Appenzell (Archivversion)

Ganz früh morgens

Wer mit einer 350er-Enfield in die Berge will, sollte zeitig losfahren. Für den Konstanzer Frank Siepmann sind die Appenzeller Berge jenseits des Bodensees bereits ein großes Ziel.

Spätestens um fünf Uhr früh muss es losgehen. Wenn kein Auto unterwegs ist, die Kinder noch in den Federn liegen und die Straßen allein der Enfield und mir gehören. Auch an diesem Sonntag im Sommer, an dem sich im spiegelglatten Bodensee gerade die aufgehende Sonne spiegelt, als die Bullet 350 grollend auf die Uferstraße einbiegt. Ich bin froh, Zeit zu haben. Zeit für die Berge, Zeit für 17 PS und Zeit für die Enfield, deren Reparaturanfälligkeit mitunter auch kürzere Ausfahrten zu beschwerlichen Tagesreisen werden lässt. Vorausschauend sind Werkzeug und die wichtigsten Ersatzteile an Bord: Neben diversen Schrauben, die sich regelmäßig losvibrieren, oder Zügen, die reißen, verabschiedeten sich auf der letzten Tour allerdings Dinge wie der Lichtmaschinenregler und die Kupplung – die natürlich nicht mit dabei waren. Aber das meiste lässt sich mit etwas Geschick und einem gut sortierten Tankrucksack richten. In ein paar Stunden, auf der kleinen Straße hinauf nach Heiden, da wird die Himalaya-erprobte Enfield erstmals zeigen müssen, ob sie mit ihren 17 PS auch in den Alpen besteht. Zum Glück sind sie hier ja noch nicht so hoch und so früh ist außerdem die Gefahr gering, einen Stau am Pass auszulösen. Ein kleines Hinweisschild nach rechts irritiert und macht neugierig zugleich: »Fünfländerblick«. Ich folge dem Wegweiser und überlege angestrengt, welche fünf Länder es hier zu sehen geben könnte: Schweiz, Österreich, Lichtenstein, Deutschland – mehr fällt mir beim besten Willen nicht ein. Am Aussichtspunkt gibt dann eine Tafel die überraschende Antwort: Bayern, Baden, Württemberg, Vorarlberg und Schweiz! Eidgenössische Betrachtungsweise. Aber die Aussicht über den Bodensee und die besagten Anrainerländer ist deswegen nicht weniger schön: Im Norden locken Hegau und westliches Allgäu, im Osten der Bregenzer Wald. Und im Süden, also in meinem Rücken quasi und erst später sichtbar, liegen die richtigen fetten Zweieintausender des Alpstein. Dorthin soll die Reise gehen. Keine einfache Sache für die kleine Enfield, die sich nun tapfer an die ersten 18 Prozent Steigung hinauf ins Appenzell wagt. Brüllend laut und schneckenlahm zugleich grollen wir bergan. Hinein in die hundertfach gefaltete Landschaft, die immer wieder aufs Neue Erwartung und Spannung in mir weckt. Egal, mit welchem Vehikel. Jedes Auf und Ab öffnet von Augenblick zu Augenblick neue Bilder und Perspektiven. Parallel zur Straße schnauft eine alte Zahnradbahn bergauf. Beruhigend, dass sie genauso langsam ist wie wir. Tempo 30 im ersten Gang werfen bei der Enfield allerdings erste Zweifel an der Glaubwürdigkeit der offiziellen Leistungsangabe auf. Fast gleichzeitig mit der Bahn erreichen wir den hoch über dem Rheintal liegenden kleinen Erholungsort Heiden. Nach einem kurzen Plausch mit dem Lokführer gibt’s ein Schweizer Frühstück mit Gipfeli und Kaffee für mich sowie eine kleine Rundumsicht an der Enfield. Doch die stemmt offenbar ohne große Verluste unser beider Gewicht über die Berge, lässt wenig später auch den 1000 Meter hohen Ruppenpass stampfend