Amerikanische Prachtstücke (Archivversion) Sammler und Jäger

Der Kunstschmied und Kutschenbauer Peter Delvos sammelt ausschließlich uralte US-Bikes. Weil die kaum noch aufzutreiben sind - und sich eigentlich auch kaum noch restaurieren lassen.

Wenn Peter Delvos das Hier und Jetzt vergessen will, dann steigt er sonntags und bei gutem Wetter die Stiegen seines 300jährigen Anwesens herab, wischt dem dicken Kater übers Fell, guckt nach den Geranien und biegt rechts ab zum Stall. Die Flügeltüren quietschen ein wenig in den Angeln, und Delvos steuert auf einen seiner hubraumstarken Vierzylinder zu.Jetzt flutet er den Vergaser, kickt ein-, zweimal. Nahezu ungedämpfter Four-Sound bellt durch den Fachwerk-Weiler, hallt zwischen Kirche und Kneipe hin und her. Peter Delvos streicht sich den grauen Vollbart glatt, schnürt den Riemen der Halbschale fest, tritt die Kupplung, legt mit der linken Hand den ersten Gang ein, fährt los. Hinaus in die sanften Hügel des Bergischen Landes, hinein in sein Zeitloch. Die Kirchenglocken läuten zum Gebet, die Gläubigen schmunzeln, bewundern den blitzenden Oldtimer. Die Frau aus dem Blumenladen nebenan winkt gerührt. Ach Gott.Henderson, Indian oder ACE heißen die Lieblinge des Peter Delvos, und der betrachtet seine Leidenschaft für amerikanisches Schwermetall weniger als Nostalgie denn als logische Konsequenz einer mehr als 35jährigen Motorrad-Leidenschaft. Angefangen hat der gelernte Kunstschmied mit den schnellen Zweitaktern von Adler. »Damals, als die Dinger in Deutschland ganz vorn mitfuhren.« Nicht daß der gebürtige Düsseldorfer auch vorneweg gerast wäre, aber er hat den Rennern seiner Kumpels zum unbedingt angesagten Schwingenrahmen verholfen. »Serienmäßig hatten die ja hinten Geradwegfederung.«Doch irgendwann war einfach Schluß mit den Frankfurter Twins, keine Chance mehr gegen Honda oder Yamaha. Außerdem warteten neue Herausforderungen. Delvos baute sich einen Chopper auf CB 500-Basis, und noch heute schwört er: »Das war der erste hier, zwischen Köln und Dortmund. Oder sowieso.« Freilich nahm des Tüftlers Freude am easy riding proportional zum Chopper-Boom ab, und so sattelte er wieder um. KTM, später SWM, hießen die stollenbereiften Rösser, die ihn mehrere OMK-Serien lang über Deutschlands Pisten trugen. Dem Endurosport frönte er mit rheinischer Gelassenheit: Wenn ihm danach war, hielt er mitten im Wettbewerb an und erfreute sich auf einem lauschigen Bänkchen an der Kondition seiner Mitbewerber.Eigentlich logisch, daß ein solcher Sportsgeist sich irgendwann von einer Harley inspiriert fühlte, aber ebenso logisch, daß ein Peter Delvos sich ziemlich schnell ärgerte, weil damit alle Welt herumfahren konnte. Zum Glück keimte just zu dieser Zeit der Kult um Indian, den einstigen Hauptkonkurrenten von Harley-Davidson, und - wiederum logisch - der Kunstschmied Delvos vernarrte sich in die barocken Blechkarossen der Scouts und Chiefs aus Massachusetts. Weil er obendrein noch Schlossermeister ist, schreckte ihn die grobschlächtige Technik nicht. Im Gegenteil. »Ich steh’ auf Dampfmaschinen.« Mittlerweile fesseln ihn vor allem die Fours, deren Wiederaufbau grundsätzlich mit detektivischer Kleinarbeit, Geduld sowie guten Kontakten einhergeht. »Da hilft Geld allein nicht weiter.