. Eine Veränderung am Fahrwerk bewirkt in den meisten Fällen eine geänderte Gewichtsverteilung, um vorn oder hinten mehr Grip zu bekommen – und das in einem sehr schmalen Bereich. Wesentlich mehr Einfluss nimmt jedoch der Fahrer, wenn er mit der ganzen Hebelwirkung seines Körpers das Gewicht immer dahin verlagert, wo es gerade gebraucht wird. Dazu ist das nötige Vertrauen erforderlich. Manche Leute im Fahrerlager meinen, die Piloten sollen erst einmal Gas geben, bevor eine bewährte Abstimmung geändert wird. Die anderen gehen jedes gewünschte Experiment mit. Ich glaube, es braucht beides. Wenn der Fahrer nicht zurecht kommt, sollte das Team alles unternehmen, ihm ein »besseres« Motorrad hinzustellen. Wobei es manchmal weniger um die Technik als um den Rückhalt durch das Team geht. Ist der Fahrer gut drauf, braucht es manche Änderungen erst gar nicht. Er macht einfach das Beste aus der Situation – ein Aspekt, der gerade in Welkom zählte.

Grand Prix Afrika in Welkom (Archivversion)

Vier RennenKawasakikommtBei einem Lauf zur japanischen Superbike-Meisterschaft in Mine erbeutete Kawasaki-Star Akira Yanagawa eine Woche nach dem Suzuka-Grand-Prix mit dem MotoGP-Prototyp ZX-RR den dritten Platz im Training und den dritten Platz im Rennen. Nur die Suzuki-Piloten Ryo und Kagayama waren schneller, Honda war nicht am Start. Nach dem Achtungserfolg in der Serie, bei der die GP-Maschinen außer Konkurrenz antreten dürfen, gab Kawasaki grünes Licht fürs Debüt in der MotoGP-Weltmeisterschaft: Yanagawa wird als Wild-Card-Pilot die letzten vier Rennen der Saison 2002 bestreiten.Motor zu heißStevesSterneWeltmeister Manuel Poggiali hangelte sich in einem sieben Mann starken 125er-Pulk nach vorn und feierte den ersten Saisonsieg. Steve Jenkner kämpfte mittendrin mit nachlassender Motorleistung und sicherte sich trotzdem einen formidablen vierten Platz. »Ich hätte noch aggressiver angreifen können, doch leider wurde das Motorrad etwas heiß, über 65 Grad, und ich konnte Daniel Pedrosa beim Beschleunigen nicht mehr folgen. Außerdem war ich letzte Woche stark erkältet, konnte die letzten 14 Tage nicht trainieren und habe in den letzten fünf Runden mehr die Sterne gesehen als die Strecke. Ich bin völlig ausgepowert«, berichtete der tapfere Sachse. Klaus Nöhles bohrte sich schon in der ersten Kurve ins Heck von Jakub Smrz und stürzte, sein Teamkollege Jarno Müller wurde bei einer Schlussattacke von Gilera-Neuling Michel Fabrizio abgedrängt und fädelte sich als 19. über den Zielstrich.Alles ApriliaBrutalerHaslamMarco Melandri, Franco Battaini, Fonsi Nieto – das 250er-Rennen wurde zum Schaulaufen der Aprilia-Piloten. Inklusive der deutschen Nachwuchshoffnung Dirk Heidolf, der nach der Nichtqualifikation in Japan diesmal als 14. zwei WM-Punkte holte. »Ich bin glücklich, dass ich mich so durchgeschaukelt habe«, strahlte Heidolf. »Leider hat Leon Haslam vor mir immer so brutal spät gebremst, dass er zu viel Schwung rausnahm und auch mich aufhielt. Auf der Gegengeraden habe ich ihn aber schließlich erwischt. Mein Motorrad ging richtig gut!«Stargast RaudiesMotoGPlive im mdrEurosport-Kommentator und MOTORRAD-Tester Jürgen Fuchs hat Konkurrenz bekommen: Auch der Mitteldeutsche Rundfunk (mdr) widmet sich der Motorrad-WM an den Rensonntagen ab 13.30 Uhr voller Begeisterung und überträgt alle MotoGP-Läufe live, von den 125er- und 250er-Rennen werden Zusammenfassungen und Features ausgestrahlt. Zuständiger Redakteur vor Ort ist Edgar Mielke, im Studio sitzt Exweltmeister Dirk Raudies und tut seine Expertenmeinung kund.ErdbebenBiaggisFluchtAm frühen Samstagmorgen gegen vier Uhr wurde die Welkom-Region von einem leichten Erdbeben erschüttert. Die meisten Fahrer verschliefen das Spektakel. Max Biaggi allerdings wachte auf, sah, wie sein Fernseher wackelte, und rannte voller Entsetzen aus seinem Hotelzimmer.Michelin-TestsWillkommenim RegenMichelin treibt Vergangenheitsbewältigung und will der Ursache der verheerenden Niederlagen von Loris Capirossi und Daijiro Katoh im Regen von Japan auf die Spur kommen. Die beiden Honda-Stars wurden deshalb für Anfang Mai auf die hauseigene Nassteststrecke nach Clermont-Ferrand eingeladen, um dort Regenreifen-Tests zu absolvieren.

