Afrika-Grand-Prix in Welkom (Archivversion) Medizinmangel

Beim Afrika-Grand-Prix warb Valentino Rossi für den Gebrauch von Kondomen und für freie Drogen gegen AIDS. Doch auch den Konkurrenten des »Doctors« fehlt die richtige Medizin.

Manchmal nutzen die besten Vorsätze nichts. »Wir sind gut, Valentino Rossi ist noch besser. Sein Motorrad ist schnell und perfekt abgestimmt, außerdem fährt er begnadet«, räumte Garry McCoy nach seinem vierten Trainingsplatz bei den 500ern im südafrikanischen Welkom ein. »Wenn wir hart arbeiten, können wir vielleicht irgendwann mit ihm gleich ziehen. Doch vorläufig bin ich zufrieden, regelmäßig unter die ersten Fünf zu kommen. Für sichere Punkte lasse ich mich lieber zurückfallen, als auf der dreckigen Außenspur hier in Welkom Risiken einzugehen.« Als er in der 18. Runde des Rennens allerdings immer noch hinter Kenny Roberts lag und keinen Weg vorbei fand, riss ihm die Geduld. Zu schnell in einer Linkskurve angekommen, rutschte ihm das Vorderrad weg, und die Hoffnungen, seinen Vorjahressieg wiederholen und seine günstige Position in der WM-Wertung behalten zu können, lösten sich in einer Staubwolke auf. »Ich versuchte, neben der Ideallinie an ihm vorbei zu kommen. Rückblickend war das keine gute Stelle für einen solchen Angriff. Ich hatte es einfach zu eilig«, ging der King of Slide mit sich selbst ins Gericht. Roberts machte der Konkurrenz das Überholen diesmal aber auch besonders schwer. »Derzeit versuchen wir alles, um unsere Rundenzeiten zu verbessern. Dabei haben wir ein Set-up gefunden, das die Reifen stärker aufheizt und damit mehr Grip erzeugt«, raunte der Weltmeister nach dem fünften Platz im Abschlusstraining. Bis Rennmitte gelang es dem Amerikaner dank überlegener Traktion aus den Kurven auch tatsächlich, die Konkurrenz in Schach zu halten und die Führung zu behaupten. Dann zahlte er doch den nachlassenden Reifen und der unterlegenen PS-Leistung seiner Suzuki Tribut und beendete den Kampf schließlich an siebter Stelle. »Zwei Jahre lang haben wir es geschafft, unser PS-Handicap zu verstecken. Während die anderen über den Winter wieder einen Sprung nach vorn gemacht haben, fand bei uns abermals keine Entwicklung statt. Jetzt können wir den Tatsachen endgültig keine Maske mehr aufsetzen, und es gibt auch kein Pflaster, das wir auf die Maschine kleben könnten – wir werden so lange hinterher fahren, bis wir endlich einen neuen, stärkeren Motor haben«, erklärte Roberts. Wie die Verhältnisse sind, verdeutlichten die Topspeedwerte des Wochenendes. Die Weltmeister-Suzuki von Kenny Roberts lag mit 255,6 km/h nur an trauriger neunter Stelle. Genau zwei km/h schneller war die schnellste Werks-Yamaha von Max Biaggi an fünfter Position, und an der Spitze fand sich ein eindrucksvoller Aufmarsch von vier Honda NSR 500, angeführt von Tohru Ukawa mit satten 261,4 km/h. Dabei gehen nicht nur die von Grund auf neu entwickelten, aktuellen Werksmaschinen von Ukawa, Crivillé und Rossi wie die Feuerwehr. Dass Honda das Geschehen in der Halbliter-WM unabhängig vom Jahrgang des Materials derzeit fest im Griff hat, belegt Loris Capirossi mit seiner ausgeleierten Gebrauchtmaschine. Dank einiger sorgfältig ausgewählter Evolutionsteile katapultierte sich der kleine Italiener mit einem Motor von 1999 an die zweite Stelle der Topspeedwerte, holte in einem epischen Duell gegen Valentino Rossi den zweiten Platz im Abschlusstraining und feierte schließlich auch noch den zweiten Platz im Rennen. »Jetzt habe ich’s allen gezeigt, die sagten, Capirossi sei nur im Training schnell«, grinste der Star des spanischen West-Honda-Teams. »Allerdings bin ich sauer auf Kenny Roberts. Ich hatte einen brillanten Start, doch in der ersten Kurve hat er sich brutal innen reingezwickt und mich rausgedrängt. Plötzlich war ich Siebter, und auf dieser Strecke ist es harte Arbeit zu überholen.