Alexander Schreck (Archivversion) Der Besessene

Zu den total Bekloppten zu zählen ist eine Ehre. Meint der Alex.

Nach der Scheidung schaffte Alex erst mal eine Ducati 888 ran. »Da ging’s mir wieder gut.«An die 50 Motorräder hatte der Gekräderte schon besessen, als er vor ein paar Jährchen Gevatter Tod von der Schippe sprang. Rückgrat schwer geknackst nach kapitalem Sturz - auf Kellertreppe. Berufsunfall. »Ich hatte eine größere Firma, machte in Gas, Wasser, Scheiße.« Der Ausfall des Chefs gab dem Unternehmen den Rest. Was blieb, sind miese Erinnerungen, Schulden und die traurige Erkenntnis, dass die grandiose Uno-Suzuki TL 1000 einem Kumpel und die Uno-Einzylinder mit dem KTM LC4-Motor seiner Mutter gehört.Sobald Alex den Motor startet, ist die Welt wieder in Ordnung. Sowieso. Einmal hat er gekündigt, weil ihm der Boss im Januar ein paar Tage Urlaub strich. Der wusste nicht, dass es Alex dann, komme, was wolle, zur Rennstrecke nach Calafat zieht. Immer öfter dabei: die Schwiegermutter. Die pennt mit Alex und Tina, seiner Liebsten, kostensparend in der Box. Vor knapp zwei Jahren hat Alex, in der Szene auch als »der Berliner« bekannt, sich im tiefsten bayerischen Schwaben etabliert. Des Motorradelns wegen, natürlich. Gaismarkt heißt der Weiler, den er mittlerweile innig liebt wie den Kreuzberger Kietz. Nach einigen anfänglichen Fauxpas - so hatten Alex und Tina eine Bürgerversammlung ignoriert, auf der die Gaismarkter diskutierten, ob Gaismarkt Gaismarkt bleibt oder, wie’s orthografisch korrekter wäre, zu Geißmarkt mutiert -, nach solchen Fehltritten also und ihrer behutsamen Korrektur haben sich Einheimische und Berliner Schnauze - eh fast im Schwabenalter - perfekt assimiliert. »Hier gibt’s viel mehr Bekloppte als in Berlin.« Bekloppte, damit meint Alex Motorradbesessene, die herzhaft am Quirl drehen. Typen wie er eben. Alex sei der schnellste Flachländer, den sie kennen, wundern sich seine italienische Freunde. Aber er hat auch lange genug geübt. Seine Alpen-Devise: fahren, solange es geht, und zum Schlafen in den nächstbesten Tunnel niedergelegt. Flott lasse er’s angehen, aber nie ohne Sinn und Verstand. Denn was seine Tagesform angeht, begreift sich Alex als schwankende Gestalt. »Bei einem Italo-Rennen lief’s prima, da haben sie mich mit meiner Einzylinder-Uno zu den Big Bikes gesteckt. Aber ich kann auch so grottenschlecht fahren, dass ich Letzter werde.« Umso schöner, dass Alex selbst im Formtief noch herzlich lachen und parlieren kann. Obwohl in der neuen Heimat Hopfen und Malz immer dazugehören, animiert ihn das nicht, das Leben bierernst zu sehen. Dafür findet er es einfach zu schön. Samt all den herrlichen Motorrädern, die er im bloßen Serienzustand freilich nicht wirklich goutieren kann. Fahren und schrauben – für Alex so essentiell wie essen und trinken. Seine erste Kreidler hat die Polizei konfisziert – noch nicht schnell genug. Weil kurvensüchtige Berliner früher arm dran waren, hat Alex den Auspuff seiner GSX 1100 schnurstracks nach links verlegt. »Auf dem Autobahn-Kleeblatt geht’s immer rechts rum.« Mit der Intimität der Schrauberszene an der Spree, »übrigens alles Bekloppte«, machte die Einigung Schluss, die Alex, globaler betrachtet, dennoch begrüßt: »Ich wollte einen Trabi, eine Wohnung im und eine Frau aus dem Osten.« Zumindest letzteres klappte. Tina entpuppt sich, klaro, als herrlich bekloppt - mit Gilera Saturno, Super-Moto- und Trialmaschine. Und schwört wie Alex auf Rahmen und Schwingen des exzentrischen Uno-Genius Sam Wassermann nur ein Dörflein weiter. »Irgendwie erinnern mich Sams Maschinen immer an meine erste Kreidler.« Ein paar Florett stehen zurzeit in Alex’ Garage rum. Mit irgendwas muss man ja sein Benzingeld verdienen. Und er plant einen Riesencoup: ein 24-Stunden-Rennen für Mopeds in Gaismarkt. Die Bauern sinnen ihm wohl, die Naturschützer zieren sich noch, doch der Caterer für sein Team steht schon fest. Die Jungs und Mädels von der Schmidde-Bar. »Dort sitzen die Bekloppten«, sagt Alex, »und hören den guten alten Rock’n’Roll.« Den Alex und Tina mitunter privatissime kultivieren. Er an der Gitarre, sie am Bass. Wie beim Motorradfahren geht’s hier um den Groove.

Artikel teilen

Anzeige

Aktuelle Gebrauchtangebote