Grand Prix Afrika in Welkom (Archivversion)

Rennen 125 cm3 Fahrer (Nation) Maschine Zeit (Min) WM-Stand1. Manuel Poggiali (I) Gilera 41’26.120 Vincent 452. Arnaud Vincent (F) Aprilia - 0.270 Poggiali 413. Daniel Pedrosa (E) Honda - 0.826 Pedrosa 244. Steve Jenkner (D) Aprilia - 1.098 Giansanti 205. Pablo Nieto (E) Aprilia - 1.187 Sanna 196. Alex De Angelis Aprilia - 1.583 Ueda 187. Gino Borsoi (I) Aprilia - 1.830 Borsoi 158. Simone Sanna (I) Aprilia - 12.839 Jenkner 149. Masao Azuma (J) Honda - 13.942 Nieto 1110. Andrea Dovizioso (I) Honda - 19.201 Aoyama 1011. Noboru Ueda (J) Honda - 19.210 De Angelis 1012. Mika Kallio (FIN) Honda - 39.207 Rodriguez 0913. Max Sabbatani (I) Aprilia - 46.560 Cecchinello 0714. Andrea Ballerini (I) Honda - 53.710 Azuma 0715. Michel Fabrizio (I) Gilera - 53.868 Dovizioso 0619. Jarno Müller (D) Honda - 54.919Trainingsbestzeit: Pedrosa in 1’42.522 = 142.522km/hSchnellste Rennrunde: Poggiali in 1’42.606 = 148.834 km/h (Lap Record)Schnitt des Siegers: 147.422 km/hRennen 250 cm3Fahrer (Nation) Maschine Zeit (Min) WM-Stand1. Marco Melandri (I) Aprilia 42’52.922 Battaini 262. Franco Battaini (I) Aprilia - 2.962 De Puniet 263. Fonsi Nieto (E) Aprilia - 5.213 Miyazaki 254. Roberto Rolfo (I) Honda - 6.290 Melandri 255. Roberto Locatelli (I) Aprilia - 6.675 Alzamora 226. Randy De Puniet (F) Aprilia - 8.102 Rolfo 217. Emilio Alzamora (E) Honda - 22.571 Sakai 208. Sebastian Porto (ARG) Yamaha - 24.171 Nieto 199. Alex Debon (E) Aprilia - 28.161 Porto 1910. David Checa (E) Aprilia - 36.261 Matsudo 1511. Naoki Matsudo (J) Yamaha - 47.211 Debon 1412. Jay Vincent (GBR) Honda - 47.886 Locatelli 1113. Haruchika Aoki (J) Honda - 53.106 Kameya 0914. Dirk Heidolf (GER) Aprilia - 1’02.767 Checa 0615. Leon Haslam (GBR) Honda - 1’04.093 Elias 05Trainingsbestzeit: Battaini in 1’37.604 = 156.460 km/hSchnellste Rennrunde: Nieto in 1’37.860 = 156.051 km/h Schnitt des Siegers: 42’52.922 km/hRennen MotoGPFahrer (Nation) Maschine Zeit (Min) WM-Stand1. Tohru Ukawa (J) Honda 44’39.467 Rossi 452. Valentino Rossi (I) Honda - 0.932 Checa 273. Loris Capirossi (I) Honda - 8.259 Ukawa 254. Daijiro Katoh (J) Honda - 26.962 Capirossi 235. Carlos Checa (E) Yamaha - 27.227 Ryo 206. Olivier Jacque (F) Yamaha - 27.889 Abe 207. Norick Abe (J) Yamaha - 30.215 Katoh 198. Shinya Nakano (J) Yamaha - 30.781 Itoh 139. Max Biaggi (I) Yamaha - 43.796 Barros 1010. Garry McCoy (AUS) Yamaha - 45.501 Jacque 1011. Jurgen Vd Goorbergh (NL) Honda - 1’06.938 Aoki 0912. Tetsuya Harada (J) Honda - 1’19.560 Laconi 0913. Pere Riba (E) Yamaha - 1’19.857 Harada 0914. John Hopkins (USA) Yamaha - 1’31.519 Nakano 0815. Regis Laconi (F) Aprilia - 1’32.725 Biaggi 07Trainingsbestzeit: Rossi in 1’34.660 = 161.326 km/hSchnellste Rennrunde: Ukawa in 1’34.834 = 161.030 km/h (Lap Record)Schnitt des Siegers: 44’39.467 km/h

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