« Dass er im Zweikampf der letzten zehn Runden den Kürzeren zog, schob Capirossi auf das Quäntchen an Mehrleistung, über das Rossis aktuelle Maschine verfügt. Vor allem aber fuhr Valentino fantastisch. Mittlerweile dreht er in der Halbliterklasse mit jener lockeren Überlegenheit auf, mit der er einst die 125er und 250er beherrschte. Der Paradiesvogel, der sich aus purer Freude am Unsinn den Spitznamen »The Doctor« verpasste, weil zufälligerweise auch eine Vielzahl italienischer Ärzte auf den Namen Rossi hört, hielt bei der Startaufstellung ein Schild mit der Aufschrift »Helft Afrika. Für freie Drogen gegen AIDS, und benutzt Kondome – Der Doktor« hoch. Im Rennen fehlte aber vor allem der Konkurrenz die richtige Medizin: Zunächst noch an zweiter und dritter Stelle, setzte sich Rossi in Runde 17 endgültig durch und hatte auch noch Reserven, als Loris Capirossi zum Angriff blies. In den letzten sechs Runden verbesserte Rossi den Streckenrekord nicht weniger als vier Mal und hielt seinen Landsmann wie schon im Training gekonnt auf Distanz. Nach den beiden ersten Saisonrennen ist nicht nur Rossis fahrerische Überlegenheit, sondern auch sein Punktekonto in stratosphärischen Regionen. Zu Capirossi als seinem nächsten Verfolger klafft bereits eine Lücke von 22 Punkten, vor allem aber genießt es Rossi, seinen schlecht gestarteten und am Ende nur achtplatzierten Erzfeind Max Biaggi gar schon um 26 Punkte abgehängt zu haben. Nicht ganz so eindeutig sind die Verhältnisse in der 250er-Klasse. Daijiro Katoh holte wie Rossi den zweiten Sieg hintereinander, geriet aber nach überlegener Führung am Ende doch noch ernsthaft unter Druck. Weniger als eine Zehntelsekunde trennte ihn am Schluss von Verfolger Marco Melandri. Neben dem italienischen Aprilia-Werkspiloten und seinem drittplatzierten Teamkollegen Tetsuya Harada bestätigte freilich auch ein Privatfahrer, dass sich mit den Drehschiebermaschinen aus Noale kräftig angasen lässt. Alex Hofmann, nur an 23. Stelle qualifiziert, kam nach gutem Start immer besser in Schwung, setzte sich im Endspurt sogar gegen Sharol Yuzy auf der gebrauchten Yamaha-Werksmaschine durch und feierte Platz zehn. »Absolut geil«, sprudelte er. »Es hat super Spaß gemacht, diese Gruppe niederzukämpfen. Obwohl ich Kampflinie fuhr, habe ich ganz am Schluss noch meine schnellste Runde gedreht.« Eines seiner frühen Opfer war Klaus Nöhles, der trotz Aprilia-Werksmaterial abermals ein schwarzes Wochenende erwischte. Zunächst völlig abgeschlagen, rüstete er sein betont weich abgestimmtes Motorrad auf das Set-up des Vorjahres um und steigerte sich auf den 17. Trainingsplatz. Nach einem raketenartigen Start kam er im Rennen jedoch nicht über Rang 14 hinaus. »Gleich in der ersten Runde hat mich einer ganz böse innen ausgebremst und auf die schmutzige Außenspur gedrückt«, schilderte er. »Außerdem sprang und ratterte mein Vorderrad, vielleicht, weil ich im Rennen härter gebremst habe als im Training und deshalb den Reifen mehr strapazierte. Die letzten beiden Runden hatte ich so böse Rutscher, dass ich das Motorrad nur noch übers Knie abgefangen habe.« Renn-Lady Katja Poensgen meisterte erneut die Qualifikation und kam als 24. ins Ziel. Bester Deutscher in Welkom war 125er-Pilot Steve Jenkner. Schlecht gestartet und nach einer Runde nur 23., wühlte sich der tapfere Sachse bis zum achten Platz nach vorn. »Mein Motorrad funktioniert jetzt perfekt auf der Bremse – so wie ich es haben will«, meinte er befriedigt. »In den ersten Runden habe ich keine Chance ausgelassen, mich durchzudrücken. Nur der Start bleibt ein Mysterium – bei der Generalprobe am Vorstart fuhr das Motorrad wunderbar los.« Doch auch bei den beiden anderen Deutschen lief nicht alles nach Plan. Während Jarno Müller etwas zu früh an der Kupplung ruckelte, eine Stop-and-go-Strafe provozierte und einsam auf Platz 23 fuhr, scheiterte Phillip Hafeneger an einem Kolbenklemmer.Perfekt war dagegen die Show der von Harald Bartol gebauten Spezialmaschinen an der Spitze des Feldes. Derbi-Pilot Youichi Ui machte sich nach wenigen Runden aus dem Staub und gewann überlegen, Gilera-Hoffnung Manuel Poggiali befreite sich nur wenig später aus der Umklammerung des Pulks und landete einen ungefährdeten zweiten Platz. »Natürlich sind die beiden Motorräder identisch«, wischte der österreichische Konstrukteur alle Vermutungen beiseite, die Entwicklung der Technik würde mit dem neuen Namen in eine neue Richtung gehen. »Ich kann einem der beiden doch nichts Schlechteres einbauen – bloß, damit die beiden Maschinen verschieden sind!“

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