Als Motorradmechaniker beim neuen James Bond-Film (Archivversion) Lizenz zum Cruisen

Klasse, 007. Im Auftrag seiner Majestät schnappt er sich ‘nen Cruiser von BMW und springt von einem Dach zum andern. Pardon: läßt springen. Von Stuntman Jean-Pierre Goy. Und dafür, daß die Mopeds laufen, sorgt Motorradmechaniker Chris Dettweiler.

Daß durch den neuen Bond »Der Morgen stirbt nie« eine BMW brummen sollte, wußte ich bereits anfangs 1997. Natürlich wollte ich dabeisein. Aber die Chancen standen schlecht. Die nehmen den Cruiser, sagte mir jemand von BMW, für die ich als freier technischer Mitarbeiter bei Werbefilm- und Fotoaufnahmen arbeite und Motorräder teste. Weil das Bike ist noch im Vorserien-Zustand ist, muß jemand aus der Entwicklung mit, der die R 1200 C in und auswendig kennt. Dumm gelaufen. Bis dann Ende April das Telefon klingelte. Ob ich sofort fliegen könne? Neun Mopeds, alle in Elfenbein, ab nach London und weiter in die Eon-Studios, ich mit Werkzeug und einem Potpourri wohlsortierter Ersatz- und Verschleißteile hinterher. Und, bei aller Freude, einem flauen Gefühl im Magen. Schließlich habe ich dafür zu sorgen, daß die Motorräder selbst die abstrusesten Stunts überstehen. Ein Blick ins Drehbuch: Sprung über 22 Meter, von Haus zu Haus. Dazu die Bond-üblichen Verfolgungsjagden. Über Straßen, Dächer, Balkone und mittenmang durchs Schlafzimmer. Als der französische Stuntman Jean-Pierre Goy bei ersten Probefahrten das Dickschiff auf die Hinterbeine stellt und einen Burnout nach dem anderen auf den Asphalt zaubert, sehe mich schon den lieben langen Tag nur am Schrauben. Goy will testen, was die Maschine alles kann, bevor die Crew in den Flieger nach Bangkok steigt, für fünf lange Wochen. Der Cascadeur ist’s zufrieden; ich weniger, denn ich muß dort mit vier Maschinen vorliebnehmen, In den Studios Werkstatt an Werkstatt. Dann die großen Hallen. Hinten ein Flugzeugrumpf, in der Mitte ein Panzer, Typen, die sich kinoreif prügeln. Ab und an ein Höllenlärm. Wieder mal ein Auto in die Luft geflogen. In der Kantine setzt sich ein Mann neben mich, den Arm gruselig blutverschmiert. »Möchtest du nicht lieber doch zum Arzt gehen?« frage ich ihn. »Sorry«, antwortet er, »wir haben gerade gedreht, ich hatte leider keine Zeit, mich umzuziehen.« Nach ein paar Tagen gewöhne ich mich an das Tohuwabohu, aus dem irgendwann - nur die Produktion weiß, wie - ein kompletter Film wird. In Bangkok müssen die nicht eingefahrenen Maschinen erst mal ein paar Kilometer auf die Uhr kriegen. Immer schön im Parkhaus auf und ab, mindestens 40 Kilometer. Jeden Morgen spätestens um halb fünf Uhr raus aus den Federn, sechsmal die Woche. Auf dem Call Sheet steht exakt aufgelistet, wie viele Motorräder für welche Szenen vor Ort sein müssen. Und die gilt es zu präparieren. Am Set muß alles flutschen. Verzögerungen kosten Geld. Verdammt viel Geld. Obwohl ganze Straßen für die Dreharbeiten gesperrt sind, herrscht ein Wahnsinnsbetrieb. Motorräder und Werkzeug bringt ein Truck, doch geschraubt wird meist auf der Straße, Rikschas fahren im Millimeterabstand vorbei, Neugierige treten sich und mir auf die Füße. Das alles bei 45 Grad und einer höllischen Luftfeuchtigkeit. Dazu der Streß des Wartens. Immer parat sein, falls Komplikationen auftreten, und gleichzeitig die Maschinen für den nächsten Drehtag vorbereiten - paßt irgendwie nicht zusammen. Bis mir mal der Kragen platzt. »Mensch, Leute, was wollt ihr eigentlich? Ich arbeite hier allein.« Unter der Dusche abends komme ich mir vor wie ein Bergarbeiter. Daß soviel Dreck von einem Körper abfließen kann, habe ich nicht für möglich gehalten. 300 Leute am Drehort, dazu noch mal dreihundert Komparsen. Die ganze Crew nächtigt in einem Hotel. Ich bin meistens mit den Jungs vom Action Vehicle Department zusammen, alles Engländer, spaßige Typen - und auch in Thailand immer very british: Punkt fünf werfen sie ein Stromaggregat an, Tauchsieder anschließen, Tee kochen. Bangkok hält immer wieder neue Überraschungen bereit: Beim Filmen auf einem Häuserdach werden zwei Helfer, die Unrat wegräumen, von Giftschlangen gebissen. Gut, daß immer ein Arzt und zwei Krankenschwestern vor Ort sind. Ein andermal fällt dem Regisseur vor Ort ein, daß das Motorrad maximal 30 fahren, der Tacho aber mindestens 70 km/h anzeigen soll. Mach mal, sagt er. In einer halben Stunde muß die Szene im Kasten sein. Erst mal hinsetzen, eine rauchen, das Motorrad ansehen, nachdenken: Die Impulse kommen vom Endantrieb. Wenn ich die von der Bremsscheibe abnehme? Könnte klappen. Schnell den entsprechenden Lochkreis herausgesucht. Probefahrt. Funktioniert. Hauptdarsteller Pierce Brosnan gehört nicht zu den Stars, die nach getanem Tagwerk sagen: »Jungs, laßt uns mal ein Bier kaufen.