(Archivversion) Mike the bike

Happy hour: Die Prüfungen sind vorbei, der Sieger steht fest, und es hat Spaß gemacht. Der »Motorradfahrer des Jahres« heißt Michael »Mike« Nägele. Was war bei der Endrunde am Nürburgring los?

Dienstag 28. September, 7.45 Uhr. Graue Wolken hängen über der Nordschleife, zwölf Grad, es nieselt leicht. 120 Teilnehmer des Perfektionstrainings, darunter die 23 Kandidaten der Aktion »Motorradfahrer des Jahres«, erleben einen ausgeschlafenen Dr. Christoph Scholl. Der Notarzt hüpft auf einem Bein wie Hans Huckebein. Alle mitmachen. Auflockerungsübungen, wach werden. Kreisfahren am Lenkanschlag ist angesagt. Ein echter Balanceakt. Beifall für Jürgen auf seiner betagten Yamaha XJ 900. »Hab’ ich zu Hause geübt«, gibt er zu. Wäre ja auch dumm, wenn nicht. Jetzt steht der »Jäger-Parcours« an. Der heißt nicht etwa so, weil ihn nur trialfahrende Gebirgsjäger beherrschen, sondern nach seiner Erfinderin und Instruktorin Christel Jäger. Christel, bist du gemein. Wer soll das schaffen? Schneller Slalom um Pylonen, dann 90 Grad nach links abbiegen, in einer Box zum Stehen kommen, Motorrad rückwärts um eine Kurve schieben, aufsitzen, ein Stück vorfahren, Trial-Stopp in einer engen Gasse, fußeln oder Gasse verlassen gibt Minuspunkte. Anfahren, über ein schmales Brett rollen, dann extrem langsamer Slalom und in eine Box reinbremsen. Alles auf Zeit. Kaum einer schafft’s fehlerlos, aber Claus aus Stuttgart mit seiner BMW R 1100 GS gelingt’s. Cool, man.»Wir haben uns Übungen ausgedacht, die jeder Motorradfahrer beherrschen sollte, wenn er sicher unterwegs sein möchte. Sie simulieren reale Situationen im öffentlichen Straßenverkehr«, erklärt Heiner Götsche. Der Fahrlehrer begleitet das MOTORRAD-Perfektionstraining seit den Anfängen in den 80er Jahren und hat maßgeblich an den 14 Übungen für den »Motorradfahrer des Jahres« mitgewirkt. MOTORRAD ACTION TEAM-Chef Hanss-Martin Fraas begründet die so: »Wir suchen nicht den schnellsten Motorradfahrer, sondern den sichersten.« Und der muss auch im Gelände klarkommen. Tags zuvor - die Eifel zeigte sich noch von ihren sonnigen Seite - durften die Kandidaten auf die Cross-Piste. Gleiche Voraussetzungen, gleiche Motorräder: KTM 400, fünf Minuten üben, dann eine Runde auf Zeit. »Bin noch nie im Gelände gefahren«, überrascht Buell-Lenker Michael »Mike« Nägele Konkurrenten und Instruktoren. Und hopst unspektakulär, aber zügig und sauber über die Buckel. Bestzeit. Sicherheitsmängel am Motorrad erkennen, auch das gehört dazu. Zu stramme Kette, lockere Schrauben, fehlender Achssplint und noch ein paar Defekte machen aus einer klapprigen Yamaha SR 500 ein gefährliches Gefährt. Theorie ist ebenfalls gefragt. »Schlimmer als in der Fahrschule«, flucht einer. Und das ist verdammt lang her. Kann man in der Kurve mit ABS unbedenklich bremsen? Ja, weil die Seitenführungskräfte auch bei Vollbremsung erhalten bleiben, lautet eine Antwort. Wer das ankreuzt, lebt gefährlich. Zurück zum Ring. Der Himmel weint, die Visiere beschlagen, Wasser läuft in Handschuhe und Stiefel, alles klamm. Die Wertungsrunde auf der Kartbahn steht auf dem Programm. Enge Kehren, glatt wie Schmierseife, der Bayer Christian driftet auf seiner Honda VFR 1000 ums Eck wie ein Grand Prix-Fahrer. Super.Fortsetzung folgt: auf dem Grand Prix-Kurs. Weil`s auch hier zur Rutschpartie wird, beschließt man, sie aus der Wertung rauszunehmen. Immerhin können die Konkurrenten ein paar vorsichtige Runden drehen. Der Sauerländer Michael lässt`s mächtig knacken, er muss mit der Zielflagge von der Strecke gezwungen werden. Wofür hat man schließlich eine Supersportler namens Kawasaki ZX- 9R? Der Tag ist rum, die Sauna im Dorint-Hotel lockt. Abendessen, Benzin labern, zwei Weizenbier, ins Bett.»Mensch, hab ich Muskelkater«, stöhnt Sebastian auf Ducati Monster am nächsten Morgen. Wovon bloß? Schon wieder in die Sektionen. Und der Regen fällt. Spätestens bei der »Spiegel-Übung«, benannt nach dem langjährigen Senior-Instruktor Professor Bernt Spiegel, verfliegt der Muskelschmerz. Beschleunigen und danach Bremsen in Schräglage: Quer zur Fahrbahn aufstellen - der Streckenabschnitt »Schwalbenschwanz« ist ein ideales Terrain -, dann in Fahrtrichtung schwenken, beschleunigen und in einer Bergab-Linkskurve, die durch Pylonen markiert ist, in eine Box hineinbremsen - in Schräglage. Und bei strömendem Regen. »Mach das mal vor«, verlangt Teilnehmer Michael. »Nee«, knurrt Ralf Möckel, Instruktor und Ex-Deutscher Meister. Man glaubt ihm, dass er’s kann. Keiner fällt runter. Sauber, Jungs.Nachmittags steht die Kür an. Oh Wunder, ein paar Minuten kommt die Sonne raus, die Nordschleife trocknet ab. Gas, immer hinter dem Instruktor her. Jetzt kommt Freude auf. Nicht lange, wieder regnet es Katzen und Hunde. Die Wertungsrunde läuft. Schön rund fahren, die ideale Linie finden, Kurven richtig anbremsen und rausbeschleunigen, das ist hier gefragt. Und immer auf der sicheren Seite bleiben. So wie im richtigen Leben auf der Landstraße.Der Abend naht. Preisverleihung in der edlen Mercedes-Halle. Die Teilnehmer müssen noch fix eine Balanceübung im Stand hinlegen. Auf der Trial-Maschine von Ex-Trialmeister Helmut Stanik. Der führt`s vor und klettert schnell die Tribüne hoch. Das muss aber niemand nachmachen. Es gewinnt: Michael Nägele, Zweiter wird Claus Freiberger, Dritter Benedikt Haider. Alle drei nehmen ein je 25000 Mark teures Motorrad mit nach Hause. Glückwunsch und bis nächstes Jahr.

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