« Und deshalb darf sein Quartett rarer Vierzylinder als echter Schatz gelten: Henderson aus den Jahren 1916, 1922 und 1924 sowie eine 1927er ACE parken im Delvosschen Stall. Als Küken dann doch noch eine V2-Indian. Aber was für eine: Für das Hillclimbing, noch heute in den USA als ernsthafte Sportart gehandelt, baute das Werk in den 40er Jahren einige Werksmaschinen. In Neuengland, bei Brownie, dem allerletzten noch existierenden Indian-Händler, hat Delvos eine davon entdeckt. Verstaubt in einer Ecke. Man kam ins Gespräch, sinnierte über den Lauf der Welt und das tragische Ende von Indian, zog einige lang gesuchte Ersatzteile aus dem »fürchterlichen« Keller und sagte Good bye.Erst daheim fing die Sache an zu nagen: ein Werksrenner, Baujahr 1945, fast komplett. Welche Chance. Anruf bei Brownie, das Ding war gekauft, Abholung in einem Jahr oder so. Alles okay? Mitnichten, denn der über 80jährige Brownie glaubte, in dem praktisch veranlagten Mann aus Germany auch einen würdigen Geschäftsnachfolger gefunden zu haben. Er bot Peter Delvos gleich den ganzen Laden an.Doch da hakte so etwas wie Restvernunft ein. Schließlich verläßt einer nicht so ohne weiteres sein selbst restauriertes Fachwerkhaus nebst dazugehöriger Kneipe. Noch dazu mit der faden Aussicht auf Heinecken statt Kölsch, also ehrlich. Außerdem hatte sich Delvos in Wülfrath längst sowohl als Restaurator wie als Kutschenbauer etabliert. Selbst der Sultan von Oman vertraut bei Wüstentouren auf eine DE-Kutsche aus der Fortunastraße. Wer nun meint, da habe sich das verrostete Hobby ja ideal mit einer weiteren Abart altertümlicher Fortbewegung getroffen, der irrt: Der Mann, den sie in der Oldie-Szene für seine perfekten Restaurierungen bewundern, als stilsicheren Bewahrer schätzen, der steht im geschichtsträchtigen Pferdesport für Innovation. Wo andere noch mit Blattfedern schaffen, verbaut Delvos längst einstellbare Koni-Federbeine, und auch sonst ist kein Teil vor seinem Erfinderdrang sicher.Nein, nur die Bikes verbinden ihn mit einer anderen Welt. Sie sind sein Zeitloch: Anderthalb bis zwei Jahre dauert es trotz guter Beziehungen und zwei bis drei USA-Reisen pro Jahr, bis alle Teile zusammengetragen sind. Verrostet, verlumpt, hoffnungslos. Am Ende doch ein Prachtstück, und keines war Delvos bislang zu schade, um damit bei Treffen oder Ralleys auzutauchen. »Museen sind wie Friedhöfe. Die Dinger müssen rappeln.« Wenn ein anderer sie angemessen rappeln lassen kann und genügend Kleingeld mitbringt, dann trennt sich Peter Delvos schon mal von einem seiner Prachtstücke. Um hernach mit wohlgefülltem Portemonnaie den nächsten Big Four aufzustöbern. Das Prinzip Hoffnung ist sein ständiger Wegbegleiter, gelegentlich versetzt er sogar noch Gattin Monika und Tochter Sabine, die sein Hobby ansonsten liebevoll unterstützen, ins Staunen: Zu den teuersten Kleidungsstücken im Hause Delvos zählt ein Putzlumpen-artiges Gewebe, auf dem in blassem Rosa der Namenszug Indian zerläuft. »Das ist ein Original-Trikot vom Werksfahrer Ed Kretz«, berichtet Delvos. Die Reinigung hatte auch versprochen, die Stockflecken schonend zu beseitigen. Doch als er das gute Stück abholte, hatte es die Zeit eingeholt. Loch an Loch, total zerknittert hängt es jetzt über der Werkbank und erinnert an die Endlichkeit allen Seins.

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