Alles über Zubehör-Gutachten (Archivversion)

Blatt-Deutsch

Für die meisten Anbauteile gibt es Gutachten und Prüfberichte der unterschiedlichsten Abstufungen. MOTORRAD erklärt, wie es dazu kommt und was für den Käufer zu beachten ist.

Es ist zum aus der Haut fahren: Der erfolgreiche Gang zum TÜV ist leider noch immer von der Tagesform des jeweiligen Prüfers abhängig. Eintragungen für Zubehörteile - bei der einen Prüfstelle kein Problem, bei der anderen nicht zu schaffen. Das liegt nicht zuletzt auch an den Prüfberichten, Teilegutachten oder sonstigen schriftlichen Unterlagen von Zubehörteilen, die der oft unwissende Motorradfahrer dem meist auch nicht allwissenden Sachverständigen vorlegt.Viele Händler locken mit Slogans wie »TÜV-zugelassen« oder »Mit TÜV-Gutachten« und legen dann nur einen Festigkeitsnachweis oder einen Prüfbericht bei. Wenn man Pech hat, schickt der Sachverständige den Biker mit Nachweisen dieser Art gleich wieder nach Hause. Im günstigeren Fall stellt er nach eigenem Ermessen fest, ob das Teil überhaupt an die vorgeführte Maschine paßt und führt eine Fahrprüfung durch. Für den Kunden heißt das: Kosten von 250 Mark und mehr. Betroffen von dieser Regelung sind alle Zubehörteile, in deren Genehmigungspapieren nicht ausdrücklich auf Fahrversuche, Anbauprüfung und Vermessen der technischen Details verwiesen wird. Genau diese Punkte werden in einem »richtigen Gutachten« berücksichtigt, in dem außerdem alle Motorräder genannt werden, an denen das betreffende Zubehörteil speziell geprüft wurde. Zwar kann der Sachverständige auch bei diesen Teilen sein Veto einlegen, doch im Normalfall steht einer Eintragung nichts im Weg. Nach der Anbaukontrolle durch den Sachverständigen, die je nach Bauteil zwischen 25 und 60 Mark kostet, kann auf der Zulassungsstelle für weitere 21 Mark die Eintragung in die Fahrzeugpapiere erfolgen. Für einen Hersteller beläuft sich der finanzielle Aufwand je nach Zubehörteil auf bis zu 10000 Mark pro Gutachten, wohingegen ein einfacher Festigkeitsnachweis schon für weniger als 1000 Mark zu haben ist.Der sicherste Weg, den Schwierigkeiten bei der Eintragung von Anbauteilen aus dem Weg zu gehen, ist immer noch der, sich Teile mit einer Betriebserlaubnis (BE) zuzulegen. Auch Zubehörteile mit BE kann man eintragen lassen - muß aber nicht, solange man die BE oder Allgemeine-BE (ABE) mit sich führt. Um für ein Zubehörteil eine ABE zu bekommen, muß der Hersteller oder Vertreiber des Teils beim Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) einen Antrag stellen. Neben den vielfältigen Werkstoff- und Festigkeitsprüfungen bei unterschiedlichen Randbedingungen (Temperaturschwankungen, Benzinbeständigkeit usw.) findet auch eine Anbaukontrolle am betreffenden Motorrad statt. Außerdem werden, je nach Art des Teils, mehr oder weniger intensive Fahrversuche durchgeführt. Von den Bauteilen müssen darüber hinaus exakte technische Zeichnungen gemacht werden. Ein vom KBA beauftragter Sachverständiger besichtigt außerdem die Produktionsanlagen, die eine gleichbleibende Fertigungsqualität gewährleisten müssen. Diese Qualitätskontrollen werden in unregelmäßigen Abständen wiederholt und müssen vom Antragsteller bezahlt werden. Nur Betriebe, die nach der strengen DIN ISO 9000 produzieren, müssen nicht extra kontrolliert werden.Für einen renomierten Zubehörhändler entstanden beispielsweise Kosten von rund 150000 Mark für die ABE seiner Spoiler-Scheiben. Bei Zubehörteilen, die nach der EWG-Richtlinie oder ECE-Regelung geprüft wurden, kann man sich auch das Mitführen einer BE ersparen. Nach den harmonisierten Normen der EWG-Richtlinie prüfen 15 Staaten der Europäischen Gemeinschaft. Teile, die diese Normen erfüllen, müssen unter diesen Staaten gegenseitig anerkannt werden. Das Genehmigungszeichen besteht aus einem Rechteck, in dem sich der Buchstabe »e« und die Kennzahl des genehmigenden Mitgliedstaates befindet. Außerhalb des Rechtecks ist die Bauartgenehmigungsnummer verzeichnet, die Bauart und Verwendungszweck angibt.Nach der ECE-Regelung prüfen 29 Staaten, die der UNO untergordnet sind. Ihr gegenseitig anerkanntes Prüfzeichen besteht aus einem Kreis mit dem Großbuchstaben »E« und einer etwas kleineren Länderkennzahl. Außerhalb des Kreises befindet sich die Genehmigungsnummer und gegebenenfalls weitere Kennzeichen.In der Praxis sind aber auch Teile mit EWG-BE nicht immer völlig problemlos. Woher soll beispielsweise ein Polizist in einer Kontrolle wissen, ob der gekennzeichnete Auspuff auch wirklich am richtigen Motorrad angebracht wurde? Mancher Hersteller liefert deshalb kleine Kärtchen mit, auf denen Kennzahl und Verwendungszweck vermerkt sind. Motorradfahrer sind zwar nicht zum Mitführen dieser Kärtchen verpflichtet, erleichtern aber sich und der Polizei das Leben bei Verkehrskontrollen.Außerdem sind schon nachgemachte E-Zeichen aufgetaucht. So wurden zum Beispiel Blinker mit gefälschten ECE-Zeichen in Umlauf gebracht (MOTORRAD 24/1994). Für den Verbraucher bedeutet das, daß ein wenig Mißtrauen und genaue Begutachtung der Genehmigungszeichen selten schadet. Nur wer sich beim Kauf eines Zubehörteils ausreichend über die weiteren Schritte der Zulassung informiert, ist vor unliebsamen Überraschungen sicher, die häufig auch noch ganz schön ins Geld gehen. Es sei denn, man hat einen besonders guten Freund beim TÜV, der alles einträgt, was man anschleppt.
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Auch beim Handel mit Gutachten gibt es schwarze Schafe (Archivversion) - Voll erwischt

