Aktion1:Nürburgring Nordschleife (Archivversion)

Aktion1:Nürburgring Nordschleife

Wenn Michael Meyer es ganz nüchtern formuliert, dann hört sich das in etwa so an: »Wir treffen Zielvereinbarungen auf der Grundlage von Statistiken, anhand derer sich die Problematik darstellen lässt. Dann konzipieren wir unsere Vorgehensweise.« Aber so schematisch nüchtern formuliert er es nur ganz zu Anfang, auf die Frage nach der Vorgehensweise. Später sagt er: »Wir wollen nicht, dass den Leuten was passiert, wir wollen, dass die Jungs heil heimkommen.«
An einem sonnigen Mai-Sonntag steht der Kommissar der Polizei-Direktion
Mayen neben einem leicht angerosteten, grün-weißen Ford Transit auf dem Parkplatz Döttinger Höhe, direkt an der Zufahrt zur Nordschleife. Hinter ihm eine Infowand, die der Wind immer wieder umpustet. Meyer und seine Kollegen haben daran DIN A3-große Fotos von verbeulten Autos und ondulierten Motorrädern befestigt, dazu eine Grafik mit der Überschrift: »Auf einen verletzten Fußgänger kommen zwei verletzte Kradfahrer«. Vor der Infowand liegen, auf die Pflastersteine drapiert, die Reste einer übel gefalte-
ten Kawasaki. »Das Motorrad stammt von einem Unfall an der Mosel. Die Angehörigen haben es uns für Aufklärungszwecke überlassen. Für uns ist es der Hingucker, ein Impuls, um das Gespräch anzuregen.«
Oft ist das nur eine kurze Unterhaltung, die damit beginnt, dass einer der Umstehenden sich zögerlich
auf einen Uniformierten zubewegt und die
Frage vorbringt, ob denn der, also der
Fahrer der Kawasaki, überlebt habe. Und die damit endet, dass Michael Meyer, der selbst Kawasaki fährt, »aber einen Chopper«, den Kopf schüttelt und »nein« sagt.
Hin und wieder aber geht das Gespräch weiter, womit nach Meinung von Hauptmeisterin Manuela Bagushinski schon viel erreicht ist. »Manche sind sehr emotional, die wollen reden. Andere belächeln uns nur, die gehen hier cool vorbei, bei denen bleibt nichts hängen. Aber wenn wir nur ein paar zum Nachdenken bringen, ist
das okay.«
Sieben solcher Präventivaktionen führt die Polizei dieses Jahr allein an der Nordschleife durch. An fünf weiteren Terminen sieht das Konzept, das eine Projektgruppe von Freiwilligen aus fünf Polizei-Dienst-
stellen erarbeitet hat, repressive Maßnah-
men vor. Darunter fallen zum Beispiel
Geschwindigkeitskontrollen um den Ring
und – das Gerücht stimmt – Über-
wachung des Verkehrs auf der Nordschleife aus der Luft. »Wenn die aus dem Hubschrauber heraus so richtig böse Sachen sehen, etwa dass gedrängelt oder rechts überholt wird, melden sie das den Kollegen, die an den Ausfahrten warten. Beim letzten Mal haben wir meh-
rere Verfahren eingeleitet, Bußgeld- und Strafverfahren«, sagt Meyer. Dabei zieht er einen Zettel hervor und erklärt weiter, dass die Polizeiinspektion Adenau, in deren
Zuständigkeit der Nürburgring fällt, seit Jahren überdurchschnittlich viele Unfälle zu verzeichnen habe und dass man davor ja nicht die Augen zu machen könne.
Auf dem Zettel, den Meyer vorbereitet hat, sind die Zahlen der Inspektion Adenau neben denen der Inspektion Mayen aufgelistet. Dort verzeichnete man vor zwei Jahren zum Beispiel 83 verletzte und einen
getöteten Motorradfahrer, im Bereich der Adenauer waren es 170 Verletzte und sieben Tote bei insgesamt etwa 800 Motor-
radunfällen. Grund für dieses »krasse Missverhältnis«, hatte Polizeihauptkommissar Andreas Perne von der Inspektion Adenau seinerzeit in der regionalen Presse verlautbart, sei der Nürburgring. »Ohne den Nürburgring wäre die Unfallerhebung normal.«
Es gebe »auf Landesebene Bestre-bungen, der Nordschleife den Status des
öffentlichen Verkehrsraums zu entziehen«, heißt es dazu in einem Protokoll des
Arbeitskreises Sicherheit, das unter www. nurburgring.de nachzulesen ist. Den Arbeitskreis hatte die Nürburgring GmbH Ende 2002 ins Leben gerufen, um die Unfallzahlen nach unten zu kriegen. Weshalb die GmbH die Aufklärungs- wie die Kontrollarbeit der Polizei begrüßt. Allerdings: Im vergangenen Jahr regis-
trierte die Betreibergesellschaft des Rings
lediglich 100 Unfälle im Verlauf der rund
150000 Runden, die Motorradfahrer während der Touristenfahrten abspulten, da-
bei verletzten sich 20 Fahrer schwer. »Eine
Unfallquote von unter 0,07 Prozent«, wie Dr. Walter Kafitz, Geschäftsführer der Nürburgring GmbH, herausstellt.
Es kann also weniger um die Unfallzahlen allein gehen. Auch wenn der Erfolg der polizeilichen Maßnahmen daran gemessen werden wird. Viel mehr geht es ums
Image der Nordschleife und der Touristenfahrten. »Touristenfahrten«, betont Kommissar Meyer gestikulierend, den Ausdruck müsse man sich »mal auf der Zunge zergehen lassen. Aber einige interpretieren die Nordschleife als Rennstrecke, als rechtsfreien Raum«. Dass es sich dabei um ein Missverständnis handelt, machen schon die Hinweistafeln klar, die an der Einfahrt Döttinger Höhe aufgestellt wurden. Unter einer Reihe von Sicherheitshinweisen steht dort: »Es gilt die StVO
und StVZO« [sic!]. Wer damit nicht so
recht etwas anzufangen weiß, der kann sich das von Kommissar Meyer und seinen Kollegen ja mal genauer erläutern lassen. So oder so.
Anzeige

