Anlassen in Langenselbold (Archivversion) Ja und Amen

Der Verband Christlicher Motorradfahrer lud zu Gottesdienst und Korso ins hessische Langenselbold. Immerhin 6000 Biker kamen zum 18. Anlassen. Was bringt sie dazu? Und was wird da eigentlich geboten?

»In die Kirche kriegen die mich nicht.« Susanne Metzentin schüttelt energisch den Kopf. Die 31jährige hat auf massenhaft zelebrierte Religiosität keinen Bock. »Man kann trotzdem an Gott glauben«, sagt sie fast trotzig und klettert auf ihre Honda XBR 500, die auf dem Rathausplatz im hessischen Langenselbold parkt. Wo bereits um elf Uhr an diesem Sonntag die Hölle los ist: Tausende von Bikes von der Yamaha XV 535 über die Kawasaki ZX-9R bis zur Honda Gold Wing rollen in das Städtchen. Zum Saisonauftakt, von den Christen »Anlassen« getauft. »Das Event im Rhein-Main-Gebiet. Da muß man hin«, meint Enduro-Treiberin Andrea Müller. Dagegen kommt Peter Kowalczuk wegen der Gemeinschaft: »Wir sind alle Motorradfahrer.« Manchen reizen die Bikes. »Hautnah so viele Motorräder sehen. Das ist ein Erlebnis«, sagt Holger Schultheis. Und Stefan Günther trifft seine Kumpels: »Ich bin eigentlich wenig religiös. Aber das ist ein schöner Saisonbeginn.« In der Stadtkirche begrüßt der evangelische Pfarrer Ruprecht Müller-Schiemann Oli, der Geburtstag hat, Anke und Uli, weil die bald heiraten. Worauf im Gotteshaus frenetischer Jubel ausbricht. »Das ist wunderbar. Eine volle Kirche«, freut sich der Seelsorger. Motorradfahrer, die eben noch zu den Popklängen der Wiesbadener Band »Mut« klatschten, lauschen andächtig der Meditation. »Mobil sein ohne sich zu verlieren«, schallt’s von vorn. Ein Sketch der Christlichen Motorradfahrer, der für Brüderlichkeit wirbt, lockert die Stimmung wieder auf, bevor die Andacht um die Frage »Woher komme ich und wohin fahre ich?« kreist. Darauf müsse nicht jeder mit Gott antworten. Meint der Herr Pfarrer, der Lacher auslöst: »Wenn jemand mit abgesägtem Auspuff in Schotten vorbeifährt, fällt der Oma das Gebiß aus dem Mund. Dann kommen die Leute zu mir und sagen: Mit denen machen Sie gemeinsame Sache.« Ein klares Jein des Hirten. »Mehr Frieden auf unseren Straßen«, lautet sein frommer Wunsch. Höhepunkt der Inszenierung: Der Pfarrer tauft Nachwuchs: »Seid ihr bereit, diese und alle Kinder dieser Welt zu schützen und im Straßenverkehr auf sie zu achten?« fragt er die Bikergemeinde. »Ja«, erklingt es aus Hunderten von Kehlen. »Das geht ans Herz«, sagt Oberkirchenrat Volker Läpple gerührt.Während die Biker drinnen still eines Motorradfahrers gedenken, der zehn Menschen beim Unglück im Mont Blanc-Tunnel rettete und dabei umkam, johlen andere draußen. Die grüngekleidete Kradstaffel, die die Straße runterfährt, kriegt ihr Fett ab. Drinnen erschallt das Amen.»Die Predigt ging richtig schön aufs Gemüt«, freut sich Angela Frekot. »Das macht Spaß. Ich gehe überhaupt nur zweimal im Jahr da rein, zum Anlassen und zur Gedenkfahrt im Herbst«, sagt CBR 600-Pilot Uwe Rieß, der aus der Kirche ausgetreten ist. Da scheint er nicht der einzige zu sein. »So im Schnitt nehmen nur zehn bis 20 Prozent der Leute, die hier sind, am Gottesdienst teil«, meint Claus Pöhlmann vom Veranstalter, dem Verband Christlicher Motorradfahrer (VCM). »Die anderen sind genauso gern gesehen«, betont Co-Organisator Müller-Schiemann. Beim anschließenden Korso, der von Langenselbold nach Gründau zum ADAC-Übungsplatz führt, geht fast alles glatt. Nur die Polizei an der Spitze verirrt sich in der hessischen Pampa. Was Claus Pöhlmann vom VCM in der Aufregung zur unchristlichen Bemerkung hinreißt: »Beinahe hätte ich dem einen Tritt verpaßt.«Auf dem Übungsplatz zieht der Leistungsprüfstand viele in seinen Bann. Reifenfirmen und Würstchenbuden werben für ihre Produkte. Auf dem Podium geht´s um Kirche, Notärzte auf dem Motorrad und Verkehrssicherheit. Gegen fünf Uhr ist kaum mehr was los. Elke Rieß fand´s prima: »Wenn’s so viele sind, wissen die Autofahrer, wir sind wieder auf der Gasse.“

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