Der Handel mit Prüfberichten und Gutachten floriert. Allerdings geht es dabei nicht immer mit rechten Dingen zu. Einen aktuellen Fall möchte die Redaktion MOTORRAD an dieser Stelle aufgreifen.Beim TÜV Fahrzeug-Lichttechnik in Berlin beantragte die Firma Kess Harley Import eine lichttechnische Untersuchung für einen Fahrtrichtungsanzeiger. In dem Bericht wurde die Erfüllung der lichttechnischen Vorschriften nach ECE-Regelung Nummer 50 bestätigt. Kostenpunkt des Gutachtens laut Angabe des zuständigen Labors: weniger als 1100 Mark.Die Firma Kess bot das auf ihren Namen ausgestellte Gutachten verschiedenen Zubehörhändlern für 500 Mark zum Kauf an. Was prinzipiell als gesetzlicher Eigentümer des Gutachtens legitim ist, doch gab es in diesem Fall einen Hinweis, daß das Gutachten nur für die Erteilung einer Einzel-Betriebserlaubnis gilt. Darüber hinaus wurde das »TÜV-Gutachten für Bulleteye-Blinker« speziell für japanische Motorräder angepriesen, obwohl die Blinker ursprünglich nur dafür gedacht waren, ältere Harley-Motorräder ungeschoren durch den TÜV zu bringen. Solange die Blinker ordnungsgemäß an anderen Motorrädern angebaut werden (gut sichtbar, Blinkerabstand etc.), ist aber nichts dagegen einzuwenden.Mehrere Händler sind auf das Kaufangebot eingegangen und bekamen das Gutachten per Nachnahme geliefert. In den verkauften Gutachten erschien urplötzlich ihr Name als Bevollmächtigte, obwohl im Original-Gutachten der Firma Kess keine weiteren Firmen namentlich genannt wurden. Nach Angabe eines betroffenen Händlers wurde diese Eintragung nachträglich von der Firma Kess vorgenommen. Diese wiederum beschuldigt den Käufer des Gutachtens. Auch ein Foto des Blinkers und eine Prüfnummer wurden eigenmächtig gegen die Originalabbildung ausgetauscht. Wer auch immer hier manipuliert hat, als Kavaliersdelikt kann man dieses Vorgehen sicher nicht mehr bezeichnen. Krönender Abschluß: Die Blinker wurden im Handel mit Sechs-Volt/Zehn-Watt-Lampen verkauft, obwohl das Gutachten ausdrücklich nach einer 21-Watt-Lampe verlangt. Ergebnis: Die zu schwachen Lampen brannten bei der ersten Betätigung auf Zwölf-Volt-Anlagen sofort durch.

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