Unfallprävention der Polizei am Nürburgring und in Rottweil: Report (Archivversion) - Aktion2: Rottweil

Von wegen Wonnemonat Mai. Schneeschauer über dem Schwarzwald und auch das schwäbische Rottweil zeigt sich an diesem Sonntag von seiner fiesen Seite – tief hängende Wolken und Dauerregen. Fehlt nur noch Hagel. Eine Polizistin, die beim Aufbau zum Motorradtag der Polizei gerade ein Absperrgitter über den Verkehrsübungsplatz rangiert, weiß Rat. Hagel, Ralf Hagel? »Der da, mit fascht
koine Haar, Kippe und noch ohne Uniform.« Der so Beschriebene nimmt einen Zug aus der Selbstgedrehten und verzieht die Mundwinkel ob des Erkennungsmerkmals fehlende Haarpracht. Müde sieht er aus, der 43-jährige Polizeihauptkommissar.
Bis spät in die Nacht saß er mit den zum Teil von weit angereisten Beteilig-
ten des zweiten Motorradtags zusammen – immerhin ist er Initiator, Organisator und Mädchen für alles bei dieser Veranstal-tung. Und nebenbei Motorradfahrer durch und durch. Eine glückliche Fügung – oder auch nicht, denn schließlich muss er von Berufs wegen – Hagel arbeitet bei der
Verkehrsüberwachung Rottweil – konsequent die Verkehrsvorschriften anwenden. Klar, Dass zwei Seelen in der Brust des motorradfahrenden Polizisten wohnen. Aber selbst die größte Sympathie endet irgendwo. Für Ralf Hagel zum Beispiel bei einer montierten Krawalltüte oder abgefahrenen Reifen. »Wir schützen nicht nur die Motorradfahrer«, versichert er, »sondern alle Verkehrsteilnehmer und Bürger.« Die hohe Politik und die darauf folgende Bürokratie machen es sich einfach. Steigende Unfallzahlen oder schlichter Populismus haben beim langen Marsch durch die Instanzen immer dieselbe Konsequenz: Egal, was ihr macht, macht was! Tatsächlich – das zeigt das Beispiel Rottweil – entscheiden dann einzelne Beamte vor Ort, womit der gemeine Biker sich konfrontiert sieht. Für den leidenschaftlichen Yamaha-Fazer- und Suzuki-GSX-R-Piloten Ralf Hagel steht fest: Aufklärung statt Hammer.
Ohne eigenes Budget, dafür mit umso mehr Idealismus entsteht Hagels Idee eines Aktionstags, den die Polizei anschiebt und unterstützt, sich ansonsten aber eher zurückhält. Mit anderen Worten: Händler und Kumpels geben die Tipps, die Polizei spielt den Moderator im Hintergrund. Doch Ralf Hagel möchte noch mehr: »Der gute, vielleicht auch zügige Motorradfahrer ist nicht das Problem, sondern der, der es nicht richtig kann, sich übernimmt und abfliegt. Geschwindigkeit ist zwar das Problem, aber nicht die Ursache.« Motorradfahrer sollten einfach besser fahren, ist er überzeugt.
Und was bietet so ein Motorradtag, diesem Ziel vielleicht ein Stück näher zu kommen? Inzwischen in schmucker Uniform, trotzt Ralf Hagel als Moderator dem miesen Wetter wie auch den spärlichen Zuschauern und kommentiert die Vor-
führungen des gut gelaunten Motorrad-
polizisten Eddi di Santo nebst Kollegen,
die zeigen, was ein Fahrsicherheitstraining
alles umfasst. Dann lässt sich der wackere di Santo im Dienste der Sicherheit an
einem Seil hängend über den Platz schleifen. Beeindruckend, wie schnell Textil in Fetzen geht.
Helm- und Lederkombihersteller sind ebenso präsent wie reichlich Gastronomie. Die örtlichen Händler zeigen ihre Mopeds, und ein mobiler Leistungsprüfstand ist
aufgebaut. Natürlich, ein bisschen Abschreckung ist auch dabei. Die fast schon legendäre Video-BMW aus Tübingen erinnert mit Hightech-Ausstattung beiläufig daran, dass jeder BMW-Fahrer genauso gut der Videomann der Polizei sein könnte.
Kommentator Hagel hat seinen Spaß, als zwei Supermoto-Fahrer auf nasser, glibberiger Aktionsfläche auf dem Hinterrad um die Wette fahren, Stoppies machen und burnouten. Sicherheit und Spaß gehören für Ralf Hagel zusammen – ob es funktioniert? »Wir wollen damit nicht nur die Freunde der Polizei erreichen«, meint er – und möchte insbesondere seinen Namen nicht im Vordergrund sehen. Schon gar nicht beim Wetter.

Artikel teilen

Anzeige
Anzeige

Aktuelle Gebrauchtangebote