« Wir wechseln während der 15 Tage, die wir zusammen arbeiten, nicht mehr als ein paar Sätze. Auf einem Motorrad sitzt er nicht zu ersten Mal. Aber als er auf der BMW hockt, die auf eine Drehscheibe montiert wurde und mit deren Hilfe sich die tollsten Slides und Wendemanöver simulieren lassen, ohne daß die Maschine, die eh nicht läuft, sich auch nur einen Meter nach vorn bewegt, komme ich freilich nicht umhin, Pierce einen kleinen Tip zu geben. Denn während die Jungs am Set es schaffen, die Anordnung so geschickt kreisen zu lassen, daß es aussieht, als schleudere Bond elegant mit dem Hinterrad um die Ecke, dreht Brosnan wie wild am Gas. »Zwei Finger an der Vorderradbremse und das Gas gefühlvoll ausgezogen kommt einfach besser«, empfehle ich ihm. Er akzeptiert. Die Szene wird wiederholt. Meistens sitzt Goy auf dem Motorrad, mit seiner Perücke ist er von Brosnan kaum zu unterscheiden, auch das Stuntgirl sieht aus wie Bond-Gespielin Michelle Yeoh, die, mit Handschellen an 007 gefesselt, auf die wilde Jagd geht. Zwei Range Rover fliegen in die Luft - sie rammen, einen Imbißstand vor sich herschiebend, einen Laster, der, natürlich, Feuerwerkskörper geladen hat. Und danach holt die Schöne mit einer Wäscheleine den Helikopter vom Himmel. Bei Großaufnahmen werden die Schauspieler akkurat auf einer Motorradattrappe plaziert - deren Zylinder habe ich aus Holz geschnitzt. Ein Motorradtorso, der dank einer ausgeklügelten Mechanik jede Schräglage verträgt, wird von einem Pick-up mit Hydraulikpumpe durch die Szenerie gezogen. Kein Wunder, daß Brosnan selbst in den schwierigsten Situationen den echt Coolen raushängen kann. Die Cruiser halten durch, erweisen sich als stunt-tauglich, ab und zu mal einen neuen Blinker, Scheinwerfer, Lenker oder ein sonstiges Verschleißteil anbauen - das war«s auch schon. Der Hauptstunt steht freilich noch aus. In Bangkok läuft das nicht. Zu großer Aufwand, zu gefährlich. Deshalb haben Spezialisten auf dem Londoner Studiogelände die fernöstliche Straße exakt nachgebaut. 22 Meter soll Jean-Pierre Goy mit der dicken BMW fliegen, von einem Haus zum anderen. In jeder freien Stunde trainiert er das Kunststück, springt von Rampen, checkt ab, wie der Cruiser in der Luft liegt. Wir lassen den Belag ändern, weil das Hinterrad beim Beschleunigen durchdreht und bei nur 32 Metern Anlauf über 70 km/h erreicht werden müssen. Landen soll er in Umzugskisten, was er mit einer so schweren Maschine über diese Distanz noch nie zuvor gemacht hat. »Plötzlich ist alles dunkel, und du trennst dich von dem Bock, die viel schneller eintaucht als du.« An seiner Kluft: ein Karabinerhaken. An dem soll ihn ein Kran herausholen. Der Arzt hält schon die passende Halskrause parat. Für den dümmsten aller Fälle. Ich suche die beste Maschine heraus, mache sie so feuerfest wie möglich. Wenn Benzin ausläuft oder Krümmer und Kat zu heiß sind, können die Kartons entflammen. Silbern schimmerndes Asbest muß dran, Und ein Abreißschalter wie beim Speedway, der die Kraftstoffzufuhr sofort unterbricht. Jean-Pierre ist nervös, fängt wieder mit dem Rauchen an. Regen verschiebt den Termin immer weiter nach hinten. Bis es dann endlich soweit ist: Ein letzter Check - der Motor läuft rund, nimmt sauber Gas an. Ich klopfe Jean-Pierre auf die Schulter. »Alles okay?« Dann kommt das Kommando: »Action!« Jean-Pierre beschleunigt auf der Rampe, die sich im vierten Stock des Gebäude verbirgt, verschwindet im Nichts. Danach unerträgliche Stille. Der Applaus der Crew löst meine Anspannung. Ich renne nach vorn, Jean-Pierre hängt bereits am Haken, winkt mir zu. Und auch die BMW ist in allerbester Verfassung. Aber dran habe ich mich schon lange gewöhnt.

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