hinter sich, bevor wir vor Altstätten wieder hinab in die Niederungen des leicht dunstigen Rheintales sausen. Na ja, saußen... Wir tasten uns eher hinab, denn beim Bremsen gibt sich eine Enfield ähnlich kraftwoll beim Bergauffahren. Die Trommelbremsen verzögern etwa auf indischem Ochsenkarrenniveau. Hinter dem malerischen Örtchen Altenstätten keuchen wir hinauf in Richtung Gonten, wo gerade Kuhmarkt stattfindet. Fast heimatliche Gefühle für die Enfield, den es erinnert an an die Kamelmärkte im fernen Indien. Jetzt noch ein Abstecher auf die Alm eines Bergbauern mit Käserei. Denn hier, bei diesen offensichtlich glücklichen Kühen am Fuße des Alpstein, fülle ich den Rucksack mit bestem Appenzeller Käse. Wer weiß, wann die erste Zwangspause kommt.Doch die einzige Panne verursache ich selbst - als ich vergesse, wie niedrig Appenzeller Bauernhäuser sind und mir ordentlich den Kopf an dem Balken der Käsereitür anschlage. Etwas benommen knattere ich weiter, durch gemütliche Dörfer mit bunt bemalten und Blumen geschmückten Fachwerkhäusern. Mit Genuss atme ich die wohltuende Voralpenluft ein und steuere über Urnäsch die immerhin 1352 Meter hohe Schwägalp an, den letzten Logenplatz vor dem Säntis, mit 2505 Metern dem höchsten Gipfel im Alpsteinmassiv und eines der Herzstücke des Kantons. Es wird immer steiler und alpiner, die Enfield mobilisiert das letzte PS und ich erzähle ihr von Annapurna und Daulaghiri, echten Achttausendern, wo es sicher noch viel mühsamer wäre. Und sie packt es, den 1278 Meter hohen Schwägalppass und sogar die letzten Meter zur Alphütte hinauf. Wir haben es geschafft. Für mich gibt’s einen Kaffee, für die Enfield kühlende Alpenluft und ein paar Streicheleinheiten. Mindestens so schön wie im Himalaja sei es hier, versichere ich ihr. Dann seilen wir uns über die Passstraße hinab nach Neu St. Johann und von dort an der tosenden Thur entlang Richtung Wattwil. Beim Tankstopp nutze ich die Zeit für einen Blick auf die Landkarte. Und entdecke prompt eine kleine Verbindung über Heiterswil, Hemberg und Hochhamm zurück nach Urnäsch. In einem wahren Kurvenlabyrinth fegen wir durch sattgrüne Kuhweiden wieder in die heimliche Hauptstadt des Kantons zurück und von dort weiter nach Norden. Nach Gossau, denn dort soll ein Motorradmuseum existieren. Tatsächlich entdecke ich es nach längerer Suche in einem unscheinbaren älteren Haus mit einem verblichenen und kaum mehr lesbaren Schild »Motorradmuseum«. Es ist Joe Hilti, der hier nicht etwa Bohrmaschinen in petto hat, sondern mir die Tore zu einer der beeindruckensten, privaten Motorradsammlungen öffnet, die mir bekannt ist. In drei Hallen finden sich 120 Motorräder 60 verschiedener Mark aus zwölf Ländern. Das älteste Stück stammt von 1898! Ich vergesse die Zeit, als Joe mir die ausgefallensten seiner Prachtstücke zeigt. Nach drei Stunden schwirrt mir der Kopf voll und ich verabschiede mich bewegt. Noch einmal wird die Enfield angekickt, um die letzten Buckel über Engelburg und St. Pelagiberg zurück zum Bodensee zu nehmen. Heute scheint ihr persönlicher Glückstag zu sein. Xxx Kilometer in zehn Stunden und kein einziger Ausfall. Wahrscheinlich war es so früh morgens für sie wirklich fast so schön wie im Himalaja.
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Infos (Archivversion)

Das sich zwischen Boden- und Walensee erstreckende Appenzeller Land bietet Schweizer Leben pur. Und mit dem über 2500 Meter hohen Alpsteinmassiv bereits alpines Ambiente – nicht nur für Enfield-Fahrer.
Anreise: Entweder von München über die A 96 via Lindau nach Bregenz. Von dort per Landstraße weiter nach St.Margrethen und über Altstätten hinauf ins Appenzellerland. Oder aus Richtung Basel über die Schweizer Autobahnen (Achtung Vignette: 25 Euro) N 3 und N 1 via Zürich in Richtung St.Gallen bis zur Ausfahrt Appenzell. Oder per A 81 Stuttgart – Singen - Bodensee.ÜbernachtenHotels und Pensionen gibt es in jedem kleinen Dorf des Appenzeller Landes. Nett und zentral gelegen ist das »Rössli« in 9050 Appenzell, Telefon 0041-(0)71/7871560. Wer besonderen Wert auf gute Küche legt, sollte sich im Landgasthof Bären in 9108 Gonten einquartieren, Telefon 0041-(0)71/7954010, dessen Restaurant aufgrund seiner Vielfalt an Appenzeller und saisonalen Spezialitäten einen sehr guten Ruf genießt. In der Region gibt es außerdem zahlreiche, in den genannten Landkarten verzeichnete Campingplätze. Beispielsweise in Jakobsbad bei Gonten, in Kaubad bei Appenzell, in Schönengrund, am Rickenpass bei Wattwil, am Voralpsee sowie gleich mehrere an Boden- und Walensee. Sehenswürdigkeiten:Motorradmuseum Hilti, Kirchstr 43 in 9200 Gossau, Telefon 0041-(0)71/ 3851656. Öffnungszeiten: samstags von 10 bis 16 Uhr und sonntags von 11 bis 16 Uhr, außer am jeweils ersten Sonntag im Monat und an Feiertagen. Appenzeller Schaukäserei (mit Restaurant und Tonbildschau) in 9063 Stein, Telefon 0041-(0)/71/3685070, Käseherstellung täglich von 9 bis 14 Uhr. Museum für Appenzeller Brauchtum, Dorfplatz, 9707 Urnäsch, Telefon 0041-(0)/71/3642322.Literatur: Empfehlenswert sind die Reiseführer »Appenzeller Land« aus dem Rother Verlag für zehn Euro, »Ostschweiz/Graubünden« von Polyglott für acht Euro und »Appenzell« von Kümmerly + Frey für 13 Euro. Literaturliebhaber sollten Herman Hesses »Beschreibungen einer Landschaft« aus dem Suhrkamp Verlag lesen, in dem der Autor sich intensiv mit Appenzell auseinandersetzt. Gute Karten kommen von Marco Polo mit der Generalkarte, »Ostschweiz« in 1:200 000 und Kümmerly + Frey, »Schweiz« in 1:301 000. Informationen:Appenzeller Tourismus AI (Innerrhoden), CH-9050 Appenzell, Telefon 0041-(0)71/7889649 und AR (Außerrhoden), CH-9063 Stein. Telefon 0041-(0)71/685050. Internet: www.myappenzellerland.ch; (Achtung: Landeswährung ist der Schweizer Franke, obwohl der Euro als Zahlungsmittel weitgehend akzeptiert wird. Wechelgeld gibt’s jedoch nur in Franken). Tipps für Enfield Fahrer: Wer technische Problem hat, findet in der Region Hilfe bei EGLI Motorradtechnik AG, CH-5618 Betwil, Telefon 0041-(0)56/6672360 und Alfred LATSCHA, D-78467 Konstanz, Byk-Gulden-Str. 24a, Telefon 07531/27661.Gefahrene Strecke: xxxx KilometerZeitaufwand: